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15. März 2011, 06:29 Uhr

Untersuchungsbericht zur "Gorch Fock"

Ekelrituale nach Vorschrift

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Unfälle, sexuelle Belästigung, Suff, überharter Drill - auf dem Vorzeige-Segler "Gorch Fock" herrschten angeblich unerträgliche Zustände. Ermittler unter Führung des Marineamtes kommen jetzt zu dem Ergebnis, es sei alles gar nicht so schlimm gewesen. Warum eigentlich?

Hamburg - Auf diesen Bericht, ganze 98 Seiten plus Anhang von noch mal 257 Seiten, haben viele in Berlin gewartet. Nachdem zu Beginn des Jahres ein wahrer Entrüstungssturm über die Zustände auf dem deutschen Segelschulschiff "Gorch Fock" ausgebrochen war, der stolze Segler tagelang die Titelseiten aller Tageszeitungen mit hässlichen Überschriften über Drill an Bord, Ekelrituale und sogar sexuelle Belästigungen an Bord zierte, sollte eine Untersuchungskommission klären, was sich auf dem Paradeschiff eigentlich abgespielt hat.

Am Freitagabend war es soweit. Taktisch geschickt nach Dienstschluss der meisten Bundestagsbüros übergab die Marine den Bericht an den Bundestag. Nun wird sich der Verteidigungsausschuss am Mittwoch erneut mit dem Thema befassen.

Bei aller Aufregung um die "Gorch Fock", nach der recht hektisch angeordneten Suspendierung des Kommandanten und dem sofortigen Heimkehrbefehl durch den mittlerweile zurückgetretenen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kommt der Wälzer der Marine-Ermittler zu einem recht nüchternen Ergebnis. Auf den beiden letzten Seiten fassen die Ermittler unter Führung von Konteradmiral Horst-Dieter Kolletschke, Chef des Marineamts in Rostock, kurz und knapp ein für alle "Gorch Fock"-Fans wohl erleichterndes Ergebnis zusammen. Sie stellen fest, "dass die erhobenen Vorwürfe sich zum großen Teil als nicht haltbar erwiesen haben. Soweit Vorwürfe in Teilen bestätigt werden konnten, besaßen diese hingegen bei Weitem nicht die Qualität, die ihnen ursprünglich beigemessen worden ist."

Diese beiden Sätze schienen die Affäre um das Parade-Schiff schlagartig beendet zu haben. Am Wochenende veröffentlichten viele Medien, auch SPIEGEL ONLINE, eine Vorabmeldung der "Financial Times Deutschland" über den Bericht . Eindeutiger Tenor unter Bezug auf die beiden Bewertungssätze: Der vorläufig suspendierte Kapitän zur See Norbert Schatz sei durch die Recherchen entlastet. Obwohl sein Name in dem Bericht nur am Rande auftaucht, er und auch der Erste Offizier gar nicht befragt worden sind, schien der Kommandant plötzlich als Gewinner des Tages dazustehen. In Marine-Foren im Internet wurde bereits über seine Wiedereinsetzung diskutiert.

Die Meldung ist bei genauer Lektüre des Untersuchungsberichts allerdings eine recht eigenwillige Interpretation. Mit einem vierköpfigen Team waren die Ermittler nach Südamerika gejettet, befragten dort 221 Offiziersanwärter, die bei den letzten Lehrgängen an Bord waren, und 192 Angehörige der Stammbesatzung. Gleich zu Beginn ihres Berichts stellen sie jedoch klar, dass einer der wichtigsten Punkte der Affäre um das Schiff in dem Papier gar nicht vorkommt: Am 7. November war die Kadettin Sarah Seele aus den Masten aufs Deck gestürzt und gestorben. Ob es vor dem Tod Fehler bei der Ausbildung gab, ob die Frau nicht richtig gemustert wurde oder vielleicht zum Aufentern gedrängt wurde, ist laut dem Bericht Sache der Staatsanwaltschaft.

Andere Vorwürfe lassen sich gar nicht mehr klären, wie dem als "Verschlusssache - nur für den Dienstgebrauch" eingestuften Bericht an mehreren Stellen zu entnehmen ist. Über die als "kalt" und "unpassend" kritisierte Rede von Schatz zur Bekanntgabe des Todesfalles heißt es zum Beispiel: "Der Kommission war es nicht möglich, den genauen Wortlaut der Ansprachen zu rekonstruieren."

Doch wie ist der Bericht nun einzuschätzen?

Fake-Erbrochenes, angebliche Meuterei, seltsame Begegnungen unter der Dusche: SPIEGEL ONLINE hat den Bericht auf die einzelnen Vorwürfe hin geprüft - klicken Sie auf die Überschriften!

Die Ekelrituale

Statt die wirklich relevanten Vorwürfe gegen Schatz und die Offiziere an Bord aufzuklären, hangeln sich die Ermittler nur an den Schlagzeilen der "Bild" über den Skandal-Segler entlang, arbeiten sich beispielsweise seitenlang an Bildern von Ekelritualen ab. Das Ergebnis wirkt geradezu irrwitzig, wenn der Fall nicht ernst wäre: So sei die eklige Suppe in einem Schlauchboot an Deck, in die die Segelschüler zur Äquatortaufe eintauchen müssen, bevor sie einem als Meeresgott Neptun verkleideten Soldaten die Füße küssen, kein Erbrochenes, sondern eine Mischung aus frischen Lebensmitteln. Die braune Brühe sei "aus frischen Lebensmitteln, wie z. B. Mehl, Cornflakes, Schokolade, Knoblauch, Fisch und Käse hergestellt und mit Lebensmittelfarbe behandelt" worden, damit es "es unappetitlich aussah".

Die Ausführungen zu dem Ritual auf dem als Aushängeschild Deutschlands erachteten Schiff ist exemplarisch für den Bericht, denn fast für alle Beispiele finden die Ermittler gar Dienstvorschriften, die das Treiben an Bord rechtfertigen. So zitieren sie den Flottentagesbefehl, der Äquatortaufen als "grundsätzlich erfreuliche Zeichen lebendiger Bordgemeinschaft" klassifiziert, die zum "festen Bestandteil des Dienstes an Bord von Schiffen und Booten geworden" seien und als "Brauch" das "Zusammengehörigkeitsgefühl der Besatzungen" stärkte. In Berlin spottete ein kritischer Beobachter bereits, vermutlich seien bekannt gewordene Ekelrituale im Kasernen dann wohl auch nicht so schlimm - wenn man die Soldaten nur gezwungen habe, vorher vom Kantinenchef überprüfte frische Leber herunterzuwürgen.

Meuterei? Oder doch nicht?

Mit dem Blick nur auf die Dienstvorschriften ermittelten die Fahnder im Auftrag der Marine-Führung in fast allen Fällen schnurstracks am Kern der Vorgänge vorbei. Die Schiffsführung habe den Lehrgangsteilnehmern keineswegs Meuterei vorgeworfen, vielmehr hätten die Kadetten den Begriff selbst ins Spiel gebracht, schreiben sie.

Für vier Soldaten, die abgelöst werden sollten, weil sie nicht mehr mitarbeiten wollten oder angeblich gegen die Schiffsführung hetzten, seien keine Ablösungsanträge erstellt worden, sondern lediglich "Entwürfe von Ablösungsanträgen". Ob die Männer, die sich den Erkenntnissen nach zuerst als Vermittler zwischen den Segelschülern und der Stammmannschaft angeboten hatten, durch diese unter Druck gesetzt worden waren, wird in dem Bericht nicht erörtert.

Die Karnevalsparty

Ähnlich formal geht es weiter. Bei der als geschmacklos kritisierten Karnevalsparty vier Tage nach dem tödlichen Unfall ergeht sich der Bericht in langen Erläuterungen von Dienstvorschriften, wie viel Alkohol an Bord getrunken werden dürfe und in welcher Form eine Genehmigung für eine solche Feier eingeholt werden müsse. Sie kommen zu dem Schluss, dass es eine solche Erlaubnis seitens der Schiffsführung nicht gegeben habe. "Die Kommission schließt daher aus, dass es sich um eine offizielle Karnevalsfeier der Besatzung der Gorch Fock gehandelt hat, von der die Schiffsführung wissen konnte". Fakt ist aber, dass ein Foto von dieser Party existiert, es ist in den Anlagen sogar abgebildet, ob es nun eine offiziell genehmigte Feier war oder nicht.

Das Fazit der Kommission ist ein anderes: Sie sei überzeugt, "dass die auf dem Foto abgebildete Situation an sich kein Dienstvergehen darstellt". Das allerdings war nicht der Vorwurf. Vielmehr hatten sich Segelschüler beschwert, eine solche Feier, die laut den Aussagen mit lautstarkem Singen von Karnevalsschlagern einherging, sei nach dem Tod der jungen Offiziersanwärterin geschmacklos gewesen und hätte deswegen von der Schiffsführung unterbunden werden müssen. In der Zusammenfassung taucht dies in dem Bericht nur noch verschleiert auf. Immerhin aber räumt die Kommission ein, dass die Feier "von dem einen oder anderen Beobachter als pietätlos empfunden werden" könnte.

Der Alkoholkonsum

Auch beim Vorwurf der Alkoholexzesse vertrauen die Ermittler auf die Vorschriften. Demnach dürfe jedes Besatzungsmitglied täglich maximal zwei Flaschen Bier kaufen und nichts davon horten, statistisch habe es einen Bierkonsum von 0,17 Litern täglich pro Person gegeben. "Ein verbotswidriges Mitbringen von alkoholischen Getränken im Rahmen des Landgangs kann zwar nicht vollständig ausgeschlossen werden, dürfte jedoch nur eine Ausnahme darstellen", heißt es in dem Bericht. Mehrere Offiziersanwärter, die an Bord der "Gorch Fock" waren, nennen diese Darstellung gegenüber SPIEGEL ONLINE "ziemlich naiv". "Nicht jeder trinkt Bier, aber jeder nimmt seine zwei Flaschen pro Tag, um sie weiter zu verscherbeln", sagte ein Soldat. Es gebe einen regelrechten Handel an Bord, einige Soldaten würden "weit mehr als nur zwei Flaschen" trinken.

Die Sache mit der Shampooflasche

Den Vorwurf der sexuellen Nötigung lässt die Kommission nicht gelten. Ein Offiziersanwärter hatte sich beklagt, ein Kamerad habe in der Dusche eine Shampooflasche auf den Boden geworfen und gesagt: "Es ist auf dem Schiff ähnlich wie im Knast, jeder muss mal den Arsch hinhalten." Die Ermittler aber kommen zu dem Schluss, es handele sich nicht um Nötigung im Sinne des Strafgesetzbuches, "da sich kein Anhaltspunkt dafür ergeben hat, dass auf die Vornahme oder Duldung einer sexuellen Handlung abgezielt wurde".

Zu den Vorwürfen, es habe innerhalb der Stammbesatzung Wetten darauf gegeben, wer als erster "mit der hässlichsten Offiziersanwärterin Sex hat", heißt es: "Mangels belegbarer Verdachtsmomente gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass solche Wetten tatsächlich getätigt wurden".

Das Fazit

Mit dem Bericht hat sich die Marine keinen wirklichen Gefallen getan. Selbst bei wohlwollendem Lesen und der Erkenntnis, dass die Affäre um die "Gorch Fock" womöglich etwas aufgeblasen war, überkommt den Leser unweigerlich das Gefühl, dass hier gar nicht aufgeklärt werden sollte. Die "Bild" titelte in ihrer Online-Ausgabe bereits "DAS findet die Marine alles normal" über die Ekelrituale. Spätestens am Mittwoch wird der Tenor der Opposition wohl ähnlich kritisch werden.

Auch wenn die hektische Suspendierung von Kommandant Schatz durch Ex-Minister zu Guttenberg nun parteiübergreifend kritisiert wird, erhebt der SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold durchaus Forderungen nach Justierungen bei der Marine. "Die Zusammenfassung des Berichts passt nicht zum Inhalt", sagte Arnold SPIEGEL ONLINE, "es gab Verfehlungen auf dem Schiff, die sich über viele Jahre eingeschlichen haben." Die Missstände aber würden von der Marine in ihrer Bewertung nicht anerkannt. Aus dem Report spreche der "alte Geist, die Dinge wegzulavieren", sagte Arnold, "doch die Marine muss den Fall aufarbeiten." Gerade bei der Führung des Schiffs müsse sich etwas bewegen.

Auch der Wehrbeauftragte dürfte sich mit dem Ergebnis der Recherchen nicht zufriedengeben. Dem Segelschulschiff "Gorch Fock" und seiner Stammbesatzung hätte es vermutlich mehr geholfen, wenn man die Verfehlung von Einzelnen klar benannt und geahndet hätte. Nur mit einem solchen harschen Schnitt kann der Dreimaster, der momentan auf dem Weg zurück nach Deutschland ist, noch eine Chance auf weitere Zukunft in der Flotte der Marine haben.

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