Vertriebenen-Treffen Köhler warnt vor Umschreiben der Geschichte

Präsident Köhler hat auf dem "Tag der Heimat" die Vertriebenen aufgefordert, die Ängste in Polen und Tschechien ernst zu nehmen. Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Steinbach, machte Warschau für Defizite im deutsch-polnischen Verhältnis verantwortlich.


Berlin - Bundespräsident Horst Köhler fordert die Vertriebenen auf, bestehende Ängste in Polen und Tschechien ernst zu nehmen. "Wir müssen geduldig vermitteln, dass es in Deutschland keine ernst zu nehmende politische Kraft gibt, die die Geschichte umschreiben will", sagte Köhler beim "Tag der Heimat" des Bundes der Vertriebenen in Berlin. Zuletzt habe die Debatte um das Zentrum gegen Vertreibungen in den Nachbarländern manche beunruhigt. "Diese Besorgnisse sollten wir nicht ignorieren, wir sollten sie ernst nehmen, gerade wenn wir sie für unbegründet halten", sagte Köhler vor über 1000 Vertretern von 21 Landsmannschaften.

Köhler, Steinbach: "Den historischen Zusammenhang im Blick behalten"
DDP

Köhler, Steinbach: "Den historischen Zusammenhang im Blick behalten"

Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, kritisierte die polnische Regierung. "Die politischen Entwicklungen in Polen sind wirklich nicht sehr erfreulich", sagte sie der "Leipziger Volkszeitung". Das Defizit der deutsch-polnischen Beziehungen liege ganz klar in Warschau. Der Chemnitzer "Freien Presse" sagte Steinbach, im Nachbarland habe sich vieles im politischen Klima radikalisiert. Polen fühle sich stets angegriffen.

Die polnische Führung hatte vor allem die Pläne der Vertriebenen kritisiert, in Berlin ein Zentrum gegen Vertreibungen zu errichten. In ihrer Rede beim "Tag der Heimat" sagte Steinbach: "Wir lassen uns durch noch so harte Formulierungen und noch so schrille Töne, die Ausdruck verhärteter Herzen sind, nicht provozieren und wir lassen uns nicht von unserem Weg der Versöhnung abbringen." Zugleich bekräftigte die CDU-Bundestagsabgeordnete ihre Forderung nach einem nationalen Gedenktag für die Vertriebenen.

Köhler ließ in seiner Ansprache "keinen Zweifel daran, dass das nationalsozialistische Unrechtsregime und der von Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg auslösende Ursache für Flucht und Vertreibung" gewesen sei. Er begrüßte es, dass sich der Bund der Vertriebenen von der Preußischen Treuhand distanzierte. "Es geht eben nicht um materielle Entschädigung, sondern es geht um die Erinnerung an menschliches Leid und um unsere Entschlossenheit, solches Leid nicht mehr zuzulassen", sagte der Bundespräsident.

Die Vertriebenen-Ausstellung "Flucht, Vertreibung, Integration" belege, "dass es möglich ist, an das individuelle Leid der Opfer von Vertreibung zu erinnern und zugleich den historischen Zusammenhang im Blick zu behalten". Die jüngsten Diskussionen zeigten aber, dass der Aufbau eines gemeinsames europäischen Erinnerungswerkes einen langen Atem verlange. "Dabei sollten wir uns durch Widerstände und Schwierigkeiten nicht entmutigen lassen", sagte Köhler. Er habe keinen Zweifel, "dass es uns im gemeinsamen Europa am Ende gelingen wird, Erinnerung und Versöhnung zu verbinden".

Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck warnte vor einer Relativierung der Verbrechen während der NS-Zeit. Derzeit werde mit "großem Druck" daran gearbeitet, das Unrecht der Vertreibung neben das Unrecht des Nationalsozialismus zu stellen, so dass es relativierend wirke, sagte Beck im Deutschlandradio Kultur. Unrecht subtrahiere sich aber nicht, sondern häufe sich auf.

Von Nikolaus Sedelmeier, ddp



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