Vertriebenenstiftung Polnische Wissenschaftler stellen Arbeit aus Protest ein

Top-Wissenschaftler beenden aus Protest ihre Mitarbeit in der Berliner Vertriebenenstiftung. Offiziell aus Ärger über den neuen Direktor - doch der Konflikt geht tiefer. In den Gremien sitzen keine Vertreter Polens und Tschechiens mehr.

Gestern um 20.13 Uhr vermeldete die umstrittene Berliner Vertriebenenstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" den Namen ihres neuen Direktors. Es ist Winfrid Halder, der konservative Chef des Gerhart-Hauptmann-Hauses in Düsseldorf, und Kandidat der Vertriebenenverbände.

Eine Stunde und sieben Minuten später war der Eklat da. Der polnische Historiker Krzysztof Ruchniewicz mailte an die Kulturstaatsministerin im Kanzleramt, Monika Grütters (CDU), zuständig für die Stiftung, dass er seine Mitarbeit einstelle. Grund: Ihm sei "der neue Direktor und seine wissenschaftliche Qualifikation unbekannt".

Außer Ruchniewicz, der das Willy-Brandt-Zentrum in Breslau leitet, kündigten auch die renommierten Historiker Michael Wildt, Stefan Troebst, Piotr Madajczyk sowie Michael Schwartz die Zusammenarbeit auf und beenden ihre Mitarbeit im Wissenschaftlichen Beraterkreis der Vertriebenenstiftung.

Und da eine Historikerin aus Tschechien schon vor Jahren ausschied, gibt es in den Gremien der 2008 gegründeten Stiftung keine Vertreter Polens und Tschechiens mehr, obwohl das Stiftungsgesetz ausdrücklich die "europäische Dimension" von Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert betont. Ein Großteil der vertriebenen Deutschen hatte bis in die Nachkriegsjahre auf den heutigen Gebieten von Polen und Tschechien gelebt.

Mit dieser Entwicklung dürfte ein nur mühselig kaschierter Konflikt über das eigentliche Ziel der Stiftung wieder aufbrechen. Diese geht auf eine Initiative von Erika Steinbach zurück, der langjährigen Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen. Steinbach wollte einen Dokumentationsort, an dem deutschen Opfern von Flucht und Vertreibung gedacht wird.

Der Bundestag machte sich nach jahrelangem öffentlichem Streit das Projekt zu eigen, weitete es allerdings aus. Nicht nur das Schicksal der Pommern oder Ostpreußen, sondern auch andere ethnische Säuberungen in Europa sollten in einer Dauerausstellung thematisiert werden.

Diskussionen über den Fokus der Stiftung

Über die Frage, ob das Schicksal der Deutschen einen oder den Schwerpunkt der Schau bilden sollte, konnte man sich allerdings nie endgültig einigen. Die Vertriebenenverbände und deren politisches Sprachrohr CSU wollen den Fokus auf die deutschen Opfer richten, die Wissenschaftler des Beraterkreises vertreten überwiegend den europäischen Ansatz.

In der Wahl Halders sehen Ruchniewicz und Kollegen nun einen Triumph für die Vertriebenenverbände und kritisieren das Vorgehen von Kulturstaatsministerin Grütters. Diese müsse sich entscheiden, ob sie "eine Bundesstiftung oder eine Filiale der Vertriebenenorganisationen" wolle, sagt Ruchniewicz.

Dem neuen Direktor Halder sprechen Ruchniewicz und Kollegen das Format ab. Halder sei nur ein "Regionalhistoriker", der "stark mit der Politik verbunden" sei, urteilt etwa Madajczyk. Er habe sich jemanden gewünscht, der über internationale Reputation verfüge und mit den führenden Wissenschaftlern auf diesem Felde vernetzt sei, sagt Ruchniewicz. Halder ist Experte für Katholizismus und Wirtschaftsgeschichte und verfügt über gute Drähte in die CDU.

Extrem angespannte Athmosphäre

Mit dem neuen Eklat setzt sich die jahrelange Pannengeschichte der Vertriebenenstiftung fort. Halders Vorgänger Manfred Kittel, ein nationalkonservativer Wissenschaftler und CSU-Mann, hatte im Dezember gehen müssen, weil ihm der Beraterkreis das Vertrauen entzog. Seitdem war die Atmosphäre zwischen den Wissenschaftlern und den Vertriebenenorganisationen und auch der CSU überaus angespannt.

Der Direktor wird vom Stiftungsrat gewählt. Die Vertriebenenorganisationen stellen allein sechs Vertreter in dem 21-köpfigen Gremium. Dazu kommen außer Grütters vier Bundestagsabgeordnete, je ein Vertreter des Auswärtigen Amtes und des Innenministeriums, Repräsentanten der beiden großen Amtskirchen und des Zentralrats der Juden sowie die Präsidenten von zwei großen Museen.

Dem Wunsch des Beraterkreises, den neuen Direktor mit auszuwählen, erteilte der Stiftungsrat eine Absage.

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