V-Mann in der NPD Spitzel für 600 Mark monatlich

Wer hat beim NPD-Verbotsantrag geschlampt? Immer mehr weist daraufhin, dass sowohl im Berliner Innenministerium als auch beim Düsseldorfer Verfassungsschutz schwere Fehler begangen wurden. Doch wer ist der Zeuge, der jetzt - ohne eigenes Zutun - das ganze Verfahren gekippt hat?


Wolfgang Frenz war seit mehr als 30 Jahren Informant des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz
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Wolfgang Frenz war seit mehr als 30 Jahren Informant des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz

Karlsruhe/Berlin/Düsseldorf - Bis zum Jahr 1995 war der NPD-Funktionär Wolfgang Frenz beim Landesamt für Verfassungsschutz in Düsseldorf ein gern gesehener Gast, doch nach der Veröffentlichung seines Namens ist er offenbar abgetaucht. Fast alle zwei Wochen hatte er Informationen an den Geheimdienst geliefert und dafür gut kassiert: Zwischen 600 und 800 Mark will er nach eigenen Angaben gegenüber der ARD für seine Infos bekommen haben. Diese Summe habe er versteuert und dann der Parteikasse als Spende zukommen lassen. Indirekt finanzierte so der Verfassungsschutz die Parteikasse der NPD.

Doch was machte den 66-jährigen Solinger Frenz für die Verfassungsschützer so interessant? Erstens freilich seine herausragende Rolle in der rechten Partei, denn der Rechtsextremist hatte bis Ende der neunziger Jahre hochrangige NPD-Ämter auf Landes- und Bundesebene inne. Er gehörte im Jahr 1964 zu den Gründungsmitliedern der Partei. Zeitweise war er auch stellvertretender Landesvorsitzender in NRW und Beisitzer im Bundesvorstand. Außerdem fungierte er nach Angaben aus NPD-Kreisen als Landesgeschäftsführer. Nebenbei gab Frenz auch das regelmäßig erscheinende Pamphlet "Deutsche Zukunft" heraus, das als eines der wichtigsten Magazine in der Neonaziszene gilt.

"Ich kenne Gott und die Welt"

Frenz selbst sprach gegenüber dem ARD-Magazin "Report" noch am Dienstagabend ganz offen über seine Tätigkeit beim Geheimdienst und sagte, die Kontakte zum Verfassungsschutz in Düsseldorf seien in den siebziger und achtziger Jahren besonders intensiv gewesen. Es sei zu regelmäßigen Treffen gekommen, in denen er aber nur öffentlich zugängliche Informationen aus dem Parteileben geliefert habe. Außerdem habe es sporadische Kontakte mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz gegeben.

Das Verfassungsschutz sei auf ihn zugekommen, weil "ich als Gründungsmitglied die intimsten und längsten Kenntnisse in der NPD hatte", sagte Frenz der ARD. Er habe "Gott und die Welt" in der Partei gekannt und es durchaus mit seinem Gewissen vereinbaren können, seine Kenntnisse dem Verfassungsschutz mitzuteilen. Es sei kein Geheimnisverrat gewesen, "denn ich habe keine Geheimnisse verraten", sagte Frenz nicht ohne Stolz.

1998 schrieb Frenz sein Pamphlet

Entscheidend für die wichtige Rolle von Frenz im Verbotsantrag ist jedoch einer seiner Schriften. Im Jahr 1998 hatte der Rechte ein Buch mit dem Titel "Der Verlust der Väterlichkeit oder Das Jahrhundert der Juden" veröffentlicht. Das Buch war 1999 von der Bundesprüfstelle in die Liste der jugendgefährdenden Schriften eingetragen worden. In dem Pamphlet kommt rassistisches und streng antisemitisches Gedankengut zum Ausdruck. Pluralismus nennt Frenz "Gossendemokratie, die die Volksgemeinschaft zersetzt", der Liberalismus sei aus "jüdischem Denken hervorgegangen" und verursache die "Sinnentleerung der deutschen Jugend". Mit Sätzen wie: "Man braucht eine regenierte weiße Rasse und neue Führer, um Europa im alten Glanz wieder herstellen zu können" lieferte das Buch auf jeden Fall der Bundesregierung eine Menge Argumente für das NPD-Verbot. Sie zitiert in ihrem Verbotsantrag deshalb mehrere Passagen aus dem Buch. Die vom Landesamt über Frenz erlangten Informationen hingegen spielen keine Rolle.

Frenz lebt seit Jahren mit seiner Frau in Solingen, in einem Hinterhof in der Innenstadt betreibt der 66-Jährige die "Heilpraxis Frenz". Sprechstunden gibt es nur nach telefonischer Vereinbarung. Frenz, der in den 70er Jahren auch als "Kaufmann" auftrat, war regelmäßiger Gast bei einer unter Neonazis legendären nationalkonservativen Herrenrunde im Düsseldorfer Nobelhotel "Nikko". Vorerst jedoch ist er nicht mehr zu sprechen.



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