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Verhütungspolitik Kondome für den Bundestag

Präservative im Parlamentsgebäude? Kein Witz. Der Betreiber eines Zigarettenautomaten im Bundestag hat jetzt Fächer für Kondome freigeräumt, nun hofft er auf rege Nachfrage.

Berlin - Der Bundestag ist eine kleine Welt für sich. 622 gewählte Abgeordnete und rund 2600 Verwaltungsleute arbeiten dort. Mehr als 20.000 Hausausweise sind ausgegeben worden an Journalisten, Handwerker, Praktikanten, Lobbyisten. Es gibt eine Bibliothek, mehrere Restaurants, eine Kindertagesstätte. Das deutsche Parlament ist sogar ein eigener Polizeibezirk.

Und jetzt gibt es auch Kondome. Neuerdings wird die Welt des Bundestags komplettiert durch einen Automaten, der neben Tabakwaren auch Präservative im Angebot hat. Schön bunt - und in gleich drei Fächern.

Unter den Parlamentariern sorgt das für muntere Spekulationen. "Offenbar war der Aufsteller des Geräts aus Fürsorge für die Abgeordneten, ihre Mitarbeiter und die Bundestagsverwaltung der Auffassung, dass dieses Angebot auf Resonanz stoßen könnte", sagt der SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy. Regelmäßig kaufe er seine Zigaretten an diesem Automaten, im Souterrain vom Paul-Löbe-Haus, einem Abgeordnetenkomplex gleich neben dem Reichstag. Vor einer Woche dann seien ihm das erste Mal die Kondome aufgefallen, sagt Edathy.

Vorschlag vom Computer

Kondome im Bundestag - ein gutes Geschäft? Nachgefragt beim Betreiber des Automaten, der Firma tobaccoland. Dort wiegelt man ab. "Niemand hat sich bei uns die Frage gestellt, ob die Ausstattung des Automaten mit Kondomen zielgruppengerecht ist", sagt Pressesprecher Burkhard Armborst. Vielmehr handele es sich um einen Vorschlag der hauseigenen Software: "Da lagen offenbar Zigaretten drin, die niemand gekauft hat. Und dann macht der Computer einen Vorschlag für Ersatz." Dies sei ein "Routinevorgang", erklärt Armborst.

So kamen die Präservative ins Parlamentsgebäude. Sollte es keine oder nur wenig Nachfrage geben, "dann können die Kondome nach vielleicht drei Monaten wieder aussortiert werden", so Armborst. Je nachdem, wie es läuft. Seine Firma, die mehr als 100.000 Automaten in ganz Deutschland betreibt, habe die Präservative nun bereits im dritten Jahr im Sortiment. "Wir sind nicht unzufrieden", sagt Armborst. Das Produkt sei ja nicht belastet von Tabaksteuer, deshalb seien die Gewinnmargen entsprechend höher. Aber, natürlich, "unser Kerngeschäft ist das nicht".

SPD-Mann Edathy glaubt nicht an den Erfolg von Kondomen im Bundestag: "Ich denke, dass alle interessierten Kolleginnen und Kollegen noch so viel Zeit finden werden, solch einen Artikel auch im Supermarkt oder einer Drogerie zu erwerben." Abgeordnete christlicher Parteien wollten sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zum neuen Angebot äußern. Auf die katholischen Kollegen sei offenbar kein Verlass mehr, sagt Edathy: "Das ist die Auflösung der Milieus."