Vorteil Urwahl Wie die Grünen die Piraten austricksen können

Die Grünen wollen ihre Mitglieder entscheiden lassen, wer die Partei in den Bundestagswahlkampf führen soll. Verwunderlich, dass viele mit der Urwahl hadern, sie bringt vor allem eines: politische Profilierung. Die Grünen trauen sich Basisdemokratie, das hilft auch im Kampf gegen die Konkurrenz.

Grüne Roth, Trittin, Künast: Abenteuer Urwahl
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Grüne Roth, Trittin, Künast: Abenteuer Urwahl

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Klar, dass Renate Künast es kaum erwarten kann mit der Urwahl: Einer Forsa-Umfrage unter Grünen-Mitgliedern zufolge hat sie mit Abstand die besten Chancen, über diesen Weg einen Platz in der Doppelspitze für den kommenden Bundestagswahlkampf zu ergattern. Künast liegt demnach innerhalb des Bewerberinnen-Trios mit 42 Prozent deutlich vor Parteichefin Claudia Roth (29 Prozent) und Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (18 Prozent). Bundestags-Fraktionschef Jürgen Trittin ist der einzige ernsthafte männliche Bewerber - ihm werden daher passable Chancen auf einen der Plätze eingeräumt.

Seine Co-Fraktionschefin Künast war eigentlich politisch schon so gut wie mausetot nach ihrer Pleite bei der Berlin-Wahl im vergangenen Jahr und den heftigen Anfeindungen aus dem eigenen Lager. Doch die Strippenzieher vom Realo-Flügel haben es nicht vermocht, Künast klein zu kriegen - und nun zieht sie noch mal in den Kampf. In der Urwahl liegt ihre Chance, weil die Ex-Verbraucherschutzministerin immer noch sehr beliebt bei der Grünen-Basis ist.

Willkommen im Abenteuer Urwahl. Natürlich kann sich auch Renate Künast nicht sicher sein, dass sie am Ende auf einem der beiden ersten Plätze landet. Nicht einmal Trittin, derzeit die unangefochtene Führungsfigur der Grünen, kann das - weshalb er einer Urwahl am liebsten aus dem Weg gegangen wäre.

Aber die Grünen können jetzt nicht mehr anders, angesichts der Fülle von Bewerbungen. Wenn der Länderrat am 2. September tatsächlich eine Urwahl einleitet, werden die Kandidaten einen guten Monat lang durch die Republik tingeln, um für sich zu werben. Wie das genau ablaufen soll, daran werkelt man derzeit in der Grünen-Geschäftsstelle, aber klar ist eines: Beim Mitglieder-Wahlkampf können die Kandidaten noch eine Menge gewinnen oder ihre Chancen verspielen.

Kampf mit offenem Visier

Jeder muss zeigen, was er (oder sie) kann. Darin liegt eine große Chance für die Grünen. In letzter Zeit hat es die Partei schwer gehabt, Aufmerksamkeit zu erzielen. Thematisch dringen die Grünen kaum noch durch, in der Euro-Krise werden sie wahlweise als Anhängsel der Koalition oder der SPD wahrgenommen. Nur das Hinterzimmer-Gerangel um die Aufstellung für 2013 sorgte für Schlagzeilen - und die waren negativ. In der Urwahl dürfte das anders sein: Der Kampf mit offenem Visier wird ein politisches Spektakel, das transparenter nicht sein könnte. Und natürlich kann es dabei auch um Inhalte gehen, aber das haben die Kandidaten selbst in der Hand.

So viel Mitbestimmung leisten sich in Deutschland jedenfalls sonst nur die Piraten. "Wir können auch Basisdemokratie" - im Wettbewerb mit der neuen politischen Kraft dürften die Grünen von einer Urwahl ganz bestimmt profitieren. Auch ein hübscher Nebeneffekt. Zumal die Piraten nach neuen Umfragen gerade offenbar ihren Reiz für viele Wähler verlieren.

Und dann ist da natürlich die Chance, sich endlich einmal klar von der SPD abzusetzen: Die murkst nun schon seit Monaten mit ihrer Kanzlerkandidaten-Troika vor sich hin - doch vor einem Mitgliederentscheid, den auch mancher Sozialdemokrat erwogen hat, schreckt die Parteispitze zurück. Aus Angst vor den eigenen Genossen. Die Grünen können zeigen, dass sie ihren Leuten mehr zutrauen als die Spitzen-Sozis im Willy-Brandt-Haus.

Wird Frank-Walter Steinmeier Kanzlerkandidat? Oder doch Peer Steinbrück? Am Ende wird das der Vorsitzende Sigmar Gabriel mit der SPD-Führung auskungeln und einem Parteitag zum Abnicken vorlegen. Die Grünen dagegen werden mit zwei Kandidaten in den Bundestagswahlkampf ziehen, die das maximale Vertrauen der Partei genießen.

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
hauptsache_dagegen 24.08.2012
1. Man stelle sich nur mal vor...
...ein CDUler würde so etwas unerhörtes vorschlagen. Die beiden Kauders würden wahrscheinlich in Ohnmacht fallen angesichts dieser seltsamen Auslegung von Demokratie...
Dramidoc 24.08.2012
2. xxx
Zitat von sysopDPADie Grünen wollen ihre Mitglieder entscheiden lassen, wer die Partei in den Bundestagswahlkampf führen soll. Verwunderlich, dass viele mit der Urwahl hadern, sie bringt vor allem eines: politische Profilierung. Die Grünen trauen sich Basisdemokratie, das hilft auch im Kampf gegen die Konkurrenz. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,851674,00.html
Es ist ja schön, dass die Grünen diesen Weg einschlagen. Nur spielt das Prozedere nicht zwangsläufig eine so große Rolle, sondern vielmehr die Politik, die Grünen betreiben. Nach außen hin geben alle Kandidaten ein desaströses Bild ab. Auch ist jetzt schon klar, dass der nächste Spitzenkandidat für die Bundestagswahl wohl aus dem Personenkreis (Trittin, Künast, etc.) kommen wird. Ein Außenseiter hat da kaum Chancen. Ich schätze mal, dass die Grünen bei der nächsten Bundestagswahl wohl nicht mehr Stimmen bekommen werden, eher sogar weniger als 2009.
MartinK. 24.08.2012
3. Hmm
Wieso "..trauen sich Basisdemokratie.."?? Die haben das früher schon gehabt. Bis sie zu Groß dafür wurden bzw. zu unflexiebel. Basisdemokratie ist schon ne tolle Sache braucht aber mitunter sehr lange um ne Entscheidung zu treffen. Sieht man ja jetzt bei der PP. Allerdings sind mir wohldurchdachte Entscheidungen allemal lieber als welche sie auch das Hüfte geschossen werden.
warndtbewohner 24.08.2012
4. Basisdemokratisch
die Grünen waren doch mal ursprünglich basisdemokraktisch. Ökologisch, sozial, baisidemokratische hieß es damals. Wurde aber aufgegeben damit man besser kungeln kann und sich anpassen kann sprich Posten und Pfründe lockten ansonsten wäre nämlich ein Hartz IV nicht so leicht durchgewunken worden wenn man die Basis befragt hätte. Alles alter Wein in neuen Schläuchen...
kritikus_49 24.08.2012
5. Die Wähler sind für Uhrwahl
Man kann den Grünen nur gratulieren. Basisdemokratisch haben sie zweifelsohne die größte Erfahrung und den Spitzenplatz. Die Frage wird halt sein, ob dann der Wähler mit seiner Stimme - und die nur entscheidet über politische Macht- das Urwahlergebnis honoriert. Wenn die Urwahl für "Renate" ausgeht, werden die Grünen halt 5% verlieren, denn dass sie zwar Krawall aber nicht Politik kann, wissen die Wähler .. Ich-Sucht und Selbstüberschätzung sind nicht gefragt, nirgendwo. Nicht nur in Berlin nicht.
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