Vince Ebert

Fortschrittsfeindlichkeit Der Blackout in unseren Köpfen

Vince Ebert
Ein Gastbeitrag von Vince Ebert
Deutschland will Vorreiter sein bei grünen Technologien, gleichzeitig wird vieles, was die Welt ökologisch verbessern könnte, zu Tode reglementiert. Kann man das noch lustig finden?
Windkraftanlage

Windkraftanlage

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

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So langsam zieht der Herbst ein, die Temperaturen fallen und mit ihnen sinkt unsere Zuversicht, heil über den Winter zu kommen. Horrende Energiepreise, die Angst vor einem Blackout sowie der drohende wirtschaftliche Abstieg Deutschlands bestimmen die Debatten.

Als Grund sehen viele den Ukrainekrieg. Doch der war nicht der Auslöser für unsere miserable Lage, sondern eher der Katalysator. Die Wahrheit ist: Deutschland hat sich seit Jahren selbst mit einer unheilvollen Kombination aus Technologiefeindlichkeit, energiepolitischem Tunnelblick und moralischem Größenwahn in diese Situation gebracht.

Seit 2011 schalten wir sukzessive unsere Kernkraftwerke ab und wollen so bald wie möglich auch auf Kohlestrom verzichten. Wir träumen davon, mit Elektroautos und Wärmepumpen den Planeten zu retten und setzen wie kein anderes Land der Welt auf erneuerbare Energien. Wir schwärmen von Energie- und Mobilitätswenden, von »Green Deals« und »großen Transformationen« – und gleichzeitig haben wir Schwierigkeiten, einen simplen Flughafen zu bauen oder ein Mautsystem einzuführen.

In unserem Drang, die Welt retten zu wollen, haben wir fundamentale ökonomische und physikalische Grundprinzipen ersetzt durch Wunschdenken und Bauchgefühl. Allein die Tatsache, dass es noch keine Energiespeichersysteme in großem Maßstab gibt, ohne die eine Umstellung auf schwankenden Wind- und Sonnenstrom überhaupt erst möglich wird, zeigt, wie sehr sich dieses Land in die eigene Tasche lügt.

Neben meinen Bühnenshows halte ich viele Vorträge bei Unternehmen. Regelmäßig unterhalte ich mich dort mit Führungskräften und Ingenieuren. Im Maschinenraum dieses Landes herrschte schon lange vor der Ukrainekrise Verständnislosigkeit angesichts der realitätsfernen und wenig durchdachten Ideen, dieses Land in einen ökologischen Vorzeigestaat umzugestalten.

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»Das Netz ist der Speicher«, »Grundlast wird es in klassischem Sinne nicht mehr geben«, »die Sonne schickt uns keine Rechnung« – wenn Satire immer mehr zur Wirklichkeit wird, fällt es einem Satiriker immer schwerer, mit Satire zu punkten. Das war für mich der Grund, als Komiker ein ernstes Buch zu schreiben. Wie geht Deutschland mit seiner Zukunft um? Tun wir aus den richtigen Gründen das Falsche? Ich denke, diese Fragen sind aktueller denn je.

Denn immerhin wir sind Deutschen ja ein Volk von genialen Ingenieuren und Wissenschaftlern. Zahllose Innovationen made in Germany haben in den letzten hundert Jahren die Welt zum Besseren verändert. Doch mit einer diffusen Angst vor Neuem wird in diesem Land fast alles, was nicht direkt mit Wind- und Sonnenenergie, mit Biolandwirtschaft oder E-Mobilität zu tun hat, skeptisch beäugt, reglementiert oder gar verboten. Die Vorstellung, dass gerade aus unerwünschten Bereichen revolutionäre Lösungen entstehen könnten, wird von vorneherein ausgeschlossen.

Ein paar Beispiele: 2009 wurde der Anbau von gentechnisch verändertem Mais verboten, zwei Jahre später kam das Aus für die Stärkekartoffel Amflora. Viele deutsche Politiker sind stolz darauf, die Forschung an gentechnisch verändertem Saatgut so stark eingeschränkt zu haben, dass zahlreiche Forschungseinrichtungen geschlossen werden mussten. Und das, obwohl über 100 Nobelpreisträger schon vor Jahren in einem offenen Brief gentechnische Methoden als einen immens wichtigen Beitrag in der Entwicklung neuer Nutzpflanzen-Sorten sahen, die besser mit Hitze, Trockenheit und salzhaltigem Wasser klarkommen. Das Klima wandelt sich so rasant, dass klassische Zuchtverfahren nicht mehr mitkommen. Deshalb Gentechnik.

Putins Invasion sollte uns wachrütteln und als Appell dienen, hin zu mehr Pragmatismus

Auch die Kernenergie wird laut Weltklimarat IPCC als wichtiger Baustein gesehen, um die angestrebten Klimaziele zu erreichen. Obwohl die deutschen Anlagen zu den modernsten und sichersten weltweit gehörten, beschloss man dennoch aus dieser Technologie auszusteigen und vernichtete mit diesem Schritt auch die meisten Kernforschungsabteilungen an Universitäten und Forschungsinstituten. So erstickt man jedes Potenzial im Keim, klimaneutralen Strom durch neue, verbesserte Nukleartechnik zu produzieren.

Dazu entwickelten vor einiger Zeit Wissenschaftler am Berliner Institut für Festkörper-Kernphysik das Konzept des Dual Fluid Reaktors. Ein neuartiger Kernreaktor-Typ, der alle üblichen Bedenken gegen die Kernenergie entkräften würde. Kernschmelzen wären damit technisch nicht mehr möglich, da die atomare Kettenreaktion beim Überschreiten einer kritischen Temperatur automatisch stoppt. Der Reaktor könnte unseren bisherigen Atommüll als Brennstoff nutzen und würde dessen Strahlung nach der Verwendung so weit reduzieren, dass kein atomares Endlager mehr nötig wäre. Der Erntefaktor des Dual Fluid Reaktors läge bei fantastischen 800. Darunter versteht man das Verhältnis von gewonnener Energie zu dafür aufgewendeter (in Form von Forschung, Bau, Rückbau, Brennstoff und Unterhalt). Zum Vergleich: »Erneuerbare« haben einen Erntefaktor von gerade mal 4.

Doch all diese Argumente konnten die deutschen Bedenken vor Kernenergie nicht erschüttern. Deswegen ist die Dual Fluid Energy Inc. inzwischen ein kanadisches Unternehmen.

Die Erdgasgewinnung durch Fracking gilt in diesem Land ebenfalls als Hochrisikotechnologie und wird daher von der hiesigen Politik selbst nach dem Gasembargo noch nicht mal in Erwägung gezogen. Nach derzeitigen Schätzungen hat Deutschland Schiefergasvorkommen, die das Dreißigfache unseres Jahresverbrauches betragen. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe kam zu dem Ergebnis, dass beim Hydraulic Fracturing die eingesetzten Chemikalien durch die starke Verdünnung als Ganzes nicht mehr giftig sind. International wird derzeit sogar am sogenannten Clean Fracking geforscht, das zukünftig ganz auf solche Chemikalien verzichten soll.

Doch auch hier schütteln unsere Politiker nur müde mit dem Kopf und hoffen stattdessen auf Erdgasdeals mit Regimen, die Homosexuelle an Baukränen aufhängen und Frauen juristisch auf die Stufe von Haustieren stellen.

Es ist absurd. Einerseits sieht sich Deutschland bei grünen Technologien gerne in der Vorreiter- und Vorbildfunktion und gleichzeitig wird vieles, was die Welt ökologisch verbessern könnte, zu Tode reglementiert. Anstatt neue Technologien als Chancen zu begreifen, predigt man lieber den Verzicht und erlegt sich selbst Denkverbote auf. Fast scheint es, als wäre Deutschland von seinen Problemen so dermaßen fasziniert, dass man es viel zu schade findet, sie zu lösen.

Putins Invasion hätte uns eigentlich wachrütteln müssen und als Appell dienen sollen, hin zu mehr Pragmatismus und weg von zu viel Naivität. Doch danach sieht es leider nicht aus. Die Politik setzt auch weiterhin keine Rahmenbedingungen mit der ergebnisoffenen Haltung »Mal sehen, welche Technologie sich durchsetzt«, sondern sie behauptet: »Wir wissen im Vorhinein, welche Technologie am besten ist. Und nur die ziehen wir in Erwägung.« Doch genau damit berauben wir uns unserer Chancen.

So kann es nicht weitergehen. Als rational denkender, fortschrittsoptimistischer und technologieoffener Mensch ist es mir unerträglich, in welche Situation wir uns mit unserem ideologischen Starrsinn manövriert haben. Doch es gibt Chancen und Alternativen.

Kluge, umwälzende Ideen entstehen, indem wir unseren Blick erweitern und alle Technologiefelder betrachten. Um die großen ökologischen und ökonomischen Herausforderungen zu lösen, benötigen wir mehr Wettbewerb, mehr Denkfreiheit und deutlich weniger politisches Regelwerk.

So abgedroschen es klingen mag: Die wichtigste Ressource steckt in unseren Köpfen. Wenn wir nur Verzagtheit, Risikovermeidung und Verzicht propagieren und nicht auch Optimismus, Technologieoffenheit und Fortschrittsbegeisterung, geht die nächste gesellschaftliche und industrielle Revolution einfach an uns vorbei.

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