Veruntreuung von Geldern Mitarbeiter von Afghanistan-Hilfe beschuldigen sich gegenseitig

Hunderttausende Euro sind bei der deutschen Afghanistan-Hilfsorganisation Katachel verschwunden - die Gründerin und ein ehemaliger Mitarbeiter beschuldigen sich gegenseitig der Veruntreuung. Das Geld war für Projekte in der Unruheprovinz Kunduz bestimmt.

Kunduz - Auf ihrer Homepage dokumentiert die deutsche Hilfsorganisation Katachel e.V. zahlreiche Projekte, die man in Afghanistan unterstützt habe: den Bau von Schulen, die Veranstaltung von Fußballturnieren, den Bau von Häusern, Brücken und Straßen.

Doch offensichtlich ist die Hilfe nicht immer bei den Bedürftigen angekommen. Mehrere hunderttausend Euro Projektgelder für die nordafghanische Unruheprovinz Kunduz sind veruntreut worden. Die Vorsitzende des Vereins im niedersächsischen Bergfeld, Sybille Schnehage, und der afghanische Ex-Projektleiter Dadgul Delawar werfen sich gegenseitig Veruntreuung der Gelder vor.Aussagen Delawars zufolge schickte die Katachel-Gründerin in den vergangenen acht Jahren mehr als eine halbe Million Euro Hilfsgelder nicht nach Afghanistan. Schnehage ging von einer ähnlichen Größenordnung veruntreuter Mittel aus, die ihrer Aussage zufolge aber Delawar unterschlagen hat.

Schirmherr des Projektes ist der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), der dieses seit 2004 bestehende Amt nun aber auf Eis gelegt hat. Er werde über eine Fortsetzung entscheiden, wenn der Abschlussbericht zu den Ungereimheiten vorliege, ließ er über einen Sprecher erklären. "Ich fordere eine lückenlose Aufklärung des Sachverhalts bei Katachel e.V. Sollten wirklich Hilfsgelder veruntreut worden sein, muss alles ersetzt werden." Im November 2009 hatte der niedersächsische Landtag den Einsatz der Organisation in Afghanistan gewürdigt.

Nach den Vorwürfen will das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) sein Spenden-Gütesiegel, das der Verein Katachel seit 2003 hat, nun genau prüfen. Die gegenseitigen Vorwürfe innerhalb des Vereins wögen schwer und seien dem DZI bisher nicht bekanntgewesen, sagte Geschäftsführer Burkhard Wilke am Montag.

Schwere Vorwürfe auf beiden Seiten

Schnehage sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa, sie habe "nicht einen Dollar für mich behalten". Sie könne belegen, dass bis auf die Verwaltungskosten - die im vergangenen Jahr nach Angaben des Vereins rund vier Prozent der Mittel betrugen - alle Hilfsmittel nach Kunduz überwiesen und dort an Delawar ausgezahlt worden seien. Bereits vor vier Jahren habe das Bundesentwicklungsministerium ihr von der Zusammenarbeit mit Delawar abgeraten, den sie damals noch verteidigt habe. Sie habe erst später gemerkt, dass ihr langjähriger Vertrauter "mich von Anfang an massiv betrogen" und mit Hilfsgeldern unter anderem großzügige Häuser für sich und seine Angehörigen gebaut habe.

Delawar sagte der dpa, der von Schnehage gegründete Verein habe Patenschaften für Witwen und Waisen vermittelt. 322 deutsche Spender unterstützten heute noch dieselbe Anzahl afghanischer Witwenfamilien mit monatlich 26 Euro. Seit 2002 sei aber nur rund ein Viertel der Gelder ausgezahlt worden, weil der Rest von Schnehage nicht überwiesen worden sei. Auch Schnehage schrieb in einem der dpa vorliegenden Brief an Provinzgouverneur Mohammad Omar, nur zwischen einem Drittel und einem Viertel der Gelder für die Witwenfamilien sei ausgezahlt worden. Den Rest habe Delawar "für sich genommen".

Delawar listete gegenüber der Nachrichtenagentur Zahlen auf: Für den Bau einer Schule im Jahr 2008, deren Baukosten der Verein auf seiner Homepage mit 130.000 Euro beziffert habe, habe er auf Anweisung Schnehages nur umgerechnet rund 60.000 Euro ausgeben dürfen. Die Vereinsvorsitzende sagte, der Ende vergangenen Jahres entlassene Mitarbeiter sei zu den Taliban übergelaufen und erpresse sie. Das sei "Quatsch", sagte Delawar bei einem Treffen mit der dpa in Kunduz-Stadt. Beide Seiten warfen sich vor, den Ruf des jeweils anderen beschädigen zu wollen.

Kooperierte ein Mitarbeiter mit den Taliban?

"Ich bin kein Talib", sagte Delawar, der im afghanischen Freiheitskampf gegen die Sowjet-Besatzung eine prominente Rolle gespielt haben soll. Schnehage sagte der dpa dagegen, unter anderem habe Delawar für einen Taliban-Kommandeur ein Auto gekauft. In dem Brief an Gouverneur Omar wirft sie Delawars Familie außerdem vor, diese habe sie 2008 vergiften wollen.

Schnehage engagiert sich seit langem in der Region. Dem im Kampf gegen die Sowjets verletzten Delawar hatte sie nach ihren und seinen Aussagen in den neunziger Jahren das Leben gerettet. Sie pflegte ihn in Deutschland gesund, bevor er in den Ort Katachel in der Provinz Kunduz zurückkehrte und dort das Hilfsprojekt zu leiten begann. In einem auf den 1. Dezember vergangenen Jahres datierten Reisebericht Schnehages heißt es, "dass unser langjähriger Projektleiter Dadgul meint, nunmehr mit den Taliban kooperieren zu müssen, so dass wir uns in einem Vorstandsbeschluss nach massiven Unstimmigkeiten mit sofortiger Wirkung von ihm als Mitarbeiter trennen mussten". Delawar nannte persönliche Streitigkeiten als Grund für das Zerwürfnis.

kgp/dpa
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