Vertriebenen-Ausstellung Polen fordert "Gustloff"-Glocke zurück

Um die Berliner Vertriebenen-Ausstellung gibt es neuen Ärger. Die polnische Küstenwache will aus Protest gegen die umstrittene Dokumentation die Glocke des 1945 versenkten Flüchtlingsschiffes "Wilhelm Gustloff" zurückziehen.


Berlin - Ein Vertreter der Küstenwache habe den Ausstellungsmachern im Gespräch mitgeteilt, dass die Glocke zurückgezogen werden müsse, sagte ein Sprecher des Bundes der Vertriebenen (BdV). Er bestätigte damit einen Bericht des 3Sat-Magazins "Kulturzeit".

Die Schiffsglocke der Gustloff: Polen fordert sie zurück
AP

Die Schiffsglocke der Gustloff: Polen fordert sie zurück

Hinter der Ausstellung stehe nur der Bund der Vertriebenen und seine Vorsitzende Erika Steinbach, begründete der Sprecher der Küstenwache in Gdingen (Gdynia), Tomasz Sagan, den Rückzug der Schiffsglocke. "Wir fühlen uns überrascht und getäuscht. In den Vorgesprächen wurde uns angegeben, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundestagspräsident Norbert Lammert als Schirmherren fungieren würden", sagte Sagan in 3sat.

Die Glocke solle bis Ende August oder spätestens Anfang September zurückgegeben werden und danach einem polnischen Museum gestiftet werde, sagte Sagan. Die "Wilhelm Gustloff" war 1945 mit rund 10.000 deutschen Flüchtlingen an Bord von einem sowjetischen U-Boot in der Ostsee versenkt worden.

"Wilhelm Gustloff": 1945 von den Sowjets versenkt
DPA

"Wilhelm Gustloff": 1945 von den Sowjets versenkt

Solange keine schriftliche Kündigung des Leihvertrages vorliege, werde die Glocke weiter gezeigt, sagte jedoch der BdV-Sprecher. Die Dokumentationsschau "Erzwungene Wege" zeichnet bis zum 29. Oktober im Berliner Kronprinzenpalais die Vertreibungen in Europa im 20. Jahrhundert nach. Schon unmittelbar nach Ausstellungseröffnung am vergangenen Freitag hatte das Warschauer Stadtmuseum zwei Leihgaben zurückgezogen.

In Polen wird die Ausstellung heftig kritisiert. Aus Protest hatte der amtierende Warschauer Bürgermeister Kazimierz Marcinkiewicz in der vergangenen Woche einen Besuch in Berlin abgesagt.Solange die Ausstellung laufe, werde er auf die Reise verzichten, hatte er dem privaten polnischen Fernsehsender TVN 24 gesagt. "Mein Besuch in Berlin könnte unter diesen Umständen missverstanden und missbraucht werden."

Die Schau thematisiert die Vertreibung Deutscher und Angehöriger anderer Nationen aus Osteuropa nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die konservative Regierung Polens und ein Großteil der dortigen Bevölkerung werfen den Organisatoren der Ausstellung und des geplanten dauerhaften Zentrums mit Informationen zum Schicksal der Vertriebenen vor, sie stellten die Deutschen einseitig als Opfer dar. Der Vertriebenenbund hat dies zurückgewiesen.

als/dpa/Reuters



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