Vertriebenenverband Giordano bekennt sich zu Steinbachs Politik
Berlin - Am Ende stand der kleine Mann mit dem ungebändigten Grauschopf und dem längst zum Markenzeichen gewordenen, säuberlich über das Jackett drapierten roten Schal im Beifallssturm neben dem Rednerpult in der Friedrichstadtkirche am Berliner Gendarmenmarkt und legte die rechte Hand auf das Herz.
Hier stehe ich, ich kann nicht anders, sollte diese Geste wohl besagen, denn Ralph Giordano, Holocaust-Überlebender, Schriftsteller ("Die Bertinis") und Moralist von hohen Graden hatte an diesem Montagabend Farbe bekannt - und die Farbe wird manchem, hier zu Lande und bei Deutschlands östlichen Nachbarn, überhaupt nicht gefallen.
Eigentlich war der 81-Jährige mit seiner Rede, mit der er den vergeblichen Aufstand der Polen gegen die deutschen Besatzer in Warschau im Jahr 1944 gewürdigt hatte, zu Ende. Doch dann setzte der in Köln lebende Schriftsteller zu einem ausführlichen Exkurs an. Thema: Die Debatte über die Deutschen als Opfer und das umstrittene "Zentrum gegen Vertreibungen", welches die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach, in Berlin errichten möchte.
Es sei ein "notwendiger Epilog", so Giordano, der in den vergangenen Tagen und Wochen von "Kreisen, mit denen ich mich tief verbunden fühle", bedrängt worden war, seine Teilnahme an der Gedenkveranstaltung abzusagen. Der Bund der Vertriebenen hatte zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung die Veranstaltung organisiert.
Appell an die Freunde
Er wolle "besonders an meine polnischen Freunde" ein "persönliches Wort" richten, so Giordano. Dann hob er zu einem langen, leidenschaftlichen Plädoyer für die Anerkennung des Leides der deutschen Vertriebenen und einem geradezu flammenden persönlichen Bekenntnis zur Vertriebenen-Vorsitzenden Steinbach an.
Man könne das Leiden der Deutschen auf Dauer nicht mit dem Hinweis relativieren, dass dieses selbstverschuldet sei, so Giordano, der im vergangenen Jahr in der Frankfurter Paulskirche bei der Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises der Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" die Laudatio gehalten hatte: "Ich will mich auch dann nicht meiner Trauer über das Leid von Deutschen schämen, nicht meiner Mitleidensfähigkeit, nicht meiner Erschütterung!"
Kritiker, namentlich in Polen und Tschechien, forderte Giordano "mit der Legitimation eines Überlebenden des Holocaust" auf, "nicht da zurückzuzucken, wo die eigene Geschichte verdunkelt worden ist durch Untaten und Menschenrechtsverletzungen". Vertreibung sei immer furchtbar, fügte er abweichend vom Redemanuskript hinzu und variierte damit eine der zentralen Thesen des BdV.
Steinbach als Feindbild
Seine Annäherung an die Position der Vertriebenen erklärte Giordano mit "bestimmten, von mir wahrgenommenen Veränderungen im Empathieverhalten der heutigen BdV-Führung". Es habe unter Steinbach eine "Öffnung hin zu den der Vertreibung vorangegangenen deutschverursachten Opfern gegeben". Unter ihrer Ägide beim BdV "hat etwas begonnen, sich zu verändern". Er müsse "alle meine erkämpften und erlittenen Kriterien verleugnen, wenn ich diese Wahrnehmungen unbeachtet gelassen hätte".
Die BdV-Chefin sei zu einer "wahren Ikone von Feindbild" stilisiert worden. Zwischen "öffentlicher Dämonisierung" Steinbachs und seinen eigenen Erfahrungen mit ihr habe es einen "Kontrast" gegeben. Giordanos Schlussfolgerung: Wer Steinbach den guten Willen abspreche, "der stößt auf meinen Widerstand".
Ob es bei seiner Annäherung bleibe oder nicht, schränkte der Autor ein, werde "ganz abhängen vom Verhalten des BdV" und der Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen". Diese müssten sich dazu bekennen, dass die Leiden der Deutschen in einer Chronologie und Kausalität nach Hitler und Auschwitz kämen, "wenn denn weiter an mir gelegen sein sollte".
So weit ist Giordano in seiner Verteidigung Steinbachs bislang noch nie gegangen. Das Publikum dankte es ihm und erhob sich applaudierend. Nur wenige blieben sitzen.