Unrasiert Punk Henrico überrascht Beck auf Pressekonferenz

Eigentlich wollte SPD-Chef Kurt Beck ungestört seine Jahresbilanz vorstellen. Doch dann traf er einen alten Bekannten: Der Ex-Arbeitslose Henrico Frank tauchte in der Bundespressekonferenz auf - und wollte eine Entschuldigung.

Berlin - Eine Stunde lang hat er geschwiegen, der unrasierte Mann in der zehnten Reihe. Er hat sich angehört, was der Vorsitzende der Sozialdemokratie über Managergehälter, Mindestlöhne und Kinderrechte denkt und warum die SPD das "Benchmark" aller Politik in Deutschland sei. Er hat einen Kurt Beck erlebt, der die Bilanz des Jahres 2007 zieht und dabei große Zufriedenheit ausstrahlt. Einen Kurt Beck, der dem kürzlich zurückgetretenen Arbeitsminister Franz Müntefering augenscheinlich keine Träne nachweint und voll des Lobes für dessen Nachfolger Olaf Scholz ist.

Doch der unrasierte Mann wartet mit seiner Überraschung bis zum Schluss. Um 14.06 Uhr ruft die Vorsitzende der Bundespressekonferenz zur letzten Frage auf, da meldet er sich. "Herr Beck, erinnern Sie sich noch an mich?" Die Umsitzenden haben ihn längst als Henrico Frank, Deutschlands bekanntesten Ex-Arbeitslosen, identifiziert und warten seit einer Stunde darauf, was er hier will.

Das letzte Mal waren die beiden vor genau einem Jahr aufeinander getroffen. Der damals arbeitslose Frank pöbelte den SPD-Chef beim Gang über den Weihnachtsmarkt an und rief was von Hartz IV. Beck herrschte ihn daraufhin an, er solle sich erstmal waschen und rasieren, dann finde er auch einen Job. Auf die öffentliche Empörung reagierte Beck mit acht Job-Angeboten für Frank. Dieser schlug sie aus und wurde darauf hin von "Bild" zu "Deutschlands frechstem Arbeitslosen" erklärt. Schließlich fand er doch noch einen Job - als Punk-Experte bei einem Frankfurter Radiosender.

So einen vergisst Beck nicht. "Jetzt, da Sie mich daran erinnern, erinnere ich mich", sagt er zu Frank. Der fragt, ob es Beck leid tue, ihn damals "öffentlich gedemütigt" zu haben. Darauf der SPD-Chef: "Es hat Ihnen doch geholfen. Dazu gratuliere ich Ihnen."

Beck: "Ich mache meinen Job ganz ordentlich"

Die Redaktion von "RTL Explosiv" hatte das Drehbuch für den Auftritt geschrieben und Henrico Frank in die Bundespressekonferenz eingeschleust. Das Kalkül geht auf, es weht ein Hauch von Skandal durch den Saal, doch die Missachtung der Hausordnung wird wohl ein Nachspiel haben.

Frank wirkt wieder mal wie ein hilfloses Instrument der Medien. Verloren steht er vor den Kameras, Hände in den Hosentaschen, und versucht, die Aktion zu erklären. "Er hat mich doch gedemütigt", sagt er. Einen Knochen habe Beck ihm hingeworfen. Ja, "im Endeffekt" habe es ihm geholfen. Aber empört ist er trotzdem, RTL will es so.

Beck ist da schon lange weg. Es dürfte ihn ärgern, dass Frank sich so penetrant in seine Jahresbilanz drängte. In gewisser Weise hat er ihm jedoch sogar einen Dienst erwiesen: Die Erinnerung an die Episode auf dem Weihnachtsmarkt macht deutlich, wie viel stärker der SPD-Chef das Jahr beendet, als er es begonnen hat. Damals musste Beck täglich um seinen Ruf kämpfen, suchte nach einer eigenen Handschrift. Heute ist er unangefochten, sein schärfster Widersacher Franz Müntefering hat sich zur Ruhe gesetzt, die Partei ist auf seinen Kurs vom "Ende der Zumutungen" eingeschworen.

"Ich glaube, ich mach meinen Job ganz ordentlich", verkündet Beck. Die Erleichterung ist ihm anzusehen, dass dieses Jahr doch noch zu einem guten Ende gekommen ist. "Durchwachsen" sei es gewesen, räumt Beck ein. Schwierig war vor allem die erste Jahreshälfte. Damals haderte er noch mit den Journalisten, die ihn als Provinzler verspotteten. Über den Sommer, sagt er nun, habe er sich daran gewöhnt. Inzwischen geht er selbstironisch damit um: In der Bundespressekonferenz nennt er sich einen "Bauersmann, der vom Lande kommt".

Becks Auftritt düpiert Merkel

Es ist kein Zufall, dass Beck seine Bilanz ausgerechnet in der Bundespressekonferenz zieht. So will er demonstrieren, dass er die Berliner Bühne souverän beherrscht. Es ist auch ein Seitenhieb auf Kanzlerin Angela Merkel, die selten auf diesem Podium erscheint - aus Angst vor den unvorhersehbaren Fragen, wie viele Journalisten meinen.

Beck strotzt vor Selbstbewusstsein

Beck hingegen strotzt vor Selbstbewusstsein. Seit dem Sommer läuft es für ihn: Die Neuordnung der Parteispitze, der Abschluss des neuen Grundsatzprogramms, der von der Basis begrüßte Linksruck, der Rücktritt Münteferings - alles fügte sich wie von Wunderhand nach den Vorstellungen des Vorsitzenden. Auf dem Parteitag im Oktober folgte Becks persönlicher Höhepunkt des Jahres, als er mit 95 Prozent Zustimmung im Amt bestätigt wurde.

Becks Autorität war danach so groß, dass selbst seine Entscheidung, nach Münteferings Rücktritt in Mainz zu bleiben und nicht als Vizekanzler nach Berlin zu gehen, ohne größere Debatte akzeptiert wurde. Dass dies richtig war, bekräftigt er heute noch einmal: "Der Vorsitzende der Sozialdemokraten wäre doch sehr in seinem Radius eingeengt, wenn er nur in Berlin wäre."

Sozialthemen auch für 2008

Rechtzeitig zu den Landtagswahlen im Januar und Februar in Hessen, Niedersachsen und Hamburg scheint die SPD wieder zu sich gefunden zu haben. "Wir spüren Kampfeswillen und Kampfbereitschaft", behauptet Beck. Mit der Verlängerung des Arbeitslosengelds I hat die Partei in der öffentlichen Wahrnehmung mal wieder ihre soziale Seite gezeigt. Und mit dem Dauerbrenner Mindestlohn hat sie ein ideales Thema gefunden, um den Zeigefinger anklagend gegen die Union zu erheben.

Nach Becks Willen sollen die Sozialthemen auch 2008 nicht ausgehen. "Es ist noch mehr im Köcher", sagt er. Als nächstes steht der Mindestlohn für die Zeitarbeitsbranche an. Der Durchbruch beim Post-Mindestlohn gegen den Widerstand der Union hat die SPD in ihrer Salami-Taktik bestätigt. Kompromisse hält Beck nicht für nötig. Was er denn von einem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn von 4,50 Euro halte, wie ihn der Wirtschaftsweise Bert Rürup vorgeschlagen hat? "Nichts". Aber wenn er damit doch eine Brücke zum Koalitionspartner Union bauen könnte? "Ne Brücke, die unter Wasser ist, da kann man gleich schwimmen".

Das mühsam aufgebaute Selbstbewusstsein wird jedoch zerplatzen, wenn Becks neuer Kurs bei den Landtagswahlen nicht in deutlichen Gewinnen der SPD resultiert. Für Beck käme das einer Katastrophe gleich. Dann wäre er wieder da, wo er schon mal war, als einer wie Henrico Frank ihn aus dem Gleichgewicht bringen konnte.

Korrektur: In der ersten Version dieses Artikels hieß es, Angela Merkel weigere sich "seit Jahren", in der Bundespressekonferenz zu erscheinen. Das ist nicht richtig: Sie zog dort am 18.7.2007 die Halbzeitbilanz der Großen Koalition.

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