Vermisste minderjährige Flüchtlinge Wo sind sie geblieben?

Die Behörden vermissen Tausende minderjährige Flüchtlinge, die alleine nach Deutschland gekommen sind. Was ist mit ihnen passiert?

Flüchtlingskinder in einer Notunterkunft in Berlin-Wilmersdorf
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Flüchtlingskinder in einer Notunterkunft in Berlin-Wilmersdorf

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Sie kommen über das Mittelmeer, haben sich auf der Balkanroute durchgeschlagen - und in Deutschland verliert sich ihre Spur. Tausende Flüchtlingskinder sind vom Radar der Behörden verschwunden. Schon öfter hat dieses Phänomen für Schlagzeilen gesorgt - jetzt gibt es neue Zahlen, die zeigen: Es gibt immer mehr vermisste minderjährige Migranten.

Was sind die Gründe?

Wie haben sich die Vermisstenzahlen entwickelt?

Mehr als 60.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (kurz: UMF) werden derzeit von deutschen Jugendämtern betreut. Anfang Januar lag die Zahl der Vermisstenmeldungen noch bei rund 4750. Zum 1. April gab es laut Bundesinnenministerium mehr als 8600 Fälle, darunter auch hunderte Kinder unter 14 Jahren. Die Vermisstenmeldungen haben sich seit Anfang 2015 rund verzehnfacht. Das geht aus einer Antwort des Innenministeriums auf eine kleine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Luise Amtsberg hervor. Die meisten der UMF, deren Aufenthalt unbekannt ist, kommen demnach aus Afghanistan, Syrien, Somalia, Eritrea, Marokko und Algerien.

Wie kommt dieser Anstieg zustande?

Aus Regierungskreisen heißt es dazu gegenüber SPIEGEL ONLINE, es habe "einen gewissen Erfassungsstau gegeben". Nachdem seit einigen Monaten deutlich weniger Flüchtlinge kommen und die Lage entspannter geworden ist, "ist es in nicht unerheblichem Umfang zu Nacherfassungen gekommen, so dass der scheinbar fast sprunghafte Anstieg der letzten drei Monate auch sehr viel damit zu tun hat."

Schaut man sich die Zahlen der vermissten UMF der letzten Jahre an, fällt auf: Der Anteil derer, die laut Innenministerium wieder gefunden wurden, ist in den vergangenen Jahren immer niedriger geworden. 2013 und 2014 wurde noch die Mehrheit der Vermisstenfälle aufgeklärt, 2015 war es nur rund ein Viertel.

In Regierungskreisen erklärt man das so: Viele verschwundene UMF blieben auf der Vermisstenliste, auch wenn sie wieder aufgetaucht seien. Konkret bedeute das: "Wenn ein Minderjähriger endlich bei seiner Tante angekommen ist, wegen derer er die Unterbringung verlassen hatte, wird die Tante in aller Regel gar nicht wissen, dass er bei Verlassen der ersten Unterkunft überhaupt vermisst gemeldet worden ist. Daher erfolgt auch keine 'Abmeldung'."

Wie aussagekräftig sind die Zahlen?

Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Vermissten in Wirklichkeit niedriger ist - auch aufgrund von vielen Doppelt- und Dreifachregistrierungen, die zustande kommen, weil viele junge Flüchtlinge ohne Pass reisen und es verschiedene Schreibweisen ihres Namens gibt. Laut Innenministerium gibt es noch einen anderen Grund, warum die Zahlen nur wenig aussagekräftig sind: Es gebe kein einheitliches Erfassungssystem von unbegleiteten Minderjährigen.

Warum sind die Flüchtlinge verschwunden?

Vom Innenministerium heißt es dazu: Dazu sei keine Aussage möglich. Experten erklären es so: Viele Jugendliche würden auf eigene Faust zu Verwandten oder Bezugspersonen, die an anderen Orten lebten, weiterreisen. "Die Zahl der als vermisst gemeldeten Jugendlichen würde massiv nach unten gehen, wenn es ein deutschlandweit einheitliches System zur Zusammenführung minderjähriger Flüchtlinge mit Angehörigen und Bezugspersonen gebe", so Tobias Klaus vom Bundesverband UMF, der sich für die Rechte minderjähriger alleinreisender Flüchtlinge einsetzt.

Manche Jugendlichen nutzen nach ihrer beschwerlichen Flucht die Unterbringung der Jugendhilfe nur "kurzfristig zum Durchschnaufen, bevor sie sich weiter auf den Weg zu ihrem Wunschort machen", so ein Sprecher des Sozialministeriums in Bayern, wo besonders viele UMF als vermisst gemeldet wurden.

Experte Tobias Klaus sieht noch einen zweiten wesentlichen Grund: Auch viele allein reisende Jugendliche seien in den vergangenen Monaten in großen behelfsmäßigen Unterkünften gelandet, wo sie zum Beispiel monatelang auf einen Schulplatz warten mussten und nur ambulante sozialpädagogische Unterstützung bekommen hätten. "Wenn diese jungen Menschen, die es gewohnt sind, sich alleine durchzuschlagen, sehen, sie haben an einem Ort keine Perspektive, dann gehen sie eben dorthin, von wo ihnen etwa ein Kumpel erzählt, dass es da besser sei."

Welche Rolle spielt organisierte Kriminalität?

Europol warnte im Januar: Vermisste junge Flüchtlinge könnten kriminellen Banden in die Hände gefallen sein. Vom Bundesinnenministerium heißt es dazu: "Der Bundesregierung liegen keine Informationen vor, dass geflüchtete Minderjährige im Bereich der Arbeitsausbeutung, der Zwangsprostitution oder des Drogenhandels eingesetzt werden." Es gebe dennoch Hinweise darauf, dass UMF in Zwangssituationen geraten und etwa in Drogenhandel involviert seien, weil sie zum Beispiel noch Schulden an Schlepper zahlen müssten, so Tobias Klaus vom Bundesverband UMF. Ein zwangsläufig kausaler Zusammenhang mit den Vermisstenmeldungen bestehe aber nicht.

Ähnlich äußert sich auch Bernd Mesovic von Pro Asyl: "Solange Ermittler keine konkreten Belege dafür haben, dass minderjährige Flüchtlinge Opfer von Zwangsprostitution, Organhandel, und Sklaverei geworden sind, sollten wir zurückhaltend bei dem Thema bleiben - auch wenn die Sorge nachvollziehbar ist."

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