Uno-Einsatz in Afrika "Bei einem Völkermord müssen wir 100.000 Mann in den Kongo schicken"

Sollen europäische Soldaten im umkämpften Ostkongo eingreifen? Bundespräsident Köhler hat mit seiner Forderung eine heftige Debatte ausgelöst. Der SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose lehnt einen eingeschränkten Einsatz ab - plädiert im Interview aber für die ganz große Lösung.


SPIEGEL ONLINE: Herr Klose, Bundespräsident Köhler will deutsche und andere europäische Soldaten mit einem robusten Mandat in den umkämpften Ostkongo schicken. Warum sind Sie dagegen?

Klose: Ich sehe die gute Absicht Köhlers, denn die Situation im Osten des Kongo ist entsetzlich. Ich weise jedoch darauf hin, dass die Situation in Somalia oder in Darfur auch schrecklich ist - und da machen wir seit Jahrzehnten nichts.

SPIEGEL ONLINE: Rechtfertigt das Versagen in Somalia oder im Sudan weitere Versäumnisse im Kongo?

Klose: Der Ostkongo ist so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen. Dieses Gebiet mit ein paar Tausend Blauhelmen der Uno sichern zu wollen, halte ich für reichlich verwegen. Da reicht es auch nicht, die Monuc mit weiteren 3000 europäischen Soldaten aufzustocken.

SPIEGEL ONLINE: Der Kongo insgesamt ist so groß wie Westeuropa. Die Krisenprovinzen Nord- und Südkivu haben ein Fünftel der Fläche Frankreichs. Das ist doch überschaubar.

Klose: Dennoch bin ich dagegen, erfolglose Missionen zu beginnen. Dafür werde ich meinen Finger nicht heben. Wenn sie den Kongo wirklich stabilisieren wollen gegenüber etwa 20 Milizen und Regierungseinheiten, die Teil des Problems sind, und gegenüber 48 Gesellschaften, die die Rohstoffe des Landes ausbeuten, dann brauchen sie mindestens eine halbe Million Soldaten.

SPIEGEL ONLINE: Soll man die notleidenden Menschen sich selbst überlassen?

Klose: Ich wüsste nicht, was wir machen können. Mit 3000 zusätzlichen Soldaten könnte man bestenfalls zwei, drei Flüchtlingslager schützen, aber niemals die Region befrieden. Wir sind schon bei zu vielen Militäraktionen engagiert, bei denen der Erfolg höchst ungewiss ist. Und wenn wir es machen, machen wir es nie richtig - vielleicht mit der einzigen Ausnahme: die Absicherung der Wahlen im Kongo Ende 2006.

SPIEGEL ONLINE: Im Osten des Kongos gibt es sehr wenige Straßen, sehr wenige Landepisten, wenige Grenzübergänge. Diese Schlüsselpunkte könnten robust mandatierte Blauhelme doch kontrollieren, um den illegalen Rohstoff- und Waffenhandel zu unterbinden.

Klose: Das könnten die bereits eingesetzten Uno-Einheiten schon jetzt machen - und machen sie es?

SPIEGEL ONLINE: Die derzeit eingesetzten Blauhelme vor allem aus Asien haben kein robustes Mandat, sind schlecht ausgerüstet und nicht willens, ihr Leben zu riskieren.

Klose: Und mit 3000 Europäern wollen Sie das garantieren?

SPIEGEL ONLINE: Das erhoffen sich zumindest Vertreter von NGO, die im Ostkongo arbeiten. Wie Köhler fordern sie von Europa afrikaerprobte Truppen, die nicht gleich wegrennen, wenn's knallt.

Klose: Ich bin ja dafür zu helfen, doch ich glaube, dass es einfach nicht zu schaffen ist. Wir dürfen uns nicht erneut in eine Situation begeben wie zum Beispiel in Afghanistan, wo wir am Rande des Scheiterns sind. Sollen wir jetzt in den Kongo gehen und auf Kindersoldaten schießen?

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Lage so aussichtslos ist, wie sie es darstellen, welchen Sinn hat dann die jetzige Uno-Mission - die bisher größte und teuerste?

Klose: Sie haben Recht. Das muss man sich wirklich fragen. Denn wenn es gefährlich wird, ziehen sich die Blauhelme zurück.

SPIEGEL ONLINE: Vor 14 Jahren hat die Welt einem Völkermord im benachbarten Ruanda untätig zugeschaut. 800.000 Menschen wurden abgeschlachtet. Experten warnen, auch im Kongo bahne sich ein Genozid an.

Klose: Wenn es so ist, müssen wir 100.000 Mann hinschicken. Alles andere reicht nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum greift die Weltgemeinschaft nicht entscheidend ein?

Klose: Warum hat sie in Darfur nicht eingegriffen? Warum nicht in Somalia? Man muss doch vorher prüfen, welche Erfolgsaussichten man hat - und bei diesem Unternehmen im Kongo hat man keine.

SPIEGEL ONLINE: Greift die Staatengemeinschaft auch deshalb nicht ein, weil sie für Schwarze nicht den Kopf hinhalten will?

Klose: Das hat mit der Hautfarbe gar nichts zu tun. Es hat mit mangelnder Nachhaltigkeit zu tun. Sobald die Truppen weg sind, geht es wieder los. Nötig wäre eine lange Präsenz mit Aufbauarbeit und Statebuilding.

Das Interview führte Alexander Schwabe.

insgesamt 395 Beiträge
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Seite 1
Klaus.G 19.11.2008
1. Selbstverständlich!
Die Bundeswehr sollte solidarisch mit den Streitkräften die dort eingesetzt werden zum Einsatz kommen. Das erwartet die Uno und unsere Verbündeten von uns und dem können wir uns nicht entziehen ohne unser Ansehen zu beschädigen. Es kann nicht sein, dass alle anderen die Drecksarbeit machen und wir schauen nur zu. Nein, wir haben eine hervorragende Armee die hervorragendes leistet auf die wir stolz sein können. Die Zeiten haben sich geändert und dass sollten wir uns auch langsam mal klar machen...
kleiner-moritz 19.11.2008
2.
Zitat von sysopDie Lage in den Bürgerkriegsgebieten des Kongo wird immer dramatischer. Inzwischen sind mehr als 250.000 Menschen auf der Flucht. Frankreich will im Uno-Sicherheitsrat eine Aufstockung der dortigen Uno-Truppen beantragen. Was meinen Sie, soll Deutschland sich daran beteiligen?
Ganz klar: Nein! Besser wäre ein totales Embargo und drastische Strafen für dessen Bruch, analog zu Kriegsverbrechen!
Marquis d`Anjou, 19.11.2008
3. Hoechste Zeit !
Es ist wahrlich hoechste Zeit: die internationale Gemeinschaft ist gefragt - und wo bleiben die moralischen Vorreiter aus den USA ? Sie haben verdammt viel gutzumachen seitdem sie mit dem Fall Lumumba sehr viel mitzuverantworten haben an den tragichen Zustaenden der Gegenwart. Offen gestanden: für alle die Kongo lieben, und für die, die Kongo vom Ausland aus unterstützen: dem Schicksal des kongolesischen Volkes wird in Bezug auf das Rentabilitäts-Kalkül nicht Rechnung getragen. Uran und Coltan, das versteht sich von selbst, produzieren den Mehrwert. Was bedeuten also einige Millionen Tote im Vergleich dazu? Zynismus ? In dieser Region Afrikas konzentriert sich seit mehreren Jahrzehnten eine beträchtliche Zahl von Filous der ganzen Welt, offizielle und offiziöse. Das Zerstückeln und die Runde der Geier sind also nichts Neues. Diese Herren mit gutem Benehmen haben als Prinzip nur ihr Kapital. Humanistisches Handeln ist gefragt, ohne jedoch dabei gierig auf kuenftige Gewinne zu schielen.
Panslawist 19.11.2008
4.
Zitat von Marquis d`AnjouEs ist wahrlich hoechste Zeit: die internationale Gemeinschaft ist gefragt - und wo bleiben die moralischen Vorreiter aus den USA ? Sie haben verdammt viel gutzumachen seitdem sie mit dem Fall Lumumba sehr viel mitzuverantworten haben an den tragichen Zustaenden der Gegenwart. Offen gestanden: für alle die Kongo lieben, und für die, die Kongo vom Ausland aus unterstützen: dem Schicksal des kongolesischen Volkes wird in Bezug auf das Rentabilitäts-Kalkül nicht Rechnung getragen. Uran und Coltan, das versteht sich von selbst, produzieren den Mehrwert. Was bedeuten also einige Millionen Tote im Vergleich dazu? Zynismus ? In dieser Region Afrikas konzentriert sich seit mehreren Jahrzehnten eine beträchtliche Zahl von Filous der ganzen Welt, offizielle und offiziöse. Das Zerstückeln und die Runde der Geier sind also nichts Neues. Diese Herren mit gutem Benehmen haben als Prinzip nur ihr Kapital. Humanistisches Handeln ist gefragt, ohne jedoch dabei gierig auf kuenftige Gewinne zu schielen.
Die Unterstützung der Zivilbevölkerung, hat doch den Machterhalt Kabilas zum Ziel. Da schliesst das Eine das Andere nicht aus. Würde die Bundesregierung einmal ehrlich zu ihrem Volk sein, und es darüber aufklären, dass man da unten gegen die USA kämpft, dann würde die Zustimmung für den Einsatz steigen.
C. Weingart 19.11.2008
5.
Zitat von Klaus.GDie Bundeswehr sollte solidarisch mit den Streitkräften die dort eingesetzt werden zum Einsatz kommen. Das erwartet die Uno und unsere Verbündeten von uns und dem können wir uns nicht entziehen ohne unser Ansehen zu beschädigen. Es kann nicht sein, dass alle anderen die Drecksarbeit machen und wir schauen nur zu. Nein, wir haben eine hervorragende Armee die hervorragendes leistet auf die wir stolz sein können. Die Zeiten haben sich geändert und dass sollten wir uns auch langsam mal klar machen...
Das deutsche "Ansehen" in der Welt ist m.E. ein etwas dürftiger Gesichtspunkt, um Kriegseinsätze der Bundeswehr zu rechtfertigen. Die Bundeswehr ist bereits mit ihren aktuellen Einsätzen überlastet.
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