US-Depeschen aus den siebziger Jahren Schmidts Schilddrüse, Honeckers Telegramm

WikiLeaks hat US-Botschaftsdepeschen veröffentlicht, die einen Blick auf deutsche Politiker in den siebziger Jahren erlauben. Von Brandts Ostpolitik über Honeckers gescheiterte Kontaktversuche bis zu Schmidts Tabakkonsum - die USA waren stets informiert.

Getty Images

Von , Washington


Zum Geburtstag des Klassenfeinds versuchte sich Erich Honecker an einem Glückwunschtelegramm. "Anlässlich des 200. Jahrestags der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika übermittle ich Ihnen im Namen des Volkes der Deutschen Demokratischen Republik und in meinem Namen die besten Glückwünsche", schrieb der SED-Generalsekretär dem US-Präsidenten Gerald Ford zum 4. Juli 1976.

In den Siebzigern war Entspannung angesagt, ein solches Telegramm also eine hübsche Übung. Honecker ließ es sogar auf Seite zwei im "Neuen Deutschland" abdrucken.

Dumm nur, dass seine Nachricht Washington offenbar gar nicht erreichte. "Außenministerium und Weißes Haus haben das im 'Neuen Deutschland' abgedruckte Glückwunschtelegramm von Erich Honecker nie erhalten", kabelt am 21. Juli 1976 US-Außenminister Henry Kissinger an die Botschaft in Ost-Berlin. Man möge doch mal bitte "diskret nachforschen, wie und wann" das eigentlich übermittelt worden sei: "Wir würden gern angemessen antworten, können aber nicht, solange die Nachricht hier nicht eingegangen ist. Kissinger."

Die Sache mit dem Honecker-Telegramm findet sich unter rund 1,7 Millionen US-Geheimberichten, die WikiLeaks am Montag digital zugänglich gemacht und mit einer Suchfunktion versehen hat. Bei diesen sogenannten Kissinger Cables - sie stammen aus den Jahren 1973 bis 1976, der Amtszeit des Außenministers - handelt es sich, anders als vor zwei Jahren, allerdings nicht um Enthüllungen; die Depeschen sind bereits als nicht mehr geheim eingestuft und vor Jahren veröffentlicht worden. Dennoch zeigten sie "das enorme Ausmaß und die enorme Bandbreite" des US-Einflusses in der Welt, sagt WikiLeaks-Gründer Julian Assange.

Mit Blick auf das geteilte Deutschland der siebziger Jahre aber ist darin eher Verunsicherung spürbar: Was wollen die Westdeutschen? Sind sie mit ihrer neuen Ostpolitik noch verlässliche Verbündete? Und wer sind eigentlich dieses Jusos?

Brandt? "Ein komplizierter Mann"

Da sendet zum Beispiel am 17. April 1973 die Bonner US-Botschaft in Vorbereitung des Amerika-Besuchs von Willy Brandt ein ausführliches Psychogramm des Kanzlers nach Washington. Brandt sei ein "komplizierter Mann", aber längst "kein doktrinärer Sozialist" mehr und habe die "Enge der marxistischen Ideologie seiner Jugend" hinter sich gelassen. Die US-Diplomaten wissen von Brandts Depressionen zu berichten ("Phasen von Mattigkeit gegenüber dem gesamten politischen Geschäft") und erwähnen "Gerüchte in politischen und diplomatischen Zirkeln" über Brandts Trinkgewohnheiten und "mutmaßliche Schwierigkeiten mit seiner attraktiven und klugen norwegischen Ehefrau".

Der Kanzler bezweifele gegenüber engen Vertrauten, ob er sich letztlich auf Amerika verlassen könne. Dies habe seine Ursache wohl in Brandts Zeit als Regierender Bürgermeister von Berlin, als er sich während des Mauerbaus mehr Engagement von den USA erhofft habe. Vor diesem Hintergrund sei Brandts Ostpolitik als Absicherung zu verstehen für den Fall, dass sich die USA aus Europa zurückzögen. Andererseits aber sei Brandt Realist, er wisse, "dass er als deutscher Patriot alles tun" müsse, um einen solchen Abzug zu verhindern. Deshalb sei unter anderem davon auszugehen, dass der Kanzler sich trotz heftigen Drucks vom linken Flügel seiner Partei der Kritik an den USA enthalte.

Schmidt? "Hochintelligent und redegewandt"

Egon Bahr hingegen, der Kanzler-Vertraute und Architekt der Ostpolitik, gilt den Amerikanern als unsicherer Kantonist, als "graue Eminenz". Bahr und Brandt seien "überzeugte deutsche Nationalisten, die - anders als ihre bundesdeutschen Vorgänger - Probleme eher unter dem Gesichtspunkt deutscher Interessen angehen". Und weiter: Skeptische Beobachter fürchteten, Brandt könne bereit sein, Deals mit den Sowjets auf Kosten der westlichen Allianz zu machen.

Die Lage entspannt sich, als in Bonn Helmut Schmidt und in Washington Gerald Ford die Regierungsgeschäfte übernehmen. Im Mai 1974 kabelt US-Botschafter Martin J. Hillenbrand eine Lobeshymne über den Atlantik: Schmidt sei "hochintelligent und redegewandt", von Ideologie keine Spur, ein "überzeugter Anhänger" der Nato. Im Gegensatz zu Brandt sei von Schmidt "dynamische Führung" zu erwarten. Allerdings gibt Hillenbrand zu bedenken: Schmidt erwarte, auf Augenhöhe behandelt zu werden, "und er wird nicht davon lassen können, uns hin und wieder Vorträge zu halten". Wie wahr. Auch über Schmidts Gesundheit tauschen sich die Amerikaner aus: Der Kanzler leide an einer Überfunktion der Schilddrüse. Einen Monat später scheint es Schmidt schon besserzugehen: Die Sache mit der Schilddrüse sei wohl "unter Kontrolle", und Schmidt rauche jetzt "nur moderat", meldet Hillenbrand im Juni.

Stets hielten die Experten im US-Außenministerium den linken Flügel der SPD sowie deren Parteijugend im Blick. Im Mai 1976 lädt der Botschafter vier Jusos zum Lunch, darunter die Vorsitzende Heidemarie Wieczorek-Zeul und Johano Strasser ("Juso-Ideologe"). "Ihr Benehmen war gut, die Stimmung freundlich und zwanglos", heißt es in dem Bericht. Strasser habe versichert, dass der linke Flügel in West-Berlin entschieden antikommunistisch eingestellt sei. Und auch Berlins "radikale Elemente, die sich einst um Rudi Dutschke sammelten, seien naiv, hoffnungslos zerstritten und bedeuteten keine Gefahr für die politische Stabilität Berlins".

Erich Honecker übrigens hatte nicht immer nur Pech mit den Amerikanern. Als der SED-Chef im Sommer 1975 um ein persönliches Treffen mit Präsident Ford am Rande der KSZE-Konferenz nachsuchen lässt, lehnt Kissinger zwar ab, kabelt an den US-Botschafter in der DDR: "Übermitteln Sie das Bedauern des Präsidenten." Gleichzeitig aber weist er darauf hin, dass Ford und Honecker der Sitzordnung zufolge in Helsinki ja nebeneinander platziert seien: "Da werden sie sicher die Möglichkeit haben, sich informell zu begrüßen."

Und so kam Honecker zu einem Foto mit dem US-Präsidenten. Wenn auch nur sitzend.

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