Franziska Augstein

Post von Augstein Der künstliche Penis und andere Perversitäten

Franziska Augstein
Eine Kolumne von Franziska Augstein
Die Zeiten, da Venedig mehr war als eine Touristenattraktion, sind lange vorbei. Die Memoiren Casanovas bieten Einblicke in einstiges Treiben und, nebenbei, auch einen Einblick in die Verirrungen früherer Identitätspolitik – dies als mahnendes Beispiel für uns Heutige.
Giacomo Casanova in einem Anton Raphael Mengs (1728–79) zugeschriebenen Gemälde

Giacomo Casanova in einem Anton Raphael Mengs (1728–79) zugeschriebenen Gemälde

Foto: United Archives / TopFoto / picture-alliance

Als frühes Vorbild für einen EU-Mitgliedstaat hätte die Republik Venedig bis in die Neunzigerjahre des 18. Jahrhunderts gelten können, bevor Napoleons Truppen die Stadt einnahmen. Man hatte nicht ausführlich aufgerüstet, man hielt Vertragswerke für vernünftiger als das Kriegshandwerk; man war weltoffen und geschäftstüchtig. Vor Napoleon musste der venezianische Löwe 1797 die Flügel senken.

Im laufenden Jahrhundert hat Venedig Schlagzeilen mit seiner Hinfälligkeit gemacht: Die gierigen Stadtoberen wollten partout nicht auf die Liegegebühren der großen Kreuzfahrtschiffe verzichten, mag deren Wasserverdrängung auch noch so schädlich sein für das Ökosystem der Lagune und die Pfahlbauten. Eine Drohung der Unesco, der Stadt den Status als Kulturerbe abzuerkennen, bewog in dieser Woche die italienische Staatsregierung dazu, die Fahrt bis an den Rand des Markusplatzes zu untersagen. In die Lagune dürfen die Schiffe aber weiterhin eindringen, mit allen schädlichen Folgen, die das hat.

Unser waren dreizehn, neulich, Anfang Juli. 1922 konnte der Soziologe Georg Simmel noch schreiben, die Jahreszeiten würden »durch diese Stadt« gleiten, »ohne dass der Wandel vom Winter zum Frühling, vom Sommer zum Herbst ihr Bild merklich änderte«. Angesichts spärlichsten Baumbestands ist das kein Wunder. Auf dem Bekleidungssektor hat sich freilich seither viel getan. Spaghetti-Träger und haarige Männerbeine zeigen an, dass in Venedig Sommer ist. Sehr viele Häuser sind verrammelt, sie gehören ausländischen Investoren oder wohlhabenden Italienern, die sich als Pied-à-terre einen Palazzo leisten. So kommt es, dass – laut unserer eingeborenen Stadtführerin – die heutige Zahl der »echten« Einwohner bei 30.000 liegt.

Die Vertreter heutiger Identitätspolitik wandeln – mit dem ihnen eigenen moralischen Drängeln – politisch auf den Spuren des Vatikanstaats der Frühen Neuzeit.

Im 18. Jahrhundert, als Venedig schon das Nachsehen hatte, weil die Kaufleute beim Handel über den Atlantik nicht mithalten konnten, belief die Einwohnerzahl sich auf ungefähr 170.000 Seelen. Selbst jenseits der Karnevalszeit sollen damals regelmäßig rund 30.000 Besucher in der Stadt gewesen sein. Gleichzeitig – ein Treppenwitz der Zahlengeschichte – waren rund 30.000 Kurtisanen registriert. Der Venezianer Giacomo Casanova traf etliche von ihnen und nahm den Tripper sowie verwandte Übel als lästig-unvermeidlich aufkreuzende Begleitung in Kauf.

Erpicht auf die Selbsterfahrung bei der Eroberung begehrenswerter Signorinas aller Schichten, ob er sie bezahlte oder nicht, hatte Casanova kein besonders enges Verhältnis zur Jungfrau Maria und ihrem Sohn. Umso genauer beschrieb er in seinen Erinnerungen, was man heute die Identitätspolitik des Vatikan nennen könnte.

Casanova lernte eine Familie kennen, dazu gehörten zwei Töchter und ein Sohn. Die drei zogen ihn alle an, ganz besonders der Sohn Bellino, ein Kastrat, der im Konzerthaus gefeiert wurde. Der Knabenliebe abhold, war Casanova irritiert: Sollte sein Geschmack auf Abwege geraten sein? Bellinos Augen fand er schön wie die eines Mädchens. Auf allerlei Arten (als fragen nichts half, verlegte er sich aufs Grabschen) suchte er, Bellinos Geschlecht zu ergründen. Weil Casanova zu jener Zeit gerade gut bei Kasse war, schloss der mittellose Bellino sich ihm auf eine Reise an und hatte nichts dagegen, in der Herberge ein Bett zu teilen. In dieser Nacht, so hat es Casanova in seinen Erinnerungen erzählt, erschloss das Reisemündel sich dem Verehrer: Bellino war ein Mädchen. In ihrer Kindheit hatte ein Kastrat sie in der Sangeskunst unterrichtet. Nachdem dessen eigentlicher Schüler verstorben war, hatte sie sich die Identität des Toten angeeignet und ward fortan Bellino.

Der Vatikanstaat achtete darauf, dass es im Einzugsgebiet seiner Macht im katholischen Sinn moralisch zuging. Kleine Jungs mit dem Messer verstümmeln und zum Sänger ausbilden: Das war in Ordnung. Nicht in Ordnung war, dass Mädchen oder Frauen auf der Bühne standen. So wie heute manche darauf dringen, dass Homosexuelle nur von homosexuellen Schauspielern dargestellt werden könnten, Schwarze nur von schwarzen Schauspielern, so war es aus Sicht des Vatikans ein Vergehen, wenn eine Frau einen Kastraten mimte.

Casanova, immer neugierig, fragte seine endlich im Fleische entdeckte Gefährtin, wie sie die Verkleidung denn bewerkstelligte. Ihr Lehrmeister, antwortete sie, habe ihr einen künstlichen Penis mit auf den Weg gegeben, den sie regelmäßig umschnallte. Vor Priestern habe sie sich zur Examination nackt ausziehen müssen. Die Priester, bei dieser Gelegenheit keusch, hätten dann aber nicht so genau hingeschaut.

Die Vertreter heutiger Identitätspolitik wandeln – mit dem ihnen eigenen moralischen Drängeln – politisch auf den Spuren des Vatikanstaats der Frühen Neuzeit. Damals durfte eine Frau nicht auf der Bühne auftreten, auch nicht als Mann verkleidet, denn: Sie war ja kein Mann. Heute soll ein weißer Mann sich nicht für die Rolle des Othello schminken dürfen, denn: Er hat die falsche Identität. Und eine Frau darf nicht sagen, dass sie sich als kleines Mädchen einmal gern als Indianerhäuptling verkleidete. Wenn es danach ginge, dann wäre nicht bloß das Schauspielerwesen am Ende (samt fröhlichem Kinderfasching), sondern auch das weltoffene, universalistische Denken, für das die Philosophen der Aufklärung einstanden. Aber diese Philosophen, Kant und Hume vorneweg, werden ja heute als angebliche Rassisten entlarvt. Casanova hätte sich an den Kopf gefasst.

Wir, die Besucher, heben die Augen respektvoll zum Löwen mit Flügeln auf dem Markusplatz empor. Schwimmende Touristenabfüllcontainer können ihn künftig nicht mehr in den Schatten stellen. Aber wenn Venedig nicht endlich auf sich Acht gibt, wird der Löwe eines Tages fallen. Seine erhabene Miene wird dann in einem Museum zu sehen sein, das diverse Touristikunternehmen sicherlich großzügig bezuschussen werden.

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