Vattenfall unter Druck Durchsuchungsbeschluss für Krümmel -Ermittler befragen Reaktorfahrer

Vattenfall gerät nach der Pannenserie in seinen Atommeilern weiter in die Defensive: Weil der Stromkonzern den Namen des Reaktorfahrers nicht herausrücken wollte, rückte die Kripo mit einem Durchsuchungsbeschluss im AKW Krümmel an. FDP und Grüne fordern den Rücktritt von Ministerin Trauernicht.


Kiel/Hamburg - Der schwedische Energieriese Vattenfall ist rund zwei Wochen nach den Zwischenfällen in seinen schleswig-holsteinischen Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel weiter in Bedrängnis geraten. Im Zuge der Ermittlungen um den Transformatorbrand rückten Beamte der Kriminalpolizei heute mit einem Durchsuchungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Lübeck im Meiler Krümmel bei Hamburg an. Der Konzern hatte zuvor die Herausgabe der Personalien des zum Brandzeitpunkt diensthabenden Reaktorfahrers verweigert, sagte Oberstaatsanwalt Klaus-Dieter Schultz heute.

AKW Krümmel: Besuch von der Kripo
REUTERS

AKW Krümmel: Besuch von der Kripo

Bei dem Trafo-Brand in Krümmel am 28. Juni waren auch Rauchgase in den Leitstand des Kraftwerks eingedrungen, so dass der Reaktorfahrer eine Gasmaske anlegen musste. Daher ermittle die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung, sagte Schultz. Nun seien die Personalien des Mannes beschlagnahmt worden. Auf wessen Verschulden der Brand und damit die mögliche Verletzung des Reaktorfahrers möglicherweise beruhen, sollen die weiteren Ermittlungen klären.

Zunächst hatten Nachrichtenagenturen berichtet, Ermittler hätten den Leitstand und Büroräume des AKW durchsucht. Eine Sprecherin des Energiekonzerns wies diese Darstellung gegenüber SPIEGEL ONLINE zurück. Die Kraftwerksleitung habe den Ermittlern den Namen des Reaktorfahrers genannt, dieser sei daraufhin von den Beamten befragt worden. Von einer Razzia könne keine Rede sein, so die Sprecherin.

Die Staatsanwaltschaft bestätigte die Version gegenüber SPIEGEL ONLINE. Nachdem der Konzern die Herausgabe der Personalien des Reaktorfahrers verweigert hatte, sei beim Amtsgericht Schwarzenbek ein Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss erwirkt worden. Als die Ermittler diesen heute der AKW-Leitung vorlegten, habe diese den Namen des Mitarbeiters mitgeteilt, hieß es, zu einer Durchsuchung sei es daher nicht gekommen. Zu den Ergebnissen der Befragung des Zeugen konnte Oberstaatsanwalt Schultz noch keine Angaben machen.

Der für Vattenfalls Atomkraftwerke zuständige Geschäftsführer Bruno Thomauske wies den Vorwurf zurück, sein Unternehmen behindere Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Man habe gestern Abend vergeblich versucht, Kontakt mit der Staatsanwaltschaft aufzunehmen, sagte Thomauske heute in Kiel.

"Fehlverhalten und Sorglosigkeit"

Im schleswig-holsteinischen Landtag griff die für Reaktoraufsicht zuständige Kieler Sozialministerin Gitta Trauernicht den Stromkonzern wegen der Pannenserie in dessen Kraftwerken scharf an. Das "Vertrauen der Bevölkerung in die Zuverlässigkeit der Kraftwerke und des Betreibers" sei schwer beschädigt, sagte die SPD-Politikerin. Sie warf dem schwedischen Konzern "Fehlverhalten und Sorglosigkeit" bei den Zwischenfällen in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel vor.

Trauernicht kündigte an, die durch das Atomgesetz gegebenen Handlungsspielräume voll ausschöpfen zu wollen. "Ich lasse mich auch durch Drohungen mit Schadensersatzansprüchen nicht davon abhalten, bestmögliche Sicherheit von Vattenfall zu verlangen", sagte die Ministerin. Die Sicherheit der Bevölkerung gehe vor Gewinninteressen des Unternehmens.

Unklar sei beispielsweise noch immer, warum sich während des Brands im AKW Krümmel 20 bis 25 Menschen in der Steuerwarte aufhielten, sagte Trauernicht. Vattenfall sei für Montag zu einem aufsichtsrechtlichen Gespräch nach Kiel geladen worden. Dabei sollen auch der Reaktorfahrer, der Schichtleiter und zwei weitere verantwortliche Mitarbeiter des AKW Krümmel befragt werden.

FDP und Grüne nahmen dagegen die Ministerin ins Visier und forderten im Kieler Landtag ihren Rücktritt. Grünen-Fraktionschef Karl-Martin Hentschel betonte, sein Vertrauen in die Reaktoraufsicht des Landes sei zerstört. Trauernicht habe es versäumt, dem Betreiber konkrete Auflagen zu geben. Nach Ansicht des FDP-Abgeordneten Heiner Garg haben bei der Information der Öffentlichkeit "sowohl Vattenfall als auch Ministerin Trauernicht versagt".

Der BUND kündigte indes eine Strafanzeige gegen den Energiekonzern an. BUND-Landeschefin Sybille Macht-Baumgarten begründete die Anzeige mit dem Anfangsverdacht einer nachträglichen baulichen Veränderung an dem AKW. Nach Ansicht des BUND hätte es Ende Juni "nicht zu einer Schnellabschaltung des Reaktors kommen dürfen". Außerdem bestehe der Verdacht, dass im AKW Krümmel gegen "einschlägige Sicherheitsvorschriften" verstoßen wurde.

phw/dpa/ddp



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