Verteidigungsministerium Von der Leyens Rüstungsberater geht zurück zu McKinsey

Zwei Jahre war er Ursula von der Leyens Rüstungsexperte. Jetzt wechselt Gundbert Scherf übergangslos zu McKinsey, der großen Beratungsfirma mit Kunden in Politik und Industrie. Völlig normal, findet das Ministerium.

Gundbert Scherf
EUROFORUM/ Dietmar Gust

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So richtig angekommen ist Gundbert Scherf nie im Verteidigungsministerium. Schon äußerlich sticht der 34-Jährige aus dem tristen Allerlei heraus. Mit seinen engen Maßanzügen und der Hornbrille will der Quereinsteiger so gar nicht passen zum meist grauen Beamtenheer von Ursula von der Leyen. Folglich lästern die Alteingesessenen gern über den Vertrauten der Ministerin.

In den kommenden Tagen dürfte Scherf wieder Thema auf den Fluren im Bendler-Block werden. Denn der wichtige Berater von Ursula von der Leyen wechselt nach Informationen von SPIEGEL ONLINE die Seiten. Aus dem einflussreichen Beauftragten für nationale und internationale Rüstungsgeschäfte der Bundeswehr wird ein neuer Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey.

Der Wechsel ist mehr als eine kleine Personalie.

Scherf gilt als wichtiger Gestalter im kleinen Team der Ministerin. Mit Staatssekretärin Katrin Suder, die wie er 2014 von McKinsey kam, konzipierte er ein straffes Kontrollregime für die pannenanfälligen Rüstungsprojekte. Fast nebenbei entwarf er ein Cyberkonzept, das die Truppe fit für die Zukunft machen soll.

Ob der neue Kurs Erfolge zeitigt, wird Scherf nur noch aus der Ferne beobachten. Schon Anfang 2017 will er seine Arbeit beim Beratungsriesen antreten. Dort war er bis zum Wechsel ins Ministerium als Juniorpartner tätig, jetzt kehrt er als Partner zurück. Für Scherf, der an den Elite-Unis Berkeley, Cambridge und Sciences Po studierte, geht es also weiter aufwärts mit der Karriere.

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Der Wechsel wirft aber Fragen auf. Scherf ist heute einer der intimsten Kenner aller Rüstungsdeals der Bundeswehr. Nun geht er zurück zu McKinsey, einem Unternehmen also, das der Politik, aber auch der Rüstungsindustrie zu Diensten steht. Dort, so unken Kritiker, seien seine Insiderkenntnisse sicher wertvoll, schließlich habe er Rüstungsmanager rund um den Globus bestens kennengelernt.

Beispiele für mögliche Interessenkonflikte lassen sich leicht finden. Schon heute berät McKinsey das Bundesamt für Ausrüstung und Informationstechnik, sozusagen den Chefeinkäufer der Bundeswehr. Und ausgerechnet Anfang 2017 wird das Ministerium einen Topf von 208 Millionen Euro für Beraterverträge für diverse Projekte vergeben, viele der Aufträge wären sicher auch für McKinsey interessant.

Im Ministerium aber kann offiziell niemand etwas an der Personalie Scherf finden. Dass Mitarbeiter mit Expertise in die freie Wirtschaft gingen, sei "völlig normal", heißt es lapidar. Scherf berichtete zudem Vertrauten, er wolle sich bei McKinsey von Beratungsprojekten mit Bezug zur Rüstungsindustrie oder gar der Bundeswehr strikt zurückhalten - niemand solle denken, er nutze sein Wissen aus dem Ministerium.

Von der Leyen und Scherf im Juni 2016
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Von der Leyen und Scherf im Juni 2016

Für Experten zeigt die Personalie trotzdem, dass es die Bundesregierung nicht ernst nimmt mit Regularien für den Wechsel von eigenen Leuten in die freie Wirtschaft. Der Fall Scherf scheint exemplarisch: Da er Ende 2014 gut bezahlt, aber formal als Angestellter ins Ministerium kam, gelten für ihn keine Karenzzeiten oder andere Regeln, um Missbrauch seiner Insiderkenntnisse zu verhindern.

Timo Lange von der Denkfabrik Lobbycontrol sieht darin ein Problem. Selbst wenn der Ministerielle Scherf verbeamtet gewesen wäre, sagt er, hätte er nicht zwangsläufig eine Karenzzeit abwarten müssen. Denn bei Beamten ist es dem Vorgesetzten freigestellt, ob er den Wechsel an Bedingungen wie zum Beispiel Ausschlussregeln für bestimmte Wirtschaftszweige knüpft.

Dass der Fall ausgerechnet im Ressort von Ursula von der Leyen spielt, überrascht. Seit sie 2013 Verteidigungsministerin wurde, kündigte sie mehrmals harte Regeln bei dem Thema an und gab sich als forsche Aufräumerin im notorischen Filz zwischen ihren Beamten und der Rüstungsunternehmen. Konkret aber änderte sich bisher nichts, das versprochene Maßnahmenpaket wird erst im Herbst fertig.

Die Opposition kritisiert die Ministerin scharf. "Frau von der Leyen trägt die Schlagworte Transparenz und Compliance wohlfeil vor sich her", sagt die grüne Verteidigungsexpertin Agnieszka Brugger. "Bei dieser wichtigen Personalie aber fehlt ihr jedes Fingerspitzengefühl". Brugger fordert, das Ministerium brauche "endlich strenge Regeln, damit erlangtes Wissen nicht missbraucht wird".

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c.m.johannsen 13.09.2016
1. Bleiben Sie dran!
Man muss sich das mal vorstellen: In Bundesministerien sitzen hauptsächlich Beamtinnen und Beamten des höheren Dienstes mit sehr guten Gehältern, die aber nicht bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Nein, sie managen lieber die Beratungsverträge mit ANGLOAMERIKANISCHEN Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Anwaltskanzleien und Beratungsgesellschaften. Man fragt sich, wofür diese Herrschaften "besoldet" werden? Können oder wollen sie nicht arbeiten für das gute Geld und die gute Altersversorgung (71,75 % vom letzten Bruttogehalt)? Stattdessen also Berater für Stundensätze von EUR 450,00 bis Ende offen (man denke nur an den ehemaligen Amtsrichter Friedrich Merz, der jetzt auch für solche Gesellschaften arbeitet). Wenn man dann noch bedenkt, dass so ein Berater nie allein kommt, sondern immer sein Team mitbringt, kommt man leicht auf Stundenvergütungen von 5 * EUR 450,00 bis Ende offen pro Stunde. Warum zahlen wir Steuerzahler also zwei Mal: Einmal die Beamtinnen und Beamten und einmal die Beratungsgesellschaften? Und was kommt am Ende dabei raus? Liebe Medien, bleiben Sie dran. Recherchieren Sie. Helfen Sie mit, diesen Wahnsinn zu beenden.
Velociped 13.09.2016
2. leere Worte
Frau von der Leyen bricht hier nicht nur selbst mit ihren eigenen Idealen - oder zumindest dem was sie als solche verkündet hat. Sie hat zudem keine gute Bilanz in Punkt Rüstungsprojekte aufzuweisen. Ein Skandal jagt den nächsten. Es sind zudem nicht nur die Vorgänger, die hier Fehler gemacht haben. Frau von der Leyen wirft auch selbst durch Fehleinschätzungen das Geld zum Fenster hinaus. Das Resultat ist ernüchternd aber McKinsey & Co haben gut verdient.
distel61 13.09.2016
3.
Gesund kann der Job bei McK nicht sein, wenn man mit 34 schon aussieht als sei man 50.
brain on 13.09.2016
4.
In der Industrie hat man mittlerweile erkannt, wie ungünstig die Kosten-Nutzen Relation solcher Berater ist. Daher schießen sich die McK, BCGs und RBs dieser Welt Aufträge aus ihren Netzwerken und bieten Karriereservices und Netzwerkplattformen für ex Berater um von diesen zukünftige Aufträge zu erhalten. Anderen nimmt das Chancen.
wastl300 13.09.2016
5. Völlig normal
erst Kontakte knüpfen, dann diese zum Geld-"Verdienen" verwenden. Zeit für ein paar politische Regeln. Entweder mehrere Jahre Verbot in der Privatindustrie, oder Verzicht auf die staatliche Absicherung. Ist wohl auch so ein Grund für politisch frustrierte Wähler?
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