Uran-Munition Freiwild für die Nato

Nicht die Soldaten sind die Opfer des Kosovo-Kriegs, sondern die Zivilbevölkerung. Sie ist von der Gefahr durch Uran-Geschosse am meisten betroffen.

Berlin - Der Fall wäre wohl nie bekannt geworden, hätten die Medien nicht über die an Leukämie erkrankten Soldaten in den europäischen Nachbarländern berichtet. Als Rolf Büthe immer wieder die Verlautbarungen des Verteidigungsministeriums las, in Deutschland sei kein Fall von Blutkrebs unter den ehemaligen Balkan-Soldaten bekannt, hielt es ihn nicht mehr zurück. Sein Sohn Christian war 1997 in Mostar stationiert und erkrankte später an Leukämie. Er gilt heute als geheilt.

Der Fall hat Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) unter Druck gesetzt. Tagelang wollte Scharping sich gar nicht zu den Gefahren durch urangehärtete Munition äußern. Dann reihte sich ein Widerspruch an den nächsten: Ein Bericht tauchte auf, der dem Verteidigungsausschuss angekündigt, aber nie vorgelegt wurde. Ein für März versprochener Bericht wird nun früher vorliegen und Scharping am 17. Januar dem Verteidigungsausschuss Rede und Antwort stehen.

Noch sind nicht alle Fakten auf dem Tisch

Schlechtes Krisenmanagement. Und doch ist es für ein Urteil zu früh. Denn noch sind längst nicht alle Fakten auf dem Tisch, aber die Nachrichten-hungrige Medienmaschine verzehrt sich nach immer neuen Schreckensmeldungen: "Uranmunition auch in Deutschland getestet?", lautet die letzte Schlagzeile.

Sicher, man muss den Vorwürfen nachgehen. Aber die aktuelle Debatte ist, wie so oft, eine Debatte über Symptome und nicht über das eigentliche Wesen der Krankheit. Nicht die mögliche Gefährdung unserer Soldaten durch Uranmunition ist das Thema, sondern dass es eben keinen sauberen, keinen gerechten Krieg gibt. Darüber solle geredet werden.

Aber diese Diskussion wollen die meisten Verteidigungspolitiker dieser Republik nie führen, denn es würde der moralischen Rechtfertigung des Kosovo-Kriegs vollends das Wasser abgraben. Schließlich wählte die Nato den teuren Luftkrieg, um die Opferzahl unter den eigenen Soldaten so niedrig wie möglich zu halten.

Der Krieg stand völkerrechtlich auf wackeligen Beinen

Ohnehin stand der Krieg völkerrechtlich auf wackeligen Beinen: Er verstieß gegen die Uno-Charta, die eine Einmischung in innerstaatliche Konflikte nur mit Zustimmung des Sicherheitsrats erlaubt. Zwar entsprang der Einsatz für die albanischen Flüchtlinge durchaus humanitären Motiven. Als dann aber serbische Zivilisten durch Luftangriffe getötet wurden, nannte die Nato das zynisch "Kollateralschäden".

"Zivile Opfer und Umweltschäden lassen sich bei einer militärischen Auseinandersetzung grundsätzlich nicht ausschließen", ließ das Verteidigungsministerium auf Anfrage des Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer (SPD) wissen.

Die Zivilbevölkerung wird denn auch in der aktuellen Diskussion um die Urangefahren in den Hintergrund gedrängt. Dabei sind gerade die Menschen in den ehemaligen Kriegsgebieten der Urangefahr tagtäglich ausgesetzt. Kinder klettern auf zerbombten Panzern herum, Erwachsene nutzen möglicherweise verseuchten Boden für den Ackerbau.

Soldaten können sich immerhin durch ABC-Anzüge schützen, Zivilisten nicht. Zumal bisher nur sporadisch durch Munitionsreste kontaminierte Flächen identifiziert und abgesperrt wurden. Die Uno-Umweltorganisation Unep untersuchte im November elf der 112 auf einer Nato-Karte verzeichneten Einschlagstellen. Bei acht stellte sie eine erhöhte radioaktive Strahlung fest. Das Team berichtete auch, dass immer noch Reste von Uran-Munition frei in der Gegend herumliegen. Nach Meinung der Experten ist das Ergebnis repräsentativ für alle 112 Einschlagstellen.

Scheer: "Die Zivilbevölkerung ist Freiwild"

"Ich halte es für pervers, zwischen Zivilbevölkerung und Soldaten zu unterschieden", sagt der SPD-Abgeordnete Scheer gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Wenn es darauf hinausläuft, dass die Kombattanten besonders geschützt sind, die Zivilbevölkerung aber Freiwild ist, dann ist das eine Erosion der hundertjährigen Bemühungen, die Zivilbevölkerung zu schützen."

Die Nato habe auch eine Verantwortung für die Menschen im Kosovo, räumt der verteidigungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Paul Breuer, auf Anfrage ein. In den letzten Tagen bombardierte er die Redaktionen mit Presseerklärungen, in der die Zivilbevölkerung allerdings nicht vorkam. Es sei eben "nahe liegend, zunächst über die eigenen Soldaten zu reden", sagt Breuer und beeilt sich hinzuzufügen: "Man wird nicht herumkommen, Untersuchungen bei der Zivilbevölkerung vorzunehmen."

Während in den ehemaligen Kriegsgebieten bislang nur lokale Gesundheitsbehörden Einzelpersonen untersucht haben, schicken die meisten europäischen Nato-Staaten jetzt jeden Balkan-Soldaten zum Gesundheitscheck. Groß ist der Druck in Italien, wo bereits acht Soldaten an Krebs gestorben sind, und in Portugal, wo es einen Toten gab und Wahlen vor der Tür stehen.

Strahlenschäden sind unwahrscheinlich

Verteidigungsminister Rudolf Scharping weigert sich, eine Untersuchung aller bisher im Balkan eingesetzten 60.000 deutschen Soldaten anzuordnen. Die Untersuchung von 118 Testpersonen im so genannten "Bio-Monitoring"-Verfahren sei ausreichend. Außerdem könne sich jeder Soldat freiwillig kostenlos untersuchen lassen.

Zwar haben die Wissenschaftler im Auftrag des Verteidigungsministers keine Strahlenschäden oder mysteriöse Krankheitsbilder festgestellt. Der Leiter des Forschungsteams am Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (GSF), Paul Roth, empfiehlt jedoch, weitere Soldaten zu testen.

Dass dabei Strahlenschäden zu Tage treten, ist unwahrscheinlich. Abgereichertes Uran enthält weniger Radioaktivität, als in der Natur vorkommt. Es dient nicht nur dem Abhärten von Waffen, auch als Ausgleichgewicht wird das Schwermetall eingesetzt. Zum Beispiel in Flugzeugen: Wegen seiner hohen Dichte ist es schwer, nimmt aber nicht viel Platz ein.

Vergiftung statt Verseuchung

Bei einer Explosion zerstäubt das Metall. Wenn es dann eingeatmet wird oder über offene Wunden in den Körper gelangt, kann es giftig wirken und der Folge Krebs auslösen. Für den Physiker Götz Neuneck vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik gehört urangehärtete Munition verboten. Wegen der ungewissen Langzeitfolgen sei es ein Verstoß gegen die Uno-Menschenrechtskonvention. Zumal es eine Alternative gäbe: das Schwermetall Wolfram.

Die Aufregung um die Leukämiefälle unter Soldaten hält Neueneck für "arg übertrieben". Der eigentliche Skandal sei die Behandlung der Zivilbevölkerung im ehemaligen Kriegsgebiet. Neuneck fordert die genaue Identifizierung der Einschlagstellen: "Die müssen bis auf den Meter genau abgesperrt werden."

Davon ist die Nato jedoch noch weit entfernt. Die Kosovo-Karte, die Nato-Generalsekretär Robertson vorgelegt hat, sei, sagt einer seiner Mitarbeiter, so ungenau, "dass man sich als Autofahrer damit kaum in das Kosovo wagen würde."

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