Uran-Munition Bundeswehr untersucht Leukämiefälle bei Soldaten

Die Bundeswehr zieht erste Konsequenzen aus dem Leukämiefall eines deutschen Soldaten nach einem Balkan-Einsatz: Alle Leukämieerkrankungen bei Soldaten sollen untersucht werden.


Deutsche Kfor-Soldaten 1999 im Kososvo
AP

Deutsche Kfor-Soldaten 1999 im Kososvo

Berlin - Nach einem Bericht des "Tagesspiegel" sollen sämtliche Leukämiefälle unter Bundeswehrsoldaten erfasst und untersucht werden. "Danach werden wir die Einsatzunterlagen dieser Soldaten sichten und prüfen, ob und wo sie im Rahmen der internationalen Missionen auf dem Balkan im Einsatz waren", hieß es aus dem Verteidigungsministerium. Allerdings sieht Verteidigungsminister Rudolf Scharping weiterhin keine Leukämiegefahr für deutsche Soldaten durch Uran-Munition. Er sagte der "Bild"-Zeitung: "Ich bin für völlige Offenheit, alle Fakten sollen auf den Tisch - aber bitte Tatsachen!"

Die vom Verteidigungsministerium beauftragten Wissenschaftler hätten in der Literatur bislang keinerlei Hinweise auf einen Kausalzusammenhang zwischen Krebserkrankungen und uranabgereicherten Waffengattungen oder Munitionsarten gefunden.

"Was wird uns vorenthalten?"

Der stellvertretende Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, der CDU-Abgeordnete Thomas Kossendey, erklärte gegenüber dem "Tagesspiegel", Scharping habe bereits zum 31. Juli 2000 das Ergebnis einer entsprechenden Untersuchung zugesagt. "Dies ist nie geschehen." Er forderte Scharping auf, nun alle Unterlagen offen zu legen: "Ich möchte wissen, was uns vorenthalten wird."

Kossendey erklärte, der Verteidigungsausschuss sei im April von Minister Scharping informiert worden, dass es überhaupt kein Risiko für deutsche Soldaten gebe, weder was die Strahlenaktivitäten noch was Uranstäube angeht. Damals habe der Minister alles so phantastisch dargestellt, dass zum Schluss niemand im Verteidigungsausschuss mehr Zweifel daran gehabt hätte, "dass tatsächlich alles getan worden ist", sagte der CDU-Politiker.

Rudolf Scharping will dem Verteidigungsausschuss Rede und Antwort stehen
REUTERS

Rudolf Scharping will dem Verteidigungsausschuss Rede und Antwort stehen

Zu Beginn des Kosovo-Einsatzes im Juli 1999 sollen die Bündnisarmeen von der Nato vor den möglichen Gefahren der Uran-Munition gewarnt worden sein. Die Nato habe die Bundeswehr und auch die anderen Bündnisarmeen zu entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen aufgefordert. Das geht aus einem internen Schreiben des Bundesverteidigungsministeriums hervor, aus dem die "Berliner Morgenpost" zitiert und dessen Existenz von einem Sprecher des Ministeriums in Berlin bestätigt wurde.

Scharping unter Druck

Scharping will dem Verteidigungsausschuss des Bundestages am 17. Januar Rede und Antwort stehen. Das Bundesverteidigungsministerium hatte allerdings auch bis Sonntag keinen Anhaltspunkt für einen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und dem Einsatz des Soldaten. Ein Sprecher des Ministeriums erklärte am Sonntag, bei dem Einsatz bei einer Drohnen-Batterie in Mostar könne der Soldat keinen Kontakt mit uranhaltiger Munition gehabt haben.

Bei dem Betroffenen handelt es sich um einen 25-Jährigen aus Uelzen, wie die "Bild"-Zeitung berichtete. Er sei zwischen August und November 1997 in Mostar im Einsatz gewesen. Im Januar 1998 sei er an Leukämie erkrankt. Der junge Mann wurde ein halbes Jahr in Oldenburg behandelt und gilt heute als geheilt.

"Eindeutige Befehlslage" seit Einsatzbeginn

Der Ministeriumssprechers verwies darauf, dass die Bundeswehr auf dem Balkan bislang rund 50.000 Soldaten im Einsatz hatte. Nach der rein statistischen Wahrscheinlichkeit befänden sich unter ihnen zwischen sechs und zehn Personen, die im Laufe ihres Lebens an Leukämie erkranken könnten. Im übrigen gebe es bei der Truppe seit Juli 1999 eine "eindeutige Befehlslage" zum Verhalten bei radioaktiv verseuchten Gebieten und von Uran-Munition zerstörten Zielen.

Strafanzeige gegen Scharping

Die Bonner Staatsanwaltschaft prüft nach Informationen der "Welt am Sonntag" eine Strafanzeige gegen Scharping im Zusammenhang mit einem an Hirnhautentzündung gestorbenen Bundeswehr-Soldaten. Die Hirnhautentzündung habe er sich während seines Einsatzes nahe der Stadt Prizren im Kosovo zugezogen. Der 23 Jahre alte Mann aus Brandenburg sei vor einem Jahr gestorben. Zu der Strafanzeige wollte sich der Sprecher nicht äußern. Er sagte, wenn man allerdings damit beginne, sämtliche Krankheitsbilder von auf dem Balkan eingesetzten Soldaten in einen Zusammenhang mit ihrem Einsatz zu bringen, "dann sind wir am Ende der seriösen Berichterstattung angekommen", sagte der Sprecher.

Der Rechtsanwalt der Familie, Klaus Lübke, sagte der Zeitung, Scharping habe es versäumt, notwendige Schutzmaßnahmen gegen Hirnhautentzündung (Meningitis) anzuordnen. Schon seit Mitte der neunziger Jahre sei bekannt, dass der Kosovo "Meningitis-verseucht" sei. Dennoch sei den dort stationierten Soldaten nicht empfohlen worden, sich gegen die Krankheit impfen zu



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