"Bundeswehr hat ein Haltungsproblem" Empörung über von der Leyens Soldaten-Kritik

Der Bundeswehrverband reagiert entsetzt auf Vorwürfe der Verteidigungsministerin. Ursula von der Leyen hatte der Truppe Führungsschwäche attestiert. "Jeder rechtschaffene Soldat fühlt sich beleidigt", kritisiert die SPD.

Ursula von der Leyen (zwischen kurdischen Peschmerga und Bundeswehrsoldaten, 2016 bei einem Besuch im Irak)
DPA

Ursula von der Leyen (zwischen kurdischen Peschmerga und Bundeswehrsoldaten, 2016 bei einem Besuch im Irak)


Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen stößt mit ihrer Kritik an der Bundeswehr auf Unverständnis. "Das kann keiner nachvollziehen, wie sich eine Ministerin jetzt sozusagen auf die Tribüne verabschiedet und über ihre Mannschaft urteilt", sagte André Wüstner, Chef des Bundeswehrverbands, dem MDR. Der Verband vertritt die Interessen von Soldaten in dienstlichen und sozialen Fragen.

Von der Leyen hatte die Streitkräfte am Wochenende scharf kritisiert. "Die Bundeswehr hat ein Haltungsproblem, und sie hat offensichtlich eine Führungsschwäche auf verschiedenen Ebenen", sagte die CDU-Politikerin. Im Fall des Bundeswehrsoldaten Franco A., der sich monatelang als syrischer Flüchtling ausgegeben haben soll, geht sie von einer Mitverantwortung des damaligen Vorgesetzten aus.

Von der Leyen ist seit 2013 als Verteidigungsministerin Vorgesetzte der deutschen Soldaten. In einem offenen Brief an die Angehörigen der Bundeswehr schrieb sie, die jüngsten Skandale in der Truppe seien keine Einzelfälle mehr.

"Alle sind über diese Verallgemeinerungen entsetzt"

"Politiker an Bundeswehrstandorten, Menschen aus der Bundeswehr und Angehörige, viele Soldaten im Auslandseinsatz - alle sind über diese Verallgemeinerungen entsetzt", sagte Verbandschef Wüstner der "Augsburger Allgemeinen". Er frage sich, wie man das einem Soldaten erklären solle, der in Mali unter schwierigsten Bedingungen "mit zum Teil nur bedingt guter Ausrüstung" Dienst tue.

Die Ministerin nehme weiteren Schaden im Verhältnis zwischen Politik und Bundeswehr in Kauf, ohne genau zu sagen, auf welcher Faktenlage sie kritisiere. "Ich erwarte von ihr, dass sie umgehend Transparenz schafft, wie der Vorwurf, dass die gesamte Bundeswehr ein Problem mit "Führung und Haltung" hat, zu rechtfertigen ist", forderte der Chef des Verbandes.

Scharfe Kritik an von der Leyen übte auch der SPD-Politiker Rainer Arnold. "Dass sie der Truppe pauschal vorwirft, sie hätte ein Haltungsproblem, macht mich fassungslos. Jeder rechtschaffene Soldat fühlt sich von ihr beleidigt", sagte der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion der "Passauer Neuen Presse". "Ich erwarte, dass sie sich entschuldigt."

Der Verteidigungsexperte der Grünen, Omid Nouripour, warf von der Leyen vor, rechtsextreme Tendenzen in der Bundeswehr nicht wahrgenommen zu haben. Er forderte sie in der "Saarbrücker Zeitung" auf, den Fall "gründlichst aufzuklären" und alle Informationen auf den Tisch zu legen. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch forderte die Ministerin im "Tagesspiegel" auf, endlich konkret zu handeln. "Worte reichen lange nicht mehr aus, der Laden gehört aufgeräumt - spätestens nach der Wahl."

cte/dpa

insgesamt 152 Beiträge
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Augustusrex 02.05.2017
1. Was wird denn erwartet
Was wird denn von Frau von der Leyen erwartet? Seit sie in der Politik dilettiert hat sie doch nichts zu Stande bekommen. Über hoch tönende Ankündigungen und Worthülsen kam sie doch nie hinaus. Warum soll das jetzr als Verteidigungsministerin anders sein? Ich habe das Interview gesehen. Für das Problem "Die Bundeswehr hat ein Problem". Für das Aufklären: "Wir werden das aufklären." Klar, die Armee hat das Problem und Frau vdL wird es klären. Wie immer versucht sie, sich aus ihrer Verantwortung zu schleichen, denn mit dem Problem hat sie ja nichts zu tun. Es ist traurig, aber dieser Ministerin würdig.
joking_hazard 02.05.2017
2.
Diese Führungsschwäche geht nicht zuletzt und am schwerwiegendsten von der höchsten Ebene aus - der Verteidigungsministerin selbst.
WRM58 02.05.2017
3. Wie kann ein Soldat rechtschaffen sein?
In dem Beitrag wird die Betroffenheit rechtschaffener Soldaten über U. v. d. Leyens Statement beschreiben und Rücksicht auf deren Befindlichkeiten eingefordert. Ein Soldat schafft kein Recht, er versucht das Recht des Stärkeren durchzusetzen. Sein eigenes Urteil über Sinn und Zweck der militätischen Operation unterwirft der Soldat der Befehlskette. Unabhängig von machtpolitischen Fragen und der operativen Zweckmäßigkeit des Gehorsams ist dies moralisch und ethisch immer zweifelhaft - der Soldat macht sich zum Werkzeug. Einen rechtschaffenen Soldaten gibt es darum nicht, und eine gesteigerte Sensibilität steht ihm nicht zu - weder von Berufsbild her, noch in der Konsequenz seiner Entscheidung, Soldat zu werden. Frau v. d. Leyen hat den Finger in eine Wunde gelegt, sonst wäre das Geschrei nicht so groß.
aurichter 02.05.2017
4. Ach wie niedlich
jetzt kommt tatsächlich einmal ein evtll durchaus berechtigter Denkanstoss, der u.U. absichtlich provokant von der Verteidigungsministerin - Betonung liegt hierbei auf Ministerin - vorgebracht wird, um eine fruchtbare Diskussion zu diesem Problem anzustossen, da kommen die Herren Leberwürste hervorgekrochen und attackieren in geschlossener Reihe! Lächerlich, aber hochgradig. Allein der Spruch, was ein Soldat in Mali davon halten soll, zeigt doch nur all zu deutlich, dass die Herren Beleidigt die Kernaussage von Frau v.d.Leyen nicht einmal im Ansatz verstanden haben. Anstatt mit Detailfragen darauf einzugehen wird in Seilschaftmanier seitdem zurückgeschossen. Dass in der BW auch im Führungsstil und der Handhabung zur Aussage des Grundgesetz einiges im Argen liegt, ist nicht erst seit der Amtszeit von v.d.Leyen ein Problem, sondern es wurde, entgegen jetziger Betrachtungsweise in früheren Zeiten der Deckel drauf gehalten, egal wie hoch der Druck war und nur Einzelfälle - siehe Todesfall Gorch Fock - wurden der Öffentlichkeit bekannt. Da liegt der wesentliche Unterschied, womit einige ganze Harte, die vermutlich teilweise nicht einmal praktische BW Erfahrung haben, ein Problem haben, so dass sich der falsch verstandene Korpsgeist auf politischer Ebene fortsetzt. Reformen wieder einmal unerwünscht. Schon sehr traurig
Angelheart 02.05.2017
5. Politisch...
...fühle ich mich meilenweit von der Ministerin entfernt, doch in dieser Sache liegt sie richtig! Uniformierte Verbände funktionieren so, was sich immer wieder bestätigt, in einer freien Gesellschaft zumal...Polizeien und Armeen neigen zum schädlichen Korpsgeist, was zahlreiche Fälle belegen, die öffentlich wurden, ich möchte nicht wissen, wie viele unentdeckt bleiben! Und genau hier liegt das "Haltungsproblem", von dem vdL spricht! Transparenz und Rückgrat sind das Gebot der Stunde!
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