Freilassung des deutschen Journalisten Wer holte Billy Six aus Venezuela?

Kampf um die Deutungshoheit: Der Journalist Billy Six ist aus venezolanischer Haft nach Deutschland zurückgekehrt, macht aber dem Auswärtigen Amt schwere Vorwürfe. Sein Dank geht an die AfD - und Russland.

Billy Six auf der Pressekonferenz am Dienstag
CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX

Billy Six auf der Pressekonferenz am Dienstag

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Fast vier Monate saß Billy Six in Venezuela im Gefängnis. 119 Tage. Der 32-jährige Journalist selbst spricht nun, nach seiner Rückkehr aus Südamerika, von "Isolationshaft". Am Wochenende war überraschend seine Freilassung bekannt geworden, am Montagnachmittag landete er in Berlin-Tegel.

Schon früh hatte "Reporter ohne Grenzen" die von Venezuelas Machthabern gegen ihn erhobenen Vorwürfe als "hanebüchen" und "gängiges Mittel autoritärer Regime" bezeichnet: Spionage, Rebellion, Verletzung von Sicherheitszonen, Mitglied in einer kriminellen Vereinigung und Vaterlandsverrat.

Billy Six ist seit Jahren als freier Autor für die rechte Wochenzeitung "Junge Freiheit" unterwegs, er ist eine schillernde Figur: Einst in seinem Heimatort bei Berlin für die CDU aktiv, wurde er in späteren Jahren zu einer Art journalistischem Globetrotter. Im Jahr 2013 saß er schon einmal in Haft: in Syrien.

Ohne Journalistenvisum

An diesem Dienstag bittet die "Junge Freiheit" zur Pressekonferenz, auf dem Podium sitzen neben Vertretern der Zeitung Billy Six und dessen Vater Edward. Und der macht dem Auswärtigen Amt schwere Vorwürfe: Außenminister Heiko Maas habe nie die Freilassung seines Sohnes gefordert. Stattdessen dankt die Familie an diesem Tag nicht nur der "Jungen Freiheit", sondern auch - und das ist interessant - dem russischen Außenminister Sergej Lawrow. Der nämlich soll an der Freilassung beteiligt gewesen sein. Und man dankt: der AfD.

Der Fall Billy Six geht damit weiter: Es ist nun ein Kampf um die Deutungshoheit. Wer hat den Journalisten aus Venezuela rausgeholt?

Schon vor Monaten haben die Rechtspopulisten das Potenzial des Falles erkannt. So erzählt der Vater, er habe nach der Verhaftung alle 709 Bundestagsabgeordneten angeschrieben und um Hilfe gebeten. Leider hätten die meisten nicht geantwortet oder auf das Auswärtige Amt verwiesen. Am Ende habe sich außer der AfD nur jeweils ein Abgeordneter der Linkspartei und der CDU für die Forderung der Familie nach einer Freilassung des Sohnes eingesetzt.

Das, wie gesagt, ist die Sicht des Vaters.

Billy Six selbst räumt auf Nachfragen ein, ohne Journalistenvisum in Venezuela tätig gewesen zu sein. Das hatte die Lage nach seiner Verhaftung zusätzlich erschwert. Die Tonlage in der Pressekonferenz am Dienstag ist mitunter aufgeregt: Er sei ja jetzt frei und könne recherchieren, "warum ich allein gelassen wurde, warum man mich verrecken lassen wollte, wenn nicht begraben wollte in diesem Betonklotz", sagt Billy Six.

Billy Six mit Vater Edward und Mutter Ute nach Ankunft in Tegel
DPA

Billy Six mit Vater Edward und Mutter Ute nach Ankunft in Tegel

Am Vortag, nach seiner Ankunft am Flughafen, hatte er schon erklärt, der "größte Gegner" sei nicht "der Diktator von Venezuela, sondern die deutsche Regierung." Heftige Vorwürfe ím Deutungskampf.

Vater Edward Six kündigt sodann eine "Fortsetzungsfeststellungsklage" gegen das Auswärtige Amt an, ein Rechtsmittel in Verwaltungsverfahren. Es sei "rechtswidrig", dass die deutsche Regierung nicht gegen die Verhaftung seines Sohnes protestiert habe.

Das Amt hingegen hatte bereits vergangene Woche auf die Darstellung der Familie mit einer Liste reagiert: Darin sind Hilfsleistungen dokumentiert - unter anderem vier Besuche deutscher Botschaftsangehöriger bei Six in der Haft (Lesen Sie hier weitere Details).

"Wir haben uns dort im steten Kontakt mit den zuständigen Behörden ins Zeug gelegt, und die Botschaft hat Herrn Six auch das ganze letzte Wochenende lang bis zur Ausreise Tag und Nacht begleitet. Wir haben das uns Mögliche getan, damit er sicher außer Landes kommt", sagte eine Sprecherin des Amtes.

Politisch aufgeladener Fall

Vater und Sohn Six kritisieren, Minister Maas habe auf einen Brief der Eltern, der bereits im Januar abgeschickt worden sei, erst am 12. März reagiert. Darin schreibt Maas, man werde "sich auch weiterhin intensiv auf allen Ebenen für die Rechte Ihres Sohnes Billy Six einsetzen." Zu wenig, aus Sicht der Eltern, die sich eine "öffentliche Forderung" des Ministers nach Freilassung ihres Sohnes wünschten.

Die Besuche der Botschaft stellt Billy Six nicht in Abrede. Doch er beklagt den Umgang. Den ersten Besuch vom 9. Januar, an dem der damalige Botschafter Daniel Kriener teilnahm, stellt er als Wunsch des venezolanischen Inlandsgeheimdienstes dar. So habe es ihm der Gefängnisdirektor erzählt. Das Problem wie so vieles im Falle Billy Six: Solche Vorwürfe sind für Journalisten in Deutschland derzeit nicht nachzuprüfen.

Vater und Sohn Six, Vertreter der "Jungen Freiheit"
CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX

Vater und Sohn Six, Vertreter der "Jungen Freiheit"

Der Fall Billy Six ist politisch stark aufgeladen. Für die AfD gilt er als Beispiel einer "Ideologisierung der deutschen Außenpolitik" unter Führung der SPD, wie es der AfD-Obmann im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags, Petr Bystron, ausdrückt. Er beklagt sich, dass im Falle des einst in der Türkei inhaftierten "Welt"-Journalisten Deniz Yücel das Auswärtige Amt die Freilassung "sofort" gefordert habe und schon bald ein Besuch des Botschafters erfolgt sei.

Doch dem ist nicht so, wie eine Nachfrage des SPIEGEL im Auswärtigen Amt ergab. Der deutsche Generalkonsul konnte Yücel erst am 4. April 2017 besuchen, rund sieben Wochen nach dessen Festsetzung durch die türkische Polizei.

Welche Rolle spielte Russland?

Bystron selbst war an der Freilassung von Billy Six in Venezuela offenbar mittelbar beteiligt. Wie der SPIEGEL erfuhr, soll die Ehefrau von Bystron - eine frühere Mitarbeiterin im tschechischen diplomatischen Dienst - den russischen Botschafter in Wien aus früheren Zeiten gekannt und den Kontakt zu diesem hergestellt haben.

Über diesen seien ein Brief Bystrons und Schreiben der Eltern Six an den vergangene Woche in Wien weilenden russischen Außenminister Lawrow weitergeleitet worden. Lawrow wiederum traf den venezolanischen Außenminister Jorge Arreaza am Rande eines Uno-Treffens in Österreichs Hauptstadt. Dort soll dieser das Anliegen vorgetragen haben.

Am Ende, so erzählen es Billy Six und sein Vater, habe Russlands Intervention zur Freilassung geführt. Lawrow, bemüht Edward Six einen Fußballvergleich, habe "das goldene Tor geschossen", deshalb gebühre dem Land ein "großer Dank".

Das Auswärtige Amt verwahrte sich gegenüber dem SPIEGEL gegen die Vorwürfe der Untätigkeit. Und weiter: "Herr Six wurde am 15. März aus der Haft entlassen. Ein Zusammenhang zum russischen Außenministerium ist hierbei nicht ersichtlich."

insgesamt 118 Beiträge
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schwampf 20.03.2019
1. Journalist?
Das Wort Journalist ist wohl etwas hochgeriffen. Im Gegensatz zu Denis Yücel handelt es sich um einen rechten Wirrkopf, nicht um einen seriösen Journalisten. Oder andersherum: Wer den Staat in seiner heutigen Form abschaffen will, darf sich auch nicht darauf verlassen, dass dieser ihm in der Not sofort zu Hilfe eilt.
charlesdemasiado 20.03.2019
2. Erinnerung
Wir alle erinnern uns, dass saemtliche Zeitungen (und Journalistenverbaende und Unterstuetzerorganisationen und linken Aktivisten) seinerzeit ueber den Fall des Herrn Deniz Yücel massiv berichtet haben und dessen Freilassungen durch Frau Merkel persoenlich gefordert wurde. Und nun die klaeglichen viermaligen Besuche der deutschen Botchaft, die sicher den Diktatur Maduro massiv beeindruckt haben. Ich kann mich im Vergleich dieser beiden Faelle (die Hochjubelung des Deniz Yücel der uebelst ueber Deutschland herzog und des Billy Six, der fuer die "falsche" Zeitung schreibt....) nicht des Eindruckes einer gewissen Gesinnungsbevorzugung erwehren.
KarlRad 20.03.2019
3. Eine Posse!
Journalismus und Geltungssucht passen für mich nur schwer zusammen.
WernerTer 20.03.2019
4. Natürlich ist das ein emotional aufgeladener Fall ...
... aber warum denn? Weil restlos alle geschwiegen haben. Die deutsche Presse, die deutsche Regierung, der Deutsche Journalistenverband ... Offensichtlich war das Interesse an Billy Six aus verschiedenen Gründen sehr begrenzt, im Gegensatz zum Fall Yücel. Da haben sich alle fürchterlich aufgeregt. Ebenso kürzlich darüber, daß Journalisten in der Türkei die Akkreditierung nicht verlängert wurde. Es kommt offensichtlich genau darauf an, für wen man arbeitet ...
joergzs 20.03.2019
5. Sorry, aber wenn Billy Six
nicht ständig als "Journalist" irgendwo im Ausland im Knast sitzen würde, dann würde ihn auch kein Schwein kennen. Damit passt er auch gut zu seinen Auftraggeber der AFD.
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