Fotostrecke

Problembär: Tod in den Bergen

Foto: AP

US-Depesche über Bruno Deutschland, dein Problembär

Was verrät ein totes Tier über die deutsche Psyche? Viel, fanden US-Diplomaten im Sommer 2006 - und widmeten sich in einer geschliffenen Depesche dem Problembären Bruno. Die Jagd auf ihn bietet demnach tiefe Einblicke ins Wesen der Republik.

Braunbär Bruno

Berlin - Es war einer der ganz großen Momente bayerischer Politik. Als im Sommer 2006 der aus Italien über die Alpen in den Freistaat einwanderte, nahm sich schon bald Edmund Stoiber der Sache an. Eigentlich freue man sich ja über einen Bären in Bayern - zumindest wenn es ein normaler Bär sei, sagte der damalige Ministerpräsident: "Der sich normal verhaltende Bär lebt im Wald, geht niemals raus und reißt vielleicht ein bis zwei Schafe im Jahr."

Nun ja.

Stoiber

Bruno aus dem italienischen Trentino aber schlug immer wieder zu. "Wir haben dann einen Unterschied zwischen dem (sich) normal verhaltenden Bär, dem Schadbär und dem Problembär", erläuterte . Und Bruno, tja, "es ist ganz klar, dass dieser Bär ein Problembär ist".

Bayerns Regierung gab den Italiener schließlich zum Abschuss frei. Bruno, der erste Bär in Bayern seit 170 Jahren, ließ sein Leben nach wochenlanger Jagd am 26. Juni 2006 auf der Kümpflalm über dem Spitzingsee.

Das alles entging den US-Diplomaten in München und Berlin natürlich nicht. Und wurde auch prompt nach Washington gekabelt. In den nun enthüllten Depeschen findet sich eine ausführliche Meldung über Bruno aus dem Juni 2006. Das Münchner US-Konsulat in der Königinstraße in unmittelbarer Nähe von Stoibers Staatskanzlei notierte in jenem Sommer ein paar grundsätzliche Gedanken zum Naturverständnis der Deutschen:

Wortlaut: Die Depesche zum Thema

Leicht amüsiert registrierte man, dass Bruno selbst die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland für einen Moment in den Hintergrund gedrängt habe. Die Diplomaten beschreiben die anfangs vergebliche Jagd und den ebenfalls gescheiterten Einsatz extra eingeflogener finnischer Bärenjäger. Doch der Immigrant hat letztlich keine Chance. Beinahe poetisch heißt es: "Am frühen Morgen sah Bruno seinem Tod in Gestalt eines Jägers entgegen."

Bruno hat aus Sicht der US-Diplomaten offensichtlich die Gastfreundschaft der Bayern verwirkt, weil er sich nicht an "deutsche Kultur und Traditionen angepasst" hat - wie Innenminister Günther Beckstein das von jedem Fremden verlange, vermerken die Diplomaten süffisant. Und natürlich verschweigen sie nicht Stoibers Klassifikation Brunos als "Problembär".

In einer sehr hellsichtigen Analyse am Ende der Münchner Depesche vom 30. Juni heißt es, die größte Erkenntnis aus der ganzen Affäre um Bruno sei, dass die deutsche Gesellschaft sich zwar gerne einen grünen Anstrich gebe - das moderne Deutschland aber ein sehr schwieriges Verhältnis zur ungezähmten Natur habe.

"Natur ist gut, so lange sie unter Kontrolle ist"

Wirkliche Wildnis gebe es selbst im gebirgigen Bayern seit Generationen nicht mehr. "Natur ist gut, so lange sie unter Kontrolle, eingehegt und gebändigt ist", heißt es. Die Prognose der Diplomaten ist düster: "Wenn die Saga von Bayerns Problembär ein Gradmesser ist, dann könnte die Wiedereingliederung wilder Bären in den Alpen, zumindest in den deutschen Alpen, zum Scheitern verurteilt sein - es sei denn, die Bären erklären sich bereit, nicht zu wild aufzutreten."

Tatsächlich befassten sich die Bayern nach des Bären Ableben auf sehr preußische Weise mit Brunos möglichen Nachfolgern. Flugs wurde ein "Managementplan Braunbären in Bayern" entworfen, mit konkreten Tipps für den Wanderer, der zufällig Bekanntschaft schließe mit einem neuen Bruno: "Der Bär wird in der Regel nicht zuschlagen, sondern Sie beschnuppern und als ungefährlich bewerten." Auf jeden Fall solle man frühzeitig auf sich aufmerksam machen, zum Beispiel durch lautes Singen.

Nach Bruno ist allerdings kein Braunbär mehr dauerhaft nach Bayern eingewandert. Die Kunde von der bajuwarischen Gastfreundschaft hat sich offenbar auch ohne Zugriff auf US-Depeschen unter Italiens Bären verbreitet.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.