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Olympia-Ruderin De Maizière kritisiert Medien im Fall Drygalla

Verteidigungsminister de Maizière hat sich hinter Olympia-Ruderin Nadja Drygalla gestellt. Die 23-Jährige war aus London abgereist, als ihre Beziehung zu einem Ex-NPD-Funktionär bekannt geworden war. "Müssen Sportler offenbaren, mit wem sie befreundet sind?", fragt der CDU-Politiker nun.

Berlin/London - In der Affäre um die deutsche Olympia-Ruderin Nadja Drygalla hat Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) mehr Zurückhaltung gefordert. Der Fall werfe die Frage auf, wo die Grenze zwischen privat und öffentlich liege, sagte de Maizière in London vor Journalisten. Er glaube, diese Grenze sei im Fall Drygalla überschritten worden. "Wir sind hier nicht in einem Ermittlungsverfahren." Es müsse die Lehre gezogen werden, behutsamer mit solch einem Fall umzugehen, so de Maizière.

"Steht es uns als Öffentlichkeit eigentlich wirklich zu, den Freundeskreis von Sportlerinnen und Sportlern zu screenen, zu gucken, was da los ist?", fragte der Verteidigungsminister. "Müssen wir von Sportlerinnen und Sportlern verlangen, dass sie offenbaren, mit wem sie befreundet sind, was die denken? Wo ist da die Grenze?"

De Maizière begrüßte die Aussagen der 23-jährigen Drygalla im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa, mit denen sie sich von rechtsextremem Gedankengut distanziert hatte. "Ich war von der Erklärung, die sie abgegeben hat, beeindruckt", sagte der Minister. Die Äußerungen seien "klar und unmissverständlich". Drygalla habe sich in einer "menschlich eindrucksvollen Weise" offenbart.

Der CDU-Politiker wollte keine Aussage treffen, ob Drygalla in die Sportförderung der Bundeswehr aufgenommen werden könne. "In der Sache selbst möchte ich teilen, was sie gesagt hat, dass erst einmal Ruhe in die Sache kommt", erklärte er. "Dann kann man im Herbst weitersehen." Momentan gebe es keinen Antrag auf Aufnahme. "Wenn es ihn gäbe, würden wir ihn prüfen. Aber in Ruhe und nicht in der Atmosphäre der letzten Tage."

NPD-Landesverband bestätigt Parteiaustritt Fischers

Drygalla hatte sich am Sonntag erstmals seit ihrer Abreise von den Olympischen Spielen in London geäußert. Grund für ihre vorzeitige Rückkehr war der Wirbel um ihre Beziehung zu Michael Fischer, dem Direktkandidaten der rechtsextremen NPD in Rostock zur Landtagswahl 2011. Drygalla hatte erklärt, Fischer habe sich im Mai von der rechtsradikalen Szene losgesagt. Er habe persönlich mit dieser ganzen Sache gebrochen und sich verabschiedet, sagte Drygalla. Fischer selbst bestätigte die Angaben am Montag. Er sei vor den Olympischen Spielen in London "den Schritt gegangen, mit der Sache abzuschließen, dass ich Neonazi bin. Ich bin aus der Partei ausgetreten und hatte auch so keinen großartigen Kontakt mehr zu Leuten, die damit zu tun hatten", sagte der 24-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Er war vergangenes Jahr im Landtagswahlkampf als NPD-Kandidat angetreten.

Drygalla selbst distanzierte sich von rechtem Gedankengut. "Ich habe keine Verbindung in seinen Freundeskreis und diese Szene gehabt und lehne das absolut ab." Berichte, wonach sie auf Bildern bei einer Demonstration 2009 in Malchow zu sehen sein soll, wies Drygalla zurück: "Das bin ich nicht, das kann ich ganz klar sagen. Ich empfinde das als unfair und ungerechtfertigt."

Wegen der politischen Orientierung ihres Freundes habe sie zeitweise auch an eine Trennung gedacht. Die Mitgliedschaft in der NPD habe die Beziehung "sehr stark belastet", sagte die Ruderin. "Ich bin froh, dass ich vor den Olympischen Spielen noch einmal klar gesagt habe, dass es so nicht weiterlaufen kann."

Die NPD bestätigte am Montag mehreren Nachrichtenagenturen, dass Fischer kein Mitglied der rechtsextremen Partei mehr ist. Michael Fischer sei Ende Mai ausgetreten, erklärte Mecklenburg-Vorpommerns stellvertretender NDP-Landesvorsitzender David Petereit.

Es gibt allerdings Zweifel daran, wie nachhaltig Fischers Bruch mit der rechtsradikalen Szene wirklich ist. Der NDR berichtet online, dass Beobachter nichts über einen Ausstieg Fischers wüssten. Außerdem habe Fischer noch am 16. Juni 2012 auf einer NPD-nahen Internetseite einen Artikel veröffentlicht. Dem Bericht zufolge soll Fischer außerdem noch im Februar 2012 an einer Aktion von Neonazis gegen eine Gedenkveranstaltung für das NSU-Opfer Mehmet Turgut beteiligt gewesen sein. Fotos, die dem NDR vorlägen, zeigten Fischer außerdem noch im Mai bei Neonazi-Veranstaltungen.

Die Affäre um die Olympiateilnehmerin beschäftigt am Dienstag auch das Kabinett im Mecklenburg-Vorpommern. Innenminister Lorenz Caffier will über die Ereignisse des vergangenen Jahres berichten, wie Regierungssprecher Andreas Timm sagte. Er werde seine Kabinettskollegen unter anderem über die Umstände beim Ausscheiden Drygallas aus dem Polizeidienst informieren.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte in der Affäre "gründliche Aufklärung" gefordert. "Extremistisches Gedankengut hat im Sport keinen Platz. Denn Sportler sind auch Vorbilder. Der Sachverhalt muss deshalb umfassend und gründlich geklärt werden", so der auch für den Sport zuständige Minister in der "Bild"-Zeitung.

anr/dpa/AFP
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