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02. Juli 2010, 13:40 Uhr

Vereidigung

Wulff ist Deutschlands neue Nummer eins

Er leistete sich einen kleinen Versprecher - aber im zweiten Anlauf klappte es. Christian Wulff ist als zehntes Staatsoberhaupt der Bundesrepublik vereidigt worden. In seiner Antrittsrede gab er sich demütig und umriss die Ziele seiner Amtszeit. Auch Vorgänger Horst Köhler war anwesend.

Berlin - Es passte ganz gut zu seiner leicht holprigen Wahl: Als Christian Wulff am Freitagmittag seinen Amtseid ablegen sollte, leistete er sich gleich mal einen kleinen Versprecher. Doch im zweiten Anlauf klappte es - seit 13.24 Uhr ist der Niedersachse Deutschlands neuer Bundespräsident.

Das zehnte Staatsoberhaupt der Bundesrepublik war am Mittwoch als Kandidat von CDU, CSU und FDP von der Bundesversammlung gewählt worden. Wulff ist Nachfolger von Horst Köhler, der Ende Mai nach Kritik an Äußerungen zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr überraschend zurückgetreten war. Bis Mittwoch war er niedersächsischer Ministerpräsident. Wulff ist mit 51 Jahren bisher jüngstes Staatsoberhaupt der Bundesrepublik.

In seiner rund 20-minütigen Rede gab sich Wulff demütig. Gleich zu Beginn seiner Antrittsrede dankte er seinen Konkurrenten im Rennen um das Schloss Bellevue, Joachim Gauck und Luc Jochimsen. Deutschland habe einen "fairen Wettstreit" erlebt, und beide hätten daran einen großen Anteil. "Ich bin dankbar dafür, nun in diesem Amt dienen zu dürfen."

Als Hauptziel seiner Amtszeit sieht Wulff das Brückenbauen, das Versöhnen. "Mir ist es wichtig, Verbindungen zu schaffen: zwischen Jung und Alt, zwischen Menschen aus Ost und West, Einheimischen und Zugewanderten, Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Arbeitslosen, Menschen mit und ohne Behinderung", so Wulff. "Wann wird es bei uns endlich selbstverständlich sein, dass unabhängig von Herkunft und Wohlstand alle gleich gute Bildungschancen bekommen? Wann wird es selbstverständlich sein, dass alle Kinder, die hier groß werden, die deutsche Sprache beherrschen?"

Es müsse nicht nach dem Trennenden, sondern nach dem Verbindenden gefragt werden, forderte Wulff. "Dann wird Neues, Gutes entstehen - aus urdeutscher Disziplin und türkischem Dribbling zum Beispiel, aus preußischem Pflichtgefühl und angelsächsischer Nonchalance, aus schwäbischer Gründlichkeit und italienischer Lebensart."

Vehement verteidigte der Bundespräsident das Parteiensystem in Deutschland. Die Parteien seien "viel besser als ihr Ruf", sagte er. Er wolle die Menschen wieder dafür begeistern, sich stärker für die Politik einzusetzen und sich an der politischen Willensbildung zu beteiligen.

Auch die Parteien müsste aber mehr gegen Politikverdrossenheit tun: "Auch die Bürgerinnen und Bürger, die nicht in Parteien engagiert sind, müssen leicht die Erfahrung machen können, wie spannend die Mitarbeit an politischen Aufgaben sein kann." Ein Beispiel für die Suche nach politischen Lösungen sei die Reaktion auf die Finanz- und Wirtschaftskrise. Zu ihrer Bewältigung hätten Gewerkschaften und Unternehmer beigetragen. "Das zeigte, wie gut es ist, miteinander statt gegeneinander zu arbeiten."

Am Nachtmittag wurden Wulff und seine Frau Bettina im Amtssitz des Bundespräsidenten, dem Schloss Bellevue, offiziell mit militärischen Ehren empfangen. Am Abend findet das traditionelle Sommerfest im Garten des Schlosses statt, zu dem bis zu 5000 Gäste aus Politik und Gesellschaft erwartet werden.

Lammert und Böhrnsen würdigen Köhler

Vor Wulffs Vereidigung würdigte Bundestagspräsident Norbert Lammert die Arbeit des zurückgetretenen Horst Köhler. In seiner Rede betonte Lammert: "Horst Köhler hat es sich nicht leichtgemacht und der sogenannten politischen Klasse manchmal auch nicht. Das hat viel mit der eigenen Beharrlichkeit zu tun." Köhler habe bei seinem überraschenden Rücktritt aber letztlich keine Chance mehr gesehen, das Amt des Bundespräsidenten so auszufüllen, wie er es sich vorgestellt habe.

Lammert sagte weiter, Köhler habe sich "den Menschen unverstellt zugewandt". Er sei "immer offen für Anregungen" gewesen. "Er hat die Menschen, ihre Sorgen und Nöte ernst genommen, und sie danken es ihm mit anhaltender Zuneigung." Köhler habe das Bild Afrikas in Deutschland verändertk, und er habe sehr viel eher als andere kommen sehen, welche Krise sich an den Weltfinanzmärkten zusammenbraute, sagte Lammert. Köhler habe auch mit deutlichen Worten davor gewarnt.

Auch Bundesratspräsident Jens Böhrnsen würdigte Köhler als "Ratgeber, Mahner und Anreger" und dankte ihm für dessen Amtszeit. Er betonte, Köhler habe dem Amt des Bundespräsidenten seinen "ganz eigenen, unverwechselbaren Stempel aufgedrückt". Böhrnsen sagte: "Sie wollten offen sein und notfalls unbequem, und Sie waren es." Er habe manche Überraschung in den Gesichtern von Bankern erlebt, als Köhler unmissverständlich und nachdrücklich Verantwortung und die "Haltung eines Bankiers" angemahnt habe.

Böhrnsen erinnerte zudem daran, dass Köhler ein "mitfühlender Tröster" nach dem Amoklauf von Winnenden gewesen sei. Zudem betonte er das Engagement Köhlers für Afrika und lobte Köhlers Ehefrau Eva Luise. "Mit Ihrem ganz eigenen Stil haben auch Sie es vermocht, die Herzen und die Sympathie der Menschen in unserem Lande zu gewinnen. Sie bilden zusammen mit Ihrem Mann ein großartiges Team."

vme/dpa/Reuters

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