Verena Becker in Haft Fahnder finden neue Hinweise im Mordfall Buback

Es war einer der spektakulärsten Morde der RAF - und er ist bis heute nicht geklärt: 1977 wurden Generalbundesanwalt Buback und seine zwei Begleiter erschossen. Jetzt ist Verena Becker erneut als Tatverdächtige festgenommen worden. Möglicherweise hat sie sich selbst verraten.

Tatort Karlsruhe (07.04.1977): Kommandoaktion im Namen von Ulrike Meinhof
dpa

Tatort Karlsruhe (07.04.1977): Kommandoaktion im Namen von Ulrike Meinhof

Von und Yassin Musharbash


Berlin - Am Donnerstag brachte "Bild" ein großes Foto von Verena Becker. Vor ihrem Haus im Berliner Süden hatten Reporter die 57-Jährige abgefangen. Und sie gab dem Blatt sogar Antwort auf eine der wichtigsten Fragen in ihrem Leben. "Haben Sie Siegfried Buback erschossen", fragte der Journalist Becker direkt. Die Antwort war kurz und präzise: "Nein, das wissen Sie doch. Die Sache ist für mich erledigt."

Erledigt ist die Sache keineswegs.

Wenige Stunden später, gegen elf Uhr am Donnerstag, klingelte es an Beckers Tür. Diesmal waren es Zivilbeamte des Bundeskriminalamts, in der Hand hatten sie einen Haftbefehl. Demnach ist Becker dringend verdächtig, "gemeinschaftlich mit anderen am 7. April 1977 in Karlsruhe aus niedrigen Beweggründen drei Menschen heimtückisch getötet zu haben". An diesem Tag war Bundesanwalt Siegfried Buback ermordet worden - bekannt zu der Tat hat sich die Rote Armee Fraktion.

Der Haftbefehl wurde am Freitagabend in Vollzug gesetzt. Der Mord an Buback war eine der spektakulärsten Taten der RAF. Zwar wurde Becker sehr schnell verdächtigt, an der Kommandoaktion beteiligt gewesen zu sein, bei der neben Buback zwei Polizisten ums Leben kamen. Gleichwohl fand sich bis heute kein Beweis dafür. Becker saß zwar wegen anderer Delikte in Haft, der Mord an Buback aber blieb ungeklärt. Sein Sohn Michael hatte erst kürzlich neue Indizien veröffentlicht, die auf eine Mitwirkung von Becker schließen lassen.

Becker gilt nicht als Todesschützin

Welche neuen Erkenntnisse zur Ausstellung des Haftbefehls führten, ist noch nicht ganz klar. Als Todesschützin gilt Becker nicht, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Vielmehr habe Becker "wesentliche Beiträge zur Vorbereitung und Durchführung des Anschlags und im Rahmen des Nachtatgeschehens geleistet", so die Pressemitteilung der obersten deutschen Ankläger. Folglich sei sie an dem Anschlag des "Kommandos Ulrike Meinhof" beteiligt gewesen.

Die neuen Ermittlungen wurden angestoßen durch Telefonate, die Becker diesen Sommer führte, und die abgehört wurden. Bekannten berichtete sie, das Geschehen belaste sie, die Gedanken darüber wolle sie bald aufschreiben. Das Gespräch elektrisierte die Fahnder. Endlich, so die Hoffnung, könnte man vielleicht doch Licht in den ungesühnten Mord an Buback bringen - und das sogar durch die Erinnerungen einer der mutmaßlich Beteiligten.

Das verräterische Telefonat war nicht das einzige Indiz, das beim Bundeskriminalamt gegen Becker vorlag. Das BKA selbst und ein forensisches Institut im westfälischen Münster hatten 32 Jahre nach dem Anschlag Briefumschläge und Bekennerschreiben untersucht, die RAF-Angehörige seinerzeit an die Medien verschickt hatten und waren fündig geworden: Auf allen zehn Briefumschlägen wurden zweifelsfrei DNA-Spuren von Becker nachgewiesen.

Neues Licht in einem ungeklärten RAF-Mord

Die Erkenntnisse stützten die Annahmen, die Fahnder seit den siebziger Jahren hegen: Becker gehörte demnach zur Kommandoebene der RAF, kennt die Hintergründe und den Hergang der Mordtat in Karlsruhe und möglicherweise noch andere bislang unbekannte Details aus der RAF-Geschichte. Die Bundesanwaltschaft erwirkte umgehend einen Durchsuchungsbeschluss für Beckers Wohnung in Berlin.

Doch die Ermittler ließen sich Zeit. Becker sollte in Ruhe schreiben. Erst vor zwei Wochen nahm das BKA alle Computer und Notizen aus Beckers Gartenhaus mit. In der kleinen Wohnstraße im Berliner Süden bekam von der Aktion kaum jemand etwas mit. Wie auch am Donnerstag kamen die Beamten des BKA unauffällig mit dunklen Limousinen, trugen ihre Waffen unter den Hemden und verhielten sich fast lautlos.

Offenbar wurden die Beamten später auf den Rechnern oder in den Notizen fündig - anders lässt sich der jetzige Haftbefehl nicht erklären. Die Ankläger teilten mit, gefundene Beweise erhärteten den Tatverdacht. So könnte Becker mit ihren schriftlichen Memoiren selbst die Hinweise auf ihre Beteiligung an dem Mord geliefert haben. Gemeinsam mit den gefundenen DNS-Spuren an den Briefumschlägen der Bekennerbriefe ließe sich daraus zumindest eine Anklage wegen Beteiligung an den tödlichen Schüssen zusammenbauen.

Gejagt von der Vergangenheit

Verena Becker galt in den späten sechziger Jahren ihren Bekannten und Gesinnungsgenossen als ruhig, zugleich aber politisch äußerst radikal. In Berlin hatte sie sich vor allem als feministische Aktivistin einen Namen gemacht. "Die schwarze Braut kommt" - diese Botschaft hinterließen sie und ihre Freundin Inge Viett, wenn sie zum Beispiel Fenster von Sex-Shops einwarfen. Becker agierte damals zunächst als radikale Frauenrechtlerin, wandte sich dann aber gewaltbereiten Gruppen zu.

Ihr erster Anschlag ging schief: Als Mitglied der Bewegung 2. Juni wollte Becker 1972 einen britischen Yacht-Club in Berlin angreifen, doch die Bombe explodierte zu früh. Becker bekam sechs Jahre Haftstrafe. Schon 1975 allerdings wurde sie gemeinsam mit anderen Häftlingen entlassen - im Austausch für den entführten Berliner CDU-Chef Lorenz. Becker wurde in den Südjemen ausgeflogen, landete in einem Lager der palästinensischen PFLP. Dort soll sie, so jedenfalls der Verdacht, gemeinsam mit RAF-Leuten die Ermordung von Buback geplant haben.

1977 überschlugen sich die Ereignisse. Am Gründonnerstag wurde der Generalbundesanwalt tatsächlich von der RAF ermordet. Am 3. Mai wurde Becker verhaftet. Es kam zu einer Schießerei. Bei Becker fand sich die Tatwaffe, mit der Bubacks Begleiter erschossen worden waren. Im Dezember wurde Becker zu lebenslanger Haft verurteilt. Welche Rolle sie aber genau bei dem Attentat gespielt hatte, ist bis heute nicht bis ins Letzte geklärt.

1985 verurteilt, 1989 vorzeitig aus der Haft entlassen

Jetzt könnten die Hintergründe neu durchleuchtet werden. Die Frage etwa, wer dem dreiköpfigen Mordkommando angehörte und wer Buback erschoss, ist nach wie vor offen. Verurteilt wurden dafür die RAF-Mitglieder Knut Folkerts, Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt - nach einer teilweise aberwitzigen Beweisführung. Dass das Trio die Tat gemeinsam begangen habe, "liegt auf der Hand", heißt es in der dünn belegten Urteilsbegründung von 1985.

Becker selbst hatte sich, wie der SPIEGEL im Jahr 2007 enthüllte, im Gefängnis Verfassungsschützern anvertraut und den ehemaligen RAF-Mann Stefan Wisniewski bezichtigt, auf Buback gefeuert zu haben. Der SPIEGEL hatte zudem aufgedeckt, dass sich Knut Folkerts am Tattag sehr wahrscheinlich in den Niederlanden aufgehalten hatte.

Beckers Kooperation mit dem Verfassungsschutz bescherte ihr 1989 die vorzeitige Entlassung, anschließend baute sie sich in Berlin eine bürgerliche Existenz auf. Nun, abermals 20 Jahre später, holt sie die Vergangenheit wieder ein. Der Sohn von Siegfried Buback fühlt sich durch die Festnahme ermutigt. Es wäre zu wünschen, dass es zu einer Anklage und zu einem Prozess kommt, der dann die "vollständige Wahrheit" ans Licht bringt, sagte er. Buback hatte jahrelang recherchiert und immer wieder auch Hinweise auf die Mittäterschaft von Verena Becker veröffentlicht.



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Seite 1
kdshp 20.08.2009
1.
Zitat von sysopÜberraschende Wende im Fall Siegfried Buback: Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker könnte doch am Mord des Generalbundesanwalt beteiligt gewesen sein. Die Aufklärung der RAF-Morde - eine unendliche Geschichte?
Hallo, kommt mir so vor als wenn man das gar nicht will und so immer vor der roten gefahr warnen kann.
BillBrook 20.08.2009
2.
Zitat von sysopÜberraschende Wende im Fall Siegfried Buback: Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker könnte doch am Mord des Generalbundesanwalt beteiligt gewesen sein. Die Aufklärung der RAF-Morde - eine unendliche Geschichte?
Überraschend ist daran jetzt genau was?
kdshp 20.08.2009
3.
Zitat von BillBrookÜberraschend ist daran jetzt genau was?
Damalige Bekennerschreiben sollen ihre DNA-Spuren enthalten, die Bundesanwaltschaft ließ nun ihre Wohnung durchsuchen. An den damaligen Bekennerschreiben der Terrorgruppe wurden DNA-Spuren entdeckt, die von ihr stammen. Hallo, aus dem artikel. Mich überrascht das man das erst jetzt macht angeblich. Bei einer der größten fälle in D bezogen auf terror und ermittlung kommt man jetzt erst drauf mal ne DNA zu vergleichen oder auf den schreiben nach selbigen zu suchen ?! Das stinkt und komisch das das kurz vor den wahlen kommt. Ich warne hier vor einem RECHTSRUTSCH erster güte !
Meistersaenger 20.08.2009
4.
Zitat von sysopÜberraschende Wende im Fall Siegfried Buback: Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker könnte doch am Mord des Generalbundesanwalt beteiligt gewesen sein. Die Aufklärung der RAF-Morde - eine unendliche Geschichte?
Da kann man nur hoffen, dass auch das Bekennerschreiben zum Mord an Alfred Herrhausen so untersucht wird. Da wird ja immer noch gegen Unbekannt ermittelt.
Eutighofer 20.08.2009
5.
Zitat von kdshpDamalige Bekennerschreiben sollen ihre DNA-Spuren enthalten, die Bundesanwaltschaft ließ nun ihre Wohnung durchsuchen. An den damaligen Bekennerschreiben der Terrorgruppe wurden DNA-Spuren entdeckt, die von ihr stammen. Hallo, aus dem artikel. Mich überrascht das man das erst jetzt macht angeblich. Bei einer der größten fälle in D bezogen auf terror und ermittlung kommt man jetzt erst drauf mal ne DNA zu vergleichen oder auf den schreiben nach selbigen zu suchen ?! Das stinkt und komisch das das kurz vor den wahlen kommt. Ich warne hier vor einem RECHTSRUTSCH erster güte !
Bitte nicht gleich die große Verschwörung wittern. Es gibt verschiedene Verfahren der DNA-Analyse, schlecht erhaltene, bruchstückhafte DNA ist schwierig zu analysieren, neue Verfahren dazu gibt es erst in letzter Zeit.
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