Urteil zur Kanzlerohrfeige Bewährung für eine tragische Figur

Mit der Behauptung, Gerhard Schröder wolle die Demokratie abschaffen, versuchte Jens Ammoser heute einen Freispruch für seine Kanzler-Ohrfeige zu erreichen. Der Richter verurteilte ihn zu vier Monaten auf Bewährung. Im Prozess offenbarte der Angeklagte sein persönliches Drama und seine Selbstüberschätzung.

Aus Mannheim berichtet Yassin Musharbash


Verteidigung mit Plüschtier: Ohrfeiger Ammoser
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Verteidigung mit Plüschtier: Ohrfeiger Ammoser

Mannheim - Gleich zu Beginn des Prozesses vor dem Amtsgericht Mannheim machte der Angeklagte Jens Günther Ammoser klar, dass er den Saal 121 zu einer Demonstration nutzen wollte. Entschlossen trat er ein und stellte sich dem Blitzlichtgewitter. Nur was er demonstrieren wollte, das blieb unklar: Noch bevor er sich setzte, platzierte Ammoser erst einmal ein rotes Stoffteufelchen auf seinem Angeklagtentisch. Aus einem großen, grauen Reisekoffer zog er dann in bunte Folien verpackte Akten. Und an die versammelten Journalisten verteilte er selbst gemachte Pressemappen, in die er unter anderem Werbebroschüren seiner Heimatgemeinde Bollschweil und eine Seite mit Kanzlerwitzen gepackt hatte.

Ähnlich skurril wie seinen Einzug in den Gerichtssaal gestaltete der Mann, der im Mai hier in Mannheim auf einer SPD-Veranstaltung Gerhard Schröder geohrfeigt hatte, auch den Rest seines Auftritts: Immer hart an der Grenze zur Lächerlichkeit, manchmal kurz davor ins Unverschämte abzugleiten, gelegentlich einen tragischen Anblick bietend.

Denn Ammoser, das wurde schnell klar, ist eine gescheiterte Figur. Jemand, der die Gründe für seine Misserfolge in Lebensführung und Arbeitssuche nur bei den anderen sucht - und sich selbst dabei maßlos überschätzt. Gleich auf die erste Frage des Richters zum Tathergang antwortet der 52-Jährige im Pluralis Majestatis: "Wir haben uns aus einer Not heraus gewehrt. Wir wurden ja jahrelang gequält und misshandelt. Wir haben darum am 18. 5. zurückgeohrfeigt."

"Seit 1995 ohne Lebensinhalt"

Nach den Gründen für die Tat befragt, beginnt er seine Lebensgeschichte ab seiner Geburt zu erzählen. Er zeichnet seine Geschichte als eine Folge gebrochener Versprechen: Er macht Abitur, studiert, wird Lehrer - aber nicht eingestellt. Er macht eine Umschulung - und wird wieder nicht eingestellt. Er bewirbt sich um Praktika - und bekommt keine Antwort. "Seit 1995 bin ich ohne Arbeit, und sie können ruhig ergänzen: ohne Lebensinhalt".

In solchen Momenten blitzt kurz das persönliche Drama Ammosers auf. Aber er macht jedwede keimende Sympathie umgehend dadurch wett, dass er schmollend seine Tat verharmlost. Manchmal gelingt ihm trotzdem so etwas wie eine Pointe. Als der besonnene und geduldige Richter Wolfgang Winkler ihn einmal auffordert, etwas abzukürzen, schließlich könne ihm vermutlich auch niemand aus dem Publikum einen Job besorgen, kontert Ammoser schlagfertig: "Wissen Sie eigentlich, dass ich als Arbeitsloser verpflichtet bin, ununterbrochen nach Arbeit zu suchen?"

Zumeist aber wirkt der arbeitslose Lehrer verwirrt - wie jemand, dem die Maßstäbe durcheinander geraten sind, wie ein moderner, leicht paranoider Woyczek oder Franz Biberkopf. "Der Kanzler steckt seine Nase in mein Bett", raunt er mehrmals. Er meint damit: Das Arbeitsamt will wissen, wo er seine Nächte verbringt. Den Prozess bezeichnet Ammoser gleich mehrfach als "eine Einladung des Herrn Winkler zu einem Gespräch".

Robin Hood aus dem Schwarzwald

Sein Abschweifen lenkt immer wieder von der Tat ab, wegen der er sich verantworten muss. Als die Rede dann endlich auf die Ohrfeige kommt, offenbart sich vor allem die extreme Ichbezogenheit des Jens Ammoser. Er habe eben gelernt, "Demokratie als etwas zu verstehen, wo man auch Risiken eingeht und Nachteile für sich selbst in Kauf nimmt". Er sieht sich selbst als Märtyrer und ist sich nicht zu schade - vielleicht auch nicht realistisch genug -, das in seiner Verteidigung am Ende noch auszubauen: Auf der Grundlage von Artikel 20 des Grundgesetzes fordert er seinen Freispruch. Er habe nämlich von seinem Recht auf Widerstand Gebrauch gemacht - schließlich gäbe es genügend Belege dafür, dass Bundeskanzler Schröder den Sozialstaat aufgeben wolle (Agenda 2010) und das Völkerrecht breche (Kosovokrieg). "Sie sind nicht der Robin Hood aus dem Schwarzwald", kommentiert das der Staatsanwalt.

"Schlicht und ergreifend abstrus", kommentiert Richter Winkler diese Rechtsauslegung. Am Ende verurteilt er Jens Ammoser zu vier Monaten Gefängnis auf Bewährung und 100 Stunden unentgeltlicher Arbeit. Winkler blieb damit zwei Monate und 50 Stunden unter dem von Staatsanwalt Heiko Klein geforderten Strafmaß.

Zu einem "Wirrkopf" sei Ammoser wohl im Laufe der Zeit geworden, konstatiert der Richter bei der Urteilsverkündung. Und in der Tat, wenn es wohl auch nicht krankhaft ist - was an absurden Gedanken in Ammosers Kopf kreist, ist schrillend hysterisch. "Wir kommen aus verschiedenen Welten", wirft er dem Richter einmal an den Kopf, "aber der Ammoser, der Ammoser weiß, wie es ganz unten in diesem Land aussieht."

Ammoser nämlich ist überzeugt, dass er nur der erste der Millionen Vernachlässigten und Bedrängten ist, der sich in dieser Weise zur Wehr zu setzen versucht hat. "Ich fürchte", prophezeit Ammoser düster, "die Politik wird im nächsten Jahr für Tote sorgen". Bei solchen unheimlichen Sätzen bleibt dann selbst das ansonsten häufig grinsende und kichernde Publikum still.



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