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US-Pläne: In Deutschland stationierte Atomwaffen sollen modernisiert werden

Foto: USAF

Pläne der US-Regierung Atomwaffen in Deutschland sollen modernisiert werden

Mit Milliardenaufwand modernisiert die US-Regierung derzeit ihre Atomwaffen. Das Programm ist nach SPIEGEL-Informationen noch umfangreicher als bisher bekannt und umfasst auch in Deutschland stationierte Sprengköpfe. Kritiker sehen in den renovierten Bomben getarnte Neuentwicklungen.

Hamburg - Entgegen den Erwartungen der Bundesregierung könnten in Deutschland neuartige US-Atomwaffen stationiert werden. Dies geht nach SPIEGEL-Informationen aus einem Bericht der Nationalen Nuklearen Sicherheitsbehörde an den US-Kongress hervor. Die Behörde behält sich demnach die Möglichkeit vor, Waffen mit neuen Fähigkeiten zu bauen; Voraussetzung dafür sei, dass die "Sicherheit und Zuverlässigkeit" der Sprengköpfe erhöht werden könne. Dies dürfte dazu führen, dass die in Deutschland gelagerten freifallenden Atombomben des Typs B61 zu präzisen Lenkwaffen umgerüstet werden.

Die Bundesregierung hatte in diesem Jahr in Antworten auf Anfragen der Grünen und der SPD mitgeteilt, dass es bei der Modernisierung der Atomwaffen nicht darum gehe, "neue Waffen oder neue militärische Fähigkeiten zu schaffen". Dies entspreche den Vorgaben des US-Präsidenten Barack Obama. Die Vereinigten Staaten stationieren seit den fünfziger Jahren Atomwaffen in der Bundesrepublik; am Standort Büchel in der Eifel lagern bis zu 20 Bomben.

Technologie aus den siebziger Jahren

Erst vor wenigen Tagen hatte der US-Forscherverband Union of Concerned Scientists (UCS) der US-Regierung vorgeworfen, hinter der Abrüstung verstecke sich in Wahrheit die Entwicklung praktisch neuer Waffensysteme. Die mehr als 2000 aktiven Atomsprengköpfe der Vereinigten Staaten basieren auf Technologie aus den siebziger Jahren, seit 1992 führen die USA keine Bombentests, sondern nur noch Computersimulationen durch. Dennoch müssen die Waffen sicher und zuverlässig bleiben. Während die US-Regierung von 60 Milliarden Dollar für die Modernisierung in den nächsten 25 Jahren spricht, kommen die UCS-Wissenschaftler auf eine deutlich höhere Summe.

Heftig kritisieren die Forscher vor allem die Modernisierung eben jener B61-Fliegerbomben, die auch in Deutschland stationiert sind. Experten halten sie in ihrem heutigen Zustand für militärisch nutzlos und befürchten, Russland könnte die runderneuerten Waffen als erhebliche Bedrohung einstufen. Die UCS-Experten rechnen mit Schwierigkeiten, weil der 2011 in Kraft getretene "New Start"-Vertrag zwischen den USA und Russland die weitere atomare Abrüstung vorschreibt. Auch hatte US-Präsident Barack Obama noch in seiner Rede zur Lage der Nation im Juni angeboten, das US-Atomwaffenarsenal um ein Drittel zu verkleinern. Waffen mit ganz neuen Fähigkeiten passen da nicht ins Bild.

Zeitweise mehr als 5000 US-Nuklearwaffen in Deutschland

Ab 2019 sollen nach aktuellen Plänen die runderneuerten B61-12-Bomben hergestellt werden, von denen ein Teil auch in Deutschland stationiert werden soll. Neben den zehn bis 20 in der Eifel gelagerten B61-Bomben sind in Europa rund 160 weitere der Sprengköpfe stationiert. Im Kalten Krieg hatten die USA noch weitaus mehr Atomsprengköpfe in Deutschland untergebracht, ohne die damalige Bonner Regierung um Zustimmung zu bitten. Seit Ende der fünfziger Jahre bestanden Unterlagen des Auswärtigen Amtes zufolge entsprechende Verträge zwischen den USA und Verbündeten, die in der Bundesrepublik Streitkräfte unterhielten. Historiker schätzen, dass zeitweise mehr als 5000 US-Nuklearwaffen in Deutschland lagerten.

Noch nach der Jahrtausendwende sollen alleine auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein 130 Bomben stationiert gewesen sein, bevor sie mutmaßlich bis 2007 außer Landes gebracht wurden. Die in Büchel lagernden Atombomben sind für den Einsatz auf deutschen "Tornado"-Jagdbombern vorgesehen.

"Tornado" noch über das Jahr 2025 hinaus im Einsatz

Kritiker der US-Modernisierungspläne hatten in der Vergangenheit bereits die Hoffnung geäußert, das Problem runderneuerter B61-Sprengköpfe könne sich in Deutschland von selbst lösen. Denn die Bundeswehr wollte ihre "Tornados" ursprünglich bis 2020 einmotten. Und der Nachfolger, der Eurofighter, soll nach bisherigen Plänen nicht in der Lage sein, Atombomben zu tragen.

Doch aus einer Antwort des Parlamentarischen Staatssekretärs im Verteidigungsministerium, Christian Schmidt (CSU), vom September 2012 auf eine Frage des Linken-Abgeordneten Paul Schäfer geht hervor, dass der "Tornado" "in reduzierter Stückzahl über das Jahr 2025 hinaus" eingesetzt werden soll (PDF hier , S. 46). Die Frage, wie mit runderneuerten US-Atomwaffen in Deutschland umgegangen werden soll, könnte also noch eine ganze Weile aktuell bleiben.

dba
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