Zum Inhalt springen
SPIEGEL ONLINE
Roland Nelles

Obama-Rede in Berlin Der Ton stimmt

US-Präsident Barack Obama lässt bei seinem Deutschland-Besuch seinen ganzen Charme spielen - und überzeugt. Es ist Zeit, sich über diesen US-Präsidenten wieder etwas mehr zu freuen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein begnadeter Redner wie Barack Obama erinnert den Zuhörer sofort mit Grausen an die rhetorische Unbedarftheit des deutschen Polit-Personals. Könnten unsere Volksvertreter doch nur so schön reden. Nun neigt der Deutsche dazu, den amerikanischen Polit-Pomp als Hollywood-Show abzutun. Da ist etwas dran, doch ein wenig Obama-Style dürften Angela Merkel und Peer Steinbrück gerne verströmen - dann wäre dieser Wahlkampf flotter.

Es ist eine erstaunliche Charme-Offensive, die der US-Präsident in Deutschland entfacht (Liveticker hier). Er umarmt den Bundespräsidenten, knuddelt die Kanzlerin, scherzt mit dem Winkevolk am Straßenrand. Er erinnert die Bewohner der Merkel-Republik daran: Politik ist mehr als die Berechnung von Rentenformeln, es geht auch um Emotionen, Begeisterung und Visionen.

Obama predigt Toleranz

Obama spannt den ganz großen Bogen, vom Fall der Mauer bis zum Arabischen Frühling. Freiheit, der Kampf gegen Armut, Frieden - das sind die Stichworte, mit denen der Präsident in Berlin die Zuhörer für sich einnimmt. Obama steht für das bessere Amerika: Anders als sein Vorgänger George W. Bush will er die Welt nicht bevormunden, sondern sucht die Zusammenarbeit. Er geht auf andere Nationen und Völker zu, statt die Unterschiede zu betonen. Das ist schon sehr viel wert, in einer Welt, in der immer noch zu viele Fanatiker vom "Kampf der Kulturen" schwadronieren.

Fotostrecke

Obama in Berlin: 28-Minuten-Rede am Brandenburger Tor

Foto: CHRISTOF STACHE/ AFP

Obama predigt Toleranz. Deshalb strahlt er, der Visionär, immer noch diese Faszination aus - gerade in Berlin, Deutschlands Multikulti-Hauptstadt. Mehr als 60 Prozent der Deutschen sind mit seiner Arbeit zufrieden. Die simple Wahrheit ist: Auch wenn dieser Präsident bislang wenig von seinen Zielen umgesetzt hat, so ist ihm doch anzurechnen, dass er für die richtigen Dinge eintritt.

Deutschland ist nicht der wichtigste, aber ein Partner auf diesem Weg. Das Gerede von einem angeblich schlechten Verhältnis zwischen Berlin und Washington ist natürlich Quatsch. Noch nie gab es nach dem Krieg mehr Austausch zwischen den beiden Ländern als heute. Deutsche Firmen verdienen in den USA Milliarden, jährlich kommen Zehntausende Amerikaner als Touristen nach Deutschland - vor allem nach Berlin.

Natürlich ist aber auch richtig: Obama ist der "Doch-nicht-so-toll-Präsident". Ein Mann, der mit seinen Auftritten große Hoffnungen weckt, aber eben auch nicht übers Wasser gehen kann. Selten zeigt sich das für das deutsche Publikum so klar wie bei seinem Berlin-Besuch.

Wollte er nicht alles besser machen?

Es ist gut, dass Obama in Berlin für Abrüstung eintritt. Aber was folgt eigentlich daraus? Schon vor vier Jahren entwarf Obama in Prag die Vision einer atomwaffenfreien Welt. Bislang ist er diesem hehren Ziel kaum näher gekommen. Dafür müssen auch die Russen mitziehen und die Falken in den USA sowieso.

Im Kampf gegen den Terror betreibt Obama das Lager Guantanamo weiter, obwohl er es schließen wollte. Er verschießt Drohnen-Raketen, lässt Internet-User ausforschen. Als Kandidat hatte er den Überwachungswahn der Bush-Regierung noch kritisiert. Wollte er nicht alles besser machen?

Obama folgt dem Wunsch der Mehrheit seiner Bürger nach Sicherheit, zugleich stößt er aber den Verbündeten vor den Kopf. Er betreibt Realpolitik, wie viele Präsidenten vor ihm.

Trotzdem: Es ist der Ton, der den Unterschied macht.

Obama versucht, auch im Ausland für seine Politik zu werben. Er weicht nicht von seiner Position ab, aber er erklärt sich, geht ausführlich auf die Bedenken ein - gerade auch mit Blick auf das NSA-Schnüffelprogramm Prism. Durch die Lauschaktionen würden Menschenleben gerettet, auch in Deutschland, sagt er. Er geht nicht arrogant über Kritik hinweg, sondern kämpft um Vertrauen. So verdient er es sich.

Vor fünf Jahren jubelten Hundertausende Deutsche Obama an der Siegessäule zu. Jetzt wird er freundlich begrüßt, auch gefeiert. Aber die große Euphorie ist vorbei. Es ist Zeit, Obama als das zu sehen, was er ist: ein Politiker, der natürlich kalkuliert. Aber der sich zugleich um eine bessere Welt bemüht. Nicht mehr.

Aber auch nicht weniger.

Obamas Rede vor dem Brandenburger Tor als Word Cloud:

Foto: SPIEGEL ONLINE
Foto: SPIEGEL ONLINE

Zum Vergleich: Obamas Berliner Rede von 2008 als Word Cloud: