Nachfolger für Ursula von der Leyen Wer wird IBuK?

Der Ehrgeizige, die Allzweckwaffe, der Experte: Wer übernimmt das Verteidigungsressort, falls Ursula von der Leyen nach Brüssel geht? Kandidaten gibt es einige, aber der Job ist der undankbarste im Kabinett.

Fallschirmjägerübung im September 2018 in Sachsen-Anhalt: Um von der Leyens Erbe dürfte sich keiner reißen
Klaus-Dietmar Gabbert/ ZB/ picture alliance/ DPA

Fallschirmjägerübung im September 2018 in Sachsen-Anhalt: Um von der Leyens Erbe dürfte sich keiner reißen

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Offiziell nimmt die Verteidigungsministerin ihre Aufgaben noch "vollumfänglich" wahr. Sie ist immer noch IBuK (Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt). Was soll sie auch sagen? Aber natürlich ist Ursula von der Leyen auf dem Sprung nach Brüssel, an die Spitze der EU-Kommission. Sie ist jetzt vor allem auf Werbetour, um sich die Unterstützung der Abgeordneten im Europaparlament zu sichern.

So wundert es nicht, wenn hinter vorgehaltener Hand erzählt wird, dass sich dieser Tage nicht mehr viel bewege im Bendlerblock. Die Ministerin ist kaum noch zu sehen - was nicht an der Sommerpause liegt. Die Grünen forderten jüngst schon den sofortigen Rücktritt von der Leyens, um ihrem Nachfolger zu "ermöglichen, möglichst früh das Amt zu übernehmen".

Doch noch ist der CDU-Politikerin der Präsidentenjob in Europa nicht sicher, und darum wird auch die Nachfolgefrage in der Koalition mit aller Vorsicht diskutiert. Kandidaten gibt es einige, aber bisher noch keinen klaren Favoriten.

Zu bedenken ist: Verteidigungsminister ist der wohl undankbarste Posten im Kabinett, nicht nur weil Auslandseinsätze, gefallene Soldaten oder Unglücke wie zuletzt nicht zur Imageförderung taugen. Auch die ehrgeizige und gestaltungswillige von der Leyen musste erfahren, dass es eine besondere Herausforderung ist, den riesigen Apparat im Griff zu haben. Mangelverwaltung bei der Ausrüstung, Gorch-Fock-Desaster, Berateraffäre, ein gestörtes Verhältnis zwischen Truppe und politischer Führung - um von der Leyens Erbe werden sich mögliche Nachfolger nicht reißen.

Bisher haben sich Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer nicht in die Karten blicken lassen. Die CDU-Chefin selbst zieht es wohl nicht auf die Regierungsbank. Nach SPIEGEL-Informationen wollen sie und die Kanzlerin aber daran festhalten, dass die Hälfte aller CDU-Ministerposten mit Frauen besetzt bleibt. Da es derzeit nicht danach aussieht, als dränge erneut eine Frau ins Verteidigungsressort, wäre dann eine größere Kabinettsumbildung nötig.

Wer also käme als Nachfolger von der Leyens im Verteidigungsressort infrage?

Ursula von der Leyen, Jens Spahn
Kay Nietfeld/ DPA

Ursula von der Leyen, Jens Spahn

Wenn es irgendwo einen politischen Topjob zu vergeben gibt, fällt stets sein Name: Jens Spahn. Nur, Spahn hat schon ein Ministeramt, im Gesundheitsressort ist er ein Aktivposten in Merkels GroKo-Kabinett. Nachdem er in der Vergangenheit gern den provozierenden Raufbold gab, hat er sich damit wieder einen seriösen Anstrich verpasst.

Das nötige Selbstbewusstsein für das Verteidigungsressort hätte der 39-Jährige - aber wäre der Wechsel ein Aufstieg? Spahn weiß, dass der Job ein Schleudersitz ist. Doch wenn Merkel ihn fragt, könnte er kaum Nein sagen. Und praktischerweise gäbe es als Spahn-Ersatz für das Gesundheitsministerium eine ausgewiesene Expertin, die zugleich für die Einhaltung der CDU-Frauenquote im Kabinett sorgen würde: die derzeitige Integrationsbeauftragte Annette Widmann-Mauz, 53. Sie war lange Zeit Staatssekretärin im Gesundheitsministerium und schon nach der letzten Wahl Aspirantin für das Ministeramt.

Peter Altmaier
Tobias SCHWARZ / AFP

Peter Altmaier

Peter Altmaier, 61, ist Merkels Allzweckwaffe: Er war Innenstaatssekretär, Fraktionsmanager, Umweltminister, Kanzleramtschef, Interimsfinanzminister, heute ist er Wirtschaftsminister. Als solcher steht er in der Kritik, ein Wechsel ins Verteidigungsressort wäre also eine Gelegenheit, die Wirtschaft mit einem neuen Minister zu beglücken.

Zum Beispiel mit Jens Spahn, dessen Amt dann wiederum Widmann-Mauz übernehmen könnte - siehe oben. Bisher ist nicht überliefert, dass Altmaier besondere Lust auf den Job hätte. Die Kanzlerin allerdings könnte den stets unaufgeregten Saarländer für den geeigneten Mann halten, um Ruhe in die skandalgeplagte Truppe zu bekommen.

Peter Tauber, Ursula von der Leyen
Bernd von Jut/ picture alliance / dpa

Peter Tauber, Ursula von der Leyen

Die kleine Lösung könnte Peter Tauber nach oben spülen. Der 44-jährige Oberleutnant der Reserve ist aktuell Parlamentarischer Staatssekretär bei der Verteidigungsministerin, er kennt das Haus. Aber reicht das? Seine Bilanz als CDU-Generalsekretär fiel gemischt aus: Als Merkel ihn installierte, war er das Gesicht der jungen, modernen CDU. Mit seiner Parteireform aber stieß er auf Widerstände. Und er war für den Wahlkampf verantwortlich, an dessen Ende die Union das schlechteste CDU-Ergebnis seit 1949 einfuhr.

Die Truppe dürfte mit Tauber gut leben können. Ob er aber durchsetzungsstark genug für den Job wäre, daran gibt es Zweifel.

Thomas Silberhorn
LENNART PREISS/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Thomas Silberhorn

Auch Thomas Silberhorn, 50, ist Parlamentarischer Staatssekretär bei von der Leyen, auch er könnte aufrücken. Doch Silberhorn ist in der CSU, was bedeutet, dass die Schwesterpartei in diesem Fall ein anderes Ressort zugunsten der CDU aufgeben müsste. Da kommt Horst Seehofer ins Spiel, den ja nicht wenige gern als Innenminister loswerden würden. Seinen Job könnte Spahn übernehmen, Widmann-Mauz im Gesundheitsressort folgen. Oder Altmaier wird Innenminister, Spahn macht Wirtschaft, Widmann-Mauz Gesundheit.

Theoretisch alles denkbar, praktisch eher unwahrscheinlich. CSU-Chef Markus Söder ließ vorsorglich schon mal wissen, dass seine Partei ganz zufrieden mit ihren Ressorts sei.

Von links: CDU-Politiker Henning Otte, Roderich Kiesewetter, Johann Wadephul
Soeren Stache/ Stephanie Pilick/ Britta Pedersen/ zb/ DPA

Von links: CDU-Politiker Henning Otte, Roderich Kiesewetter, Johann Wadephul

Möglich ist auch eine Expertenlösung ohne großen Promi-Faktor. Der Vorteil: Die Kandidaten müssten sich nicht erst groß in die Thematik und das Haus einarbeiten. Johann Wadephul, 56, wäre so einer, seit zehn Jahren im Bundestag, dort Fraktionsvize der Union und als solcher für die Verteidigungs- und Sicherheitspolitik zuständig. Oder Henning Otte, 50, verteidigungspolitischer Sprecher der Union im Bundestag. Oder Außenpolitiker Roderich Kiesewetter, 55, Oberst a.D. mit langer Militärlaufbahn und ehemaliger Präsident des Reservistenverbandes. Nachteil: An anderer Stelle im Kabinett müsste eine CDU-Frau nachrücken, um die Quote zu erhalten. Dafür müsste ein männlicher Kollege weichen.

Ein paar Tage kann noch munter spekuliert werden. Von der Leyens Wahl im Europaparlament wird wohl am 16. Juli stattfinden, erst wenn sich dort eine sichere Mehrheit für sie abzeichnet, wird auch ihre Nachfolge in Berlin endgültig geklärt werden.

Stimmenfang #105 - Der EU-Postenpoker und Merkels Rolle hinter den Kulissen

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels war der Dienstgrad des Bundeswehrreservisten Peter Tauber als Oberstleutnant der Reserve angegeben. Tauber ist Oberleutnant der Reserve.

insgesamt 62 Beiträge
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neutralfanw 08.07.2019
1. Spahn?
Durchsetzungsstark? Ehrgeizig, mehr nicht. Spahn wäre die absolute Fehlbesetzung. Wirkt in allem, was er kommuniziert unsicher, überfordert und verkrampft. Er ist keine Respektsperson. Nur Ehrgeiz reicht einfach nicht. Gesundheitspolitik? Alles ansprechen, aber nichts durchsetzen. Die CDU sollte erkennen, dass solche Mitglieder verantwortlich sind für die aktuellen Umfragewerte.
Michael Kn 08.07.2019
2. Wann ist ein Job undankbar?
Eigentlich nur, wenn der Job falsch besetzt wird und auch falsche Erwartungen an den Jobinhaber gestellt werden.
john_doo 08.07.2019
3. Ein Ministerposten, ...
... wie der des Verteidigungsressort, muss längerfristig, über eine oder zwei Legislaturperioden besetzt werden und bleiben. Gerade die Defizite der Truppe kann man nicht in 4 Jahren lösen, dazu laufen die abgeschlossenen Verträge schon zu lange bzw. bringen diese ständigen Neuausrichtungen die Truppe in Bedrängnis. Und nur jemanden in das Amt zu heben damit die Quote stimmt, halte ich für die falscheste Entscheidung. Denn dann kann das auch der Spahn machen.
torr 08.07.2019
4.
Liebes SPON, Peter Tauber ist Oberleutnant d. R., nicht Oberstleutnant. Das ist schon ein erheblicher Unterschied. Bitte zukünftig ordentlich recherchieren.
ruhuviko 08.07.2019
5. Warum wird Merz hier nicht genannt?
Es erfolgte eine Einbindung ins Kabinett, die er ja so sehr herbeisehnt. Und im Verteidigungsministerium kann er zeigen, was wirtschaftliche Erfahrung und Effizienz in diesem Job bewirken könnten.
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