Veteranen-Elend in den USA Töten bis zum Trauma

30.000 zusätzliche US-Soldaten für Afghanistan - das bedeutet: 30.000 potentiell traumatisierte Veteranen, um die sich kaum jemand kümmert. Viele Kriegsheimkehrer in den USA enden in Armut, Obdachlosigkeit und Elend, die Betreuung ist skandalös. Und Präsident Obama ändert daran bisher wenig.

US-Veteran in Obdachlosenasyl: "Die vernachlässigten Krieger"
AP

US-Veteran in Obdachlosenasyl: "Die vernachlässigten Krieger"

Von , New York


Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Zivilist. Er fühlt sich wie ein Soldat. Auch nach 20 Jahren noch. "Einmal ein Marine", sagt Bryan Westrick in bebendem Ton, "immer ein Marine."

Der frühere US-Marine-Infanterist wird nie wieder ein Zivilist sein. Auf seiner Lederweste hat er die vielen Stationen seiner Militärkarriere stolz mit Abzeichen markiert. Auf einem Sticker steht: "USMC Beirut." In Beirut war Westrick 1983 stationiert - auch an jenem Tag, als dort bei einem Bombenanschlag 299 Soldaten starben.

"Es war ein ohrenbetäubender Knall", sagt Westrick SPIEGEL ONLINE. "Für mich war das der Anfang des globalen Terrorkriegs." Er war nur rund hundert Meter von der Explosion entfernt und sah Freunde sterben. Drei Jahre später verließ der damals 22-Jährige das Militär. Bis heute kommen ihm Tränen, wenn er davon spricht.

Seine Begeisterung für die Marines ist keineswegs getrübt, im Gegenteil. Sein Sohn Aaron, 18, ließ sich zum Marine ausbilden, mit ausdrücklichem Einverständnis des Vaters. Ende November war er mit dem Boot Camp fertig - rechtzeitig zu Präsident Barack Obamas Ankündigung, 30.000 weitere US-Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Nach ein paar Monaten weiterführendem Gefechtstraining wird also auch Aaron wohl in Afghanistan landen. "Ich sorge mich nicht", sagt sein Vater. "Wohin ihn Gott auch führt."

Wie Bryan Westrick geht es vielen US-Militärs. Sie fürchten weniger die Front als das, was danach kommt - der Absturz in ein tristes Dasein als Veteran.

Kriegsheimkehrer in den USA haben oft eine ungewisse Zukunft, und ihr Leben wird nicht selten von Trauma, Tod und Töten bestimmt. "Die vernachlässigten Krieger" nennt die "New York Times" das wachsende Heer der US-Frontveteranen, die nach der Rückkehr in die Heimat mit Problemen kämpfen, auf die sie ihr Kampftraining nicht vorbereitet hat. Viele leiden unter dauerhaften Traumaschäden, Arbeitslosigkeit, Armut, Alkoholismus, Kriminalität. Die Selbstmordrate unter Veteranen ist so hoch wie nie in der US-Geschichte - das Risiko ist groß, dass gerade eine verlorene, gebrochene Soldatengeneration heranwächst wie schon nach dem Krieg in Vietnam.

Es ist dieses triste Schicksal ehemaliger Soldaten, das die Verbände der US-Veteranen jetzt zu Kritikern von Obamas Afghanistan-Plan macht. Denn der Präsident vernachlässige das Problem bisher komplett. In seiner Afghanistan-Rede hat er zum Thema geschwiegen. Er verlor kein Wort über die Zehntausenden Veteranen, die dieser Krieg jetzt schafft - weshalb deren Vertreter eine noch schlimmere Tragödie befürchten als damals.

"Obama muss etwas unternehmen"

Es sei viel über Obamas Strategie und die Truppenaufstockung geredet worden, sagt Irak-Veteran Paul Rieckhoff, Gründer des Interessenverbands der Veteranen aus dem Irak- und Afghanistan-Krieg (IAVA). "Doch kaum einer fragt, wie die Regierung beabsichtigt, diese 30.000 Soldaten zu unterstützen, wenn sie einmal heimkehren." Paul Sullivan, Geschäftsführer der Gruppe "Veterans for Common Sense" (VCS), schimpft über "all das Gerede über die Ausweitung des Kriegs". Es gebe "kaum eine Debatte über die Veteranen, die hier zu Hause kämpfen".

Michael Blecker, Geschäftsführer der Veteranenhilfsgruppe "Schwerter zu Pflugscharen", beklagt eine bigotte Einstellung in den USA. "Wir sagen gerne, dass wir unsere Soldaten unterstützen. Aber dann überlassen wir so viele sich selbst, wenn sie nach Hause kommen", sagte er dem "San Francisco Chronicle". "Wir behandeln sie wie Bürger zweiter Klasse."

Der VCS weist das Weiße Haus und den Kongress schon länger auf den Mangel an psychologischer Nachbetreuung für Soldaten hin, die oft zwei-, dreimal zurück an die Front müssen. "Obama muss etwas unternehmen."

Fast jeder fünfte der Soldaten, die bisher aus Afghanistan und dem Irak zurückgekehrt sind, leidet nach einer Studie der Rand Corporation langfristig an Depressionen und posttraumatischem Stress (PTSD). Hinzu kommen Gehirnschäden als Folge der vielen Bomben - inzwischen die typische Wunde dieser zwei Kriege, genannt "traumatic brain injury" (TBI). Der TBI-Anteil an den Gesamtverletzungen beträgt nach Angaben des Pentagons heute 22 Prozent. Er ist fast doppelt so hoch wie in Vietnam.

Eine Studie der Stanford University beziffert den Anteil der Trauma- und Gehirngeschädigten unter den fast zwei Millionen Soldaten, die bisher in Afghanistan und im Irak gedient haben, sogar auf 700.000. Das sind 36 Prozent.

Wenn Obama von 30.000 weiteren Soldaten redet, hören die Veteranen also etwas anderes: mehr als 13.000 neue PTSD-Fälle, rund 8000 neue TBI.

"Der Anfang einer nationalen Schande"

"Dies sind die vergessenen Kosten des Krieges", sagt IAVA-Chef Rieckhoff. "Die Technokraten in Washington haben zwar ausgerechnet, wie viel es kostet, die neuen Soldaten an die Front zu schicken. Aber ich bin überhaupt nicht überzeugt, dass sie auch eine Endplanung haben - die sich um diese Soldaten kümmert, wenn sie zurückkommen." Sollte Obama diese Frage vernachlässigen, sei dies "der Anfang einer nationalen Schande", die das Land Jahrzehnte beschäftigen werde.

Den Ernst der Lage sieht das US-Militär durchaus. Mitte November enthüllte Peter Chiarelli, der Vize-Stabschef der Armee, die Selbstmordrate in seiner Truppe habe sich seit 2001 verdoppelt. Allein in diesem Jahr nahmen sich demnach 211 Armeesoldaten das Leben. 2008 waren es noch 182. Auch die Zahlen von Alkohol- und Drogenmissbrauch seien gestiegen.

Obwohl die Armee seit 2007 rund 900 neue Psychologen und Betreuer eingestellt habe, würden fast noch mal so viele benötigt, sagte Chiarelli. Die bestehende Belegschaft ist überfordert, frustriert, rastet manchmal selbst aus. Einer von ihnen war Major Nidal Malik Hasan, der im November auf dem texanischen Stützpunkt Fort Hood 13 Soldaten erschoss. Bis heute ist unklar, welche Rolle islamische Radikalisierung bei der Bluttat gespielt hat und welche Rolle Hasans Stress als Traumahelfer.

Chiarelli beklagt ein "Stigma" unter seinen Soldaten: Viele scheuten sich, "Hilfe zu suchen und anzunehmen". Die Armee arbeite "sehr, sehr hart" dafür, das Problem in den Griff zu bekommen. "Dies ist eine Frage von Leben und Tod, und es ist absolut inakzeptabel, dass Einzelne im Stillen leiden - weil sie Angst haben, dass ihre Kameraden oder Vorgesetzten sie auslachen oder, schlimmer noch, dass dies ihre Karriere negativ beeinflussen könnte."

Unterfinanziertes Veteranenamt

Psychologische Schäden sind nicht die einzigen Folgen. Die Arbeitslosenquote unter Veteranen liegt um rund zwei Prozentpunkte über dem Durchschnitt. Die Betroffenen verlieren oft Krankenversicherung, Altersvorsorge, selbst ihr Obdach - ein Phänomen, das es nicht zum ersten Mal gibt. Kriegsheimkehrer waren 2008 von Zwangsversteigerungen viermal so häufig betroffen wie die restliche Bevölkerung. Und wer bisher Hilfe von der Regierung erhoffte, bekam sie zu selten. Das US-Veteranenamt VA ist von Skandalen und Führungskrisen geplagt, chronisch unterfinanziert und erstickt in Bürokratie. Veteranen müssen oft Jahre auf Arzttermine oder Entschädigungen warten.

Das betrifft nicht nur Irak- und Afghanistan-Veteranen. Grover Cleveland Chapman, der im Zweiten Weltkrieg kämpfte, ging im vergangenen Jahr in eine VA-Klinik in South Carolina, hielt sich seine Smith & Wesson an die Schläfe und drückte ab. In der Tasche hatte er ein erneutes VA-Ablehnungsschreiben. Er war 89.

Als Wahlkämpfer hatte Obama diese Missstände noch laut angeprangert. "Wie können wir das zulassen?", fragte er einmal bei einem Auftritt in West Virginia. "Warum ist sowas in den Vereinigten Staaten von Amerika akzeptabel?" Es sei "ein Verrat an den Idealen, für die wir unsere Soldaten bitten, ihr Leben zu riskieren".

Korrekturen an der bisherigen Politik ist er weitgehend schuldig geblieben, genauso der Kongress. Der Haushalt des Pentagon für 2010 beinhaltet zwar endlich mehr Gelder für psychologische Betreuung und PTSD-Studien. Doch bis heute verweigert das Weiße Haus Hinterbliebenen von Soldaten, die Selbstmord begangen haben, aus Prinzip präsidiale Kondolenzschreiben.

All das hält Marines-Veteran Westrick nicht davon ab, auch seinen Sohn jetzt in den Krieg zu verabschieden. Hofft er nicht, dass dieser Teufelskreis eines Tages aufhört? "Dies sind biblische Zeiten", sagt er und hofft auf Gottes Hilfe. "Nur die Wiederkunft des Herrn kann dem wohl ein Ende setzen."

insgesamt 673 Beiträge
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Seite 1
Rübezahl 02.12.2009
1.
Zitat von sysop30.000 zusätzliche Soldaten, mehr Hilfe von den Verbündeten und ein schrittweiser Abzug ab 2011 - US-Präsident Obama hat seine Strategie für Afghanistan vorgelegt. Kann der Plan die Wende bringen?
Nein ! Zum einen wird der Abzug wie bei den Engländern um 1843 blutig verlaufen, zum anderen wird es nicht zurück nach Amerika gehen sondern weiter nach Pakistan.
Bettelmönch, 02.12.2009
2. Kann der Plan die Wende bringen?
Zitat von sysop30.000 zusätzliche Soldaten, mehr Hilfe von den Verbündeten und ein schrittweiser Abzug ab 2011 - US-Präsident Obama hat seine Strategie für Afghanistan vorgelegt. Kann der Plan die Wende bringen?
Der Plan erhält zwar viel Kritik, aber ich denke schon. Wenn die zusätzlichen Truppen da jetzt hingehen, wissen sie, dass sie eineinhalb Jahre Zeit haben, um die Sache zu erledigen. Das wirkt anspornend und motivierend. Daneben wirkt die Truppenaufstockung motivierend. Also eine doppelte Motivierung. Ich tue blöde Dinge besser, wenn ich weiß, wann ich damit fertig bin.
Meckermann 02.12.2009
3.
In Afganistan geht es im Grunde nur noch darum zu retten, was zu retten ist. Hätte man diesen Krieg von Anfang an mit einem klaren Konzept und den notwendigen Mitteln (zum Beispiel denen, die dann für den Irak drauf gingen) geführt, dann sähe es dort heute vielleicht ganz anders aus. So war es aber nunmal nicht und nun muss man aus dem vorhandenen das beste machen. Ich denke Obama geht hier den richtigen Weg: noch einmal eine richtige Kraftanstrengung aber mit Deadline bis zu der Ergebnisse vorliegen müssen.
Stefanie Bach, 02.12.2009
4.
Zitat von BettelmönchDer Plan erhält zwar viel Kritik, aber ich denke schon. Wenn die zusätzlichen Truppen da jetzt hingehen, wissen sie, dass sie eineinhalb Jahre Zeit haben, um die Sache zu erledigen. Das wirkt anspornend und motivierend. Daneben wirkt die Truppenaufstockung motivierend. Also eine doppelte Motivierung. Ich tue blöde Dinge besser, wenn ich weiß, wann ich damit fertig bin.
Kann man ohne Sprache denken? (http://www.plantor.de/2009/kann-man-ohne-sprache-denken/) Wohl nicht, deshalb ist es gut, dass Obama sehr klar gesagt hat, dass dieser Krieg im vitalen amerikanischen Interesse ist - letzlich dient er der Stabilisierung der Atommacht Pakistan. Auch Deutschland sollte sich zügig von unrealistischen Begründungen seiner Kriegsbeteiligung verabschieden. Entweder wir stehen dazu, dass wir dort Krieg führen, weil wir den Amerikanern zur Bündnistreue verpflichtet sind, oder wir lassen es ganz.
leser75 02.12.2009
5.
Afghanistan ist mit militärischen Mitteln nicht zu befrieden - deshalb wird auch diese Ankündigung eines amerikanischen Präsidenten wie eine Seifenblase zerplatzen - es ist das dritte Engagement mit vielen Gefallenen in den eigenen Reihen, das scheitert nach Vietnam und dem Irak. Europa muß lernen, sich eine eigene Meinung und Strategie im Vorfeld solcher "Abenteuern" zu bilden, wir sind kein Anhängsel.
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