Ursula von der Leyen Mit harter Hand

Ursula von der Leyen gerät unter Druck. Absurd. Die Ministerin macht ihre Arbeit: Die Bundeswehr muss reformiert werden. Leitbild ist der Bürger in Uniform. In der Bundeswehr darf kein Platz sein für perverse Sex-Nazis und Wehrmachtsromantiker.

Ursula von der Leyen besucht das Jägerbataillon in Illkirch
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Ursula von der Leyen besucht das Jägerbataillon in Illkirch

Eine Kolumne von


Ich war bei der Bundeswehr. Das ist erstens nicht selbstverständlich und spielt zweitens für das Thema eine Rolle. Darum dieser persönliche Hinweis. Wir hatten damals keine Wehrmachtspistole an der Wand hängen. Es gab keine Stangentänze. Und soweit ich weiß hat auch keiner meiner Mitsoldaten von der Reinhaltung der weißen Rasse geträumt. Sind meine Erinnerungen an die Bundeswehr untypisch - oder sind es die Ereignisse, die im Moment die Öffentlichkeit bewegen?

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Heft 19/2017
Der eitle Kampf der Verteidigungsministerin gegen ihre skandalreiche Truppe

So ist die Lage: In der Kaserne in Sondershausen sollen Soldaten als "genetischer Abfall" beschimpft worden sein. Andere mussten laufen, bis sie zusammenbrachen. In Pfullendorf war im Aufenthaltsraum eine Stange eingebaut, an der eine Rekrutin vortanzen sollte. Sanitätsausbilder sollen dort Frauen gezwungen haben, sich nackt auszuziehen und im Genitalbereich betasten zu lassen. Anschließend soll es eine "Geruchsprobe" vor versammelter Mannschaft gegeben haben. Der in Illkirch stationierte Oberleutnant Franco A. schrieb zuvor eine Masterarbeit, in der unter anderem von der "Durchmischung der Rassen" die Rede war. All das kam auf Umwegen ans Licht und nur durch Zufall.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sprach von "falsch verstandenem Korpsgeist" und attestierte ihrer Truppe ein "Haltungsproblem" und "Führungsschwäche". Seitdem wird gerätselt: Was ist bei der Bundeswehr eigentlich der größere Skandal? Perverse und Nazis? Oder die Ministerin?

Hier auf SPIEGEL ONLINE hat Jan Fleischhauer aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht: "Ursula von der Leyen hat sich jetzt als jemand präsentiert, der alles dem eigenen Fortkommen unterordnet - Anstand, Loyalität und die Fürsorgepflicht für die 250.000 Menschen, deren Wohlergehen direkt von ihren Entscheidungen abhängt. Das ist für viele Wähler irritierend, und zwar viel mehr als die Tatsache, dass sich ein paar Kanaillen an Wehrmachtsutensilien aufgeilen oder ein Oberleutnant im Jägerbataillon von Rassenreinheit träumt."

Nun war Kollege Fleischhauer gar nicht bei der Bundeswehr. Vielleicht fehlt ihm darum ein bisschen die Empathie. Aber perverse Sexrituale und Nazischrott haben in der Bundeswehr nichts zu suchen. Und wer das kleinredet, dem ist die Truppe egal.

Von der Leyen wird vorgeworfen, sie habe sich in einer krisenhaften Lage nicht vor ihre Leute gestellt. Das sei, kann man in der "Welt" lesen, "ein Musterbeispiel der von ihr beklagten 'Führungsschwäche'". Aber es kommt dann schon immer noch auf die Leute an, vor die man sich stellen soll. Perverse Sex-Nazis und Wehrmachtsromantiker verdienen nicht den Schutz der Ministerin - sondern ihre harte Hand.

Und die hat sie: Als der öffentliche Aufschrei, den ihre klaren Worte hervorriefen, sie kurz in die Defensive brachte, reagierte von der Leyen prompt - und verdoppelte den Einsatz. Plötzlich verkündete sie sogar, die gesamte Bundeswehr müsse reformiert werden. Und sie sprach allen Ernstes von einem "Säuberungs- und Reinigungsprozess".

Jetzt wird die Armee erst mal gefilzt. Buchstäblich, und zwar vom Arsch bis zur Sohle - wenn der Kasernenton erlaubt ist. Alle Liegenschaften werden nach Wehrmachtsdevotionalien durchsucht. Da werden den Uffzen und StUffzen die Ohren schlackern, wenn die Dienstaufsicht ihnen die Landserbildchen aus den Pornoheften zaubert. Und wer sucht, der wird finden. Jedes Hakenkreuz an jeder Klotür wird von der Leyen dabei helfen, die notwendige öffentliche Unterstützung für eine Reformation der Bundeswehr zu gewinnen.

Und die tut Not. Mehr als siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich die Armee immer noch nicht klar und vollständig von ihren dunklen Traditionen gelöst.

Was bedeutet einem heutigen Soldaten ein Stahlhelm aus dem Zweiten Weltkrieg? Warum lehnt der Kommandeur des deutsch-französischen Heeresfliegerausbildungszentrums in Le Luc die Teilnahme einer deutschen Delegation am Gedenktag zum Ende des Zweiten Weltkriegs mit den Worten ab: "Ich stelle mich doch nicht als Besiegter mit einer deutschen Delegation zu einer Siegesparade."

Warum gibt es immer noch etliche Kasernen, deren Namensgeber aus Kaiserreich oder Nazizeit stammen? Wie etwa jener Graf von Haeseler, von dem das Zitat überliefert ist: "Es ist notwendig, dass unsere Zivilisation ihren Tempel auf Bergen von Leichen, auf einem Ozean von Tränen und auf dem Röcheln von unzähligen Sterbenden errichten wird."

SPD-Verteidigungsminister Hans Apel setzte zu Beginn der Achtzigerjahre den Traditionserlass durch, der noch heute gilt: "Ein Unrechtsregime wie das 'Dritte Reich' kann Tradition nicht begründen." CDU-Minister Volker Rühe sprach im Jahr 1995 das eigentlich Selbstverständliche aus: "Die Wehrmacht war als Organisation des 'Dritten Reichs' in ihrer Spitze, mit Truppenteilen und mit Soldaten in Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt. Als Institution kann sie deshalb keine Tradition begründen."

Aber es gibt da eine Beharrung des Apparats, dem es immer wieder gelungen ist, mit gefährlichem Trotz Reste eines Erbes zu retten, von dem man sich längst selbstbewusst hätte lossagen sollen. Zum Glück steht mit Ursula von der Leyen nun eine Frau an der Spitze des Ministeriums, der das Männerbündlerische der Armee nichts bedeuten kann.

Die Bundeswehr hat längst ihre eigene Tradition. Sie muss nicht das lange Gedächtnis der deutschen Streitkräfte bewahren. Denn es ist ein Gedächtnis der Verbrechen.



insgesamt 310 Beiträge
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Seite 1
SnoozeHH 11.05.2017
1. Perverse Sex-Nazis...?
Ernsthaft, Herr Augstein? So einen Beitrag soll man ernst nehmen?
lollopa1 11.05.2017
2. guter Kommentar
So, zum ersten Mal gebe ich Herr Augstein Recht mit seinem Kommentar!
Max Super-Powers 11.05.2017
3.
"Ich war bei der Bundeswehr. Das ist erstens nicht selbstverständlich und spielt zweitens für das Thema eine Rolle." Ich sags Ihnen als lebenslanger Berufssoldat (mittlerweile auf dem Alters-Abstellgleis) Nur weil Sie mal Achterbahn gefahren sind, wissen Sie noch lange nicht, wie die ganze Kirmes funktioniert. Was Sie im Wehrdienst erlebt zu haben glauben, ist weder symptomatisch für die Gesamtheit einer Armee, noch sollte es auch nur im Entferntesten für eine nur halbwegs seriöse Lageeinschätzung taugen. Nur soviel: Ich habe ebenso stramme Nazis dort erlebt wie Stalinisten. Ich habe Grabschereien gesehen, die von beiden Geschlechtern ausgingen. Ich wurde mit Sprüchen beschimpft, die vielleicht nicht meine genetische Herkunft, aber ansonsten alles andere beleidigten - ebenso habe ich solche Vergleiche verwendet. Was Sie Herr Augstein, in Ihren paar Monaten Wehrdienst erlebt oder nicht erlebt haben, ist a) mal locker 30 Jahre her und b) schon deshalb nicht zu gebrauchen, weil Sie nie mehr als eine Handvoll Soldaten und Standorte erlebt haben.
Mehrleser 11.05.2017
4.
"perverse Sex-Nazis" - klingt wie BILD, ist von Augstein...
josifi 11.05.2017
5.
Zitat von SnoozeHHErnsthaft, Herr Augstein? So einen Beitrag soll man ernst nehmen?
Ernsthaft? Sie hängen sich an einem Wort auf? So besser: Perverse Sexisten und Nazis?
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