Melanie Amann

Von der Leyen in der Plagiatsaffäre Riskantes Ausweichmanöver

Die Vorwürfe gegen ihre Dissertation kann Ursula von der Leyen nicht so leicht wegwischen. Und einen Verlust ihres Doktortitels wohl auch nicht - denn diesen Fehler könnte sie mal nicht auf Dritte abschieben.
Verteidigungsministerin von der Leyen: Gefährliche Abwehrstrategie

Verteidigungsministerin von der Leyen: Gefährliche Abwehrstrategie

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Plagiatsjäger sind nicht sonderlich beliebt. Diese anonyme Schwarmintelligenz, die gehässigen Korinthenkacker aus dem Elfenbeinturm, die uralte Doktorarbeiten durchforsten, am liebsten von Unionspolitikern, um diese zu Fall zu bringen. So denken viele Deutsche, so haben auch viele SPIEGEL-ONLINE-Leser die Nachricht von den Plagiatsvorwürfen gegen Ursula von der Leyen kommentiert, die auf dieser Seite am Samstag bekannt gemacht wurden.

Von der Leyen selbst hat diese Stimmung in ihren Statements geschickt angesprochen: "Es ist nicht neu, dass Aktivisten im Internet versuchen, Zweifel an Dissertationen namhafter promovierter Politiker zu streuen." Die Botschaft ist klar: Ich bin ein Opfer anonymer Heckenschützen.

In einer Reihe mit Guttenberg, Schavan und Koch-Mehrin

Doch hier könnte die Ministerin für Verteidigung die falsche Abwehrstrategie ersonnen haben. Denn sehr oft haben die Plagiatsjäger Recht behalten, und viele "namhafte" Kollegen haben Titel und Amt verloren. Von der Leyen hat sich nun selbst in die Reihe von Guttenberg, Schavan oder Koch-Mehrin gestellt.

Das könnte sich noch rächen, zumal die Verteidigungsministerin die Falschen angreift: Das Team des VroniPlag Wiki hat honorige Mitglieder, die ihre Arbeit seriös nach dem Vier-Augen-Prinzip geprüft haben, ohne Schaum vor dem Mund, und sogar ohne Plagiatssoftware. Einer ihrer Wortführer, Professor Gerhard Dannemann von der HU Berlin, traut sich auch, die Vorwürfe unter eigenem Namen vorzutragen.

Im Video: Plagiatsvorwürfe gegen Ursula von der Leyen

Man kann diese Gruppe nicht als voreingenommene Polit-Aktivisten abtun. Sie prüfen die Dissertation außerdem schon seit Monaten, insofern sind alle Spekulationen abwegig, dass politisch interessierte Kreise von der Leyen als mögliche Merkel-Nachfolgerin abschießen wollen, falls diese wegen der Flüchtlingskrise nicht noch einmal zur Bundestagswahl antreten wollte.

Eine Dissertation ist kein krumm schießendes Gewehr

Sollte ihre Hochschule von der Leyen tatsächlich den Titel entziehen, wäre es eine neue Erfahrung für die Ministerin: Diesen Fehler könnte sie nicht auf Dritte abschieben. Die Dissertation ist kein krumm schießendes Gewehr, das der Hersteller zu verantworten hat, oder ein verkorkstes Rüstungsprojekt, das man einem Staatssekretär in die Schuhe schieben kann. Diese Arbeit hat Ursula Gertrud von der Leyen ganz allein zu verantworten, sie trägt ihre eigenhändige Unterschrift.

Bislang schien die Ministerin makellos, unverletzlich. Es wird spannend zu beobachten, ob sie auch einen Titelverlust wegstecken könnte, ohne ihr Amt zu verlieren. Kratzer im Lack würden wohl bleiben. Aber es ist Ursula von der Leyen, der Frau mit den Nerven aus Stahl, zuzutrauen, dass sie sich als einzige Politikerin auch nach so einer Schmach im Amt halten könnte.

Immerhin könnte der Zeitpunkt der Vorwürfe für von der Leyen kaum günstiger sein: Die Deutschen haben alle Hände voll zu tun mit der Flüchtlingskrise, die auch die Bundeswehr zunehmend beansprucht. Von der Leyens Parteifreunde verkünden deshalb getrost, dass man erst einmal "aktuelle Probleme lösen und Herausforderungen angehen" sollte (so der CDU-Fraktionsvize Thomas Strobl), ehe man über alte Dissertationen diskutiert.

Wenn man genau hinschaut, ist das aber auch keine Verteidigung aus vollem Herzen.

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