US-Wahlkampf "Notwendiger politischer Vatermord"

Al Gore will als Kandidat der Demokraten mit Joseph Lieberman um den Einzug ins Weiße Haus kämpfen. Am Dienstag will Gore Lieberman offiziell als "Running Mate" nominieren. Mit der Strategie Gores beschäftigt sich die internationale Presse.


Joe Liebermann mit Ehefrau
REUTERS

Joe Liebermann mit Ehefrau

Die italienische Zeitung "La Repubblica" (Rom) schreibt dazu:

"Mit dem Mut der Angst haben Al Gore und seine Demokratische Partei eine neue Seite in der Geschichte der amerikanischen Politik aufgeschlagen. Um mit der Vergangenheit zu brechen, um die negativen Umfragewerte zu erschüttern und vor allem, um gegen Monica und Clinton gefeit zu sein, haben sie zum ersten Mal in der 220-jährigen Geschichte der Republik einen orthodoxen und praktizierenden Juden als Kandidaten für die Vizepräsidentschaft der Nation ausgewählt, jenen Senator Joseph Lieberman, der der einzige namhafte Demokrat war, der öffentlich den Präsidenten angriff.

Mit ihm hat Gore die Schnur durchtrennt, die ihn mit Clinton verband und hat endlich den notwendigen politischen Vatermord begangen. In der Stunde des wieder erstarkenden Antisemitismus in Europa antwortet Amerika, indem es einen Juden für das Weiße Haus vorschlägt."

"Sydsvenska Dagbladet" (Malmö):

"Viel spricht dafür, dass der demokratische Präsidentschaftskandidat Al Gore eine historische Entscheidung bei seiner Wahl des Kandidaten als Vizepräsident getroffen hat... Zum ersten Mal tritt mit Joseph Lieberman eine Person jüdischen Glaubens als Kandidat einer der beiden großen US-Parteien für die Vizepräsidentschaft und damit auch die Präsidentschaft an... Ob Al Gore damit eine Siegerstrategie gefunden hat, ist unsicher. Die aber braucht er. Den Demoskopen zufolge führt George W. Bush klar. Man sollte sich allerdings vergegenwärtigen, dass dessen Republikaner während des Konvents enorme Aufmerksamkeit bekommen haben. Der Konvent der Demokraten folgt kommende Woche... Seinen Anstand in allen Ehren, so steht auf Gores Minusseite, dass er als steif und unpersönlich empfunden wird. Ob Lieberman der Richtige ist, um Gore aufzuweichen, bleibt abzuwarten."

"The Guardian" (London):

"Manche glauben, dass dies nicht nur die etwa sechs Millionen jüdischen Wähler in Amerika für Gore einnehmen wird, sondern auch bei erklärten christlichen Wählern einen guten Eindruck machen wird, die Politiker mit einem Glauben mögen, was auch immer das für ein Glauben sein mag. Aber dies wirft für Amerika auch eine Frage auf. Ebenso wie die Kandidatur von John F. Kennedy die Frage aufwarf, ob die USA reif für einen katholischen Präsidenten seien, so muss das Land nun entscheiden, ob es für einen Juden nur einen Herzschlag vom Oval Office entfernt bereit ist. Schon weil bloß diese Frage gestellt wird, muss die Wahl Liebermans begrüßt werden."

"The Financial Times" (London):

"Liebermann würde ein solider Vizepräsident sein, auch wenn ihm der starke Hintergrund von Dick Cheney fehlt, dem republikanischen Bewerber. Aber der Kandidat der Demokraten wird keine Chance haben, sich im Amt zu beweisen, wenn Gore nicht das eigene Haus in Ordnung bringt. Der Wahlkampf Gores ist auf Grund interner Streitereien aus dem Gleichgewicht geraten. Gore hat in den demokratischen Vorwahlen einen schlechten Wahlkämpfer, Bill Bradley, geschlagen. Aber Bush und dessen Berater sind ein wesentlich ernsthafterer Gegner. Lieberman wird helfen, aber die Schwerarbeit muss von Gore alleine geleistet werden."



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