Visa für WM-Fans Das verrammelte Tor zur Welt

Tausende Fans aus aller Welt wollen zur WM nach Deutschland kommen. Aber wehe, sie brauchen ein Visum. Dann sinken ihre Chancen auf einen Stadionbesuch rapide. Denn die Anforderungen der deutschen Visa-Stellen sind hoch.

Von Fabian Grabowsky


Berlin - "Ecuadorianische Fans tun alles, um ihr Team bei der WM sehen zu können", sagt Charlie. "Aber alles hängt von der Botschaft ab."

Ecuadors Team: "La Tricolor" vor einem Freundschaftsspiel in Barcelona
REUTERS

Ecuadors Team: "La Tricolor" vor einem Freundschaftsspiel in Barcelona

Charlie ist 22, wohnt in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito und studiert Sozialwissenschaften an der katholischen Universität. Sein Lieblingsverein ist "Liga de Quito". Nur eine Mannschaft bedeutet ihm mehr: die ecuadorianische Nationalmannschaft, die wegen ihrer dreifarbigen Spielkleidung "La Tricolor" genannt wird.  "Seit meiner Geburt bin ich der größte Fan unserer Mannschaft", sagt Charlie.

"La Tricolor" ist in diesem Jahr zum zweiten Mal bei einer WM dabei. Und sie spielt mit Gastgeber Deutschland in einer Gruppe - am Freitagabend gegen Polen in Gelsenkirchen. Für Charlie wäre es das Größte gewesen, "La Tricolor" in Deutschland im Stadion zu sehen - genau wie für Tausende andere ecuadorianische Fans.

Aber zwischen ihnen und Deutschland liegt die Visastelle der deutschen Botschaft im zwölften Stock des Edificio Citiplaza in Quito. Ecuador ist eines der Länder, dessen Einwohner Visa beantragen müssen, wenn sie nach Deutschland wollen - genau wie die von zehn anderen der 32 WM-Ländern, von Angola, Togo, Ghana, Tunesien und Elfenbeinküste, Saudi-Arabien und Iran, Serbien-Montenegro und der Ukraine. Keine Ausnahmen für Fans, nirgends. Ungefähr 20.000 Anträge sind in diesen Ländern bis Ende Mai bereits gestellt worden. Vor einigen Tagen berichtete die "Tageszeitung" von Unmut unter ivorischen Ticketbesitzern, die kein Visum erhielten.  

Kein Großmut wegen der WM

Als WM-Gastgeber freue sich Deutschland "auf Fußballfans aus aller Welt", sagt ein Sprecher des Auswärtigen Amts SPIEGEL ONLINE. Und man habe "alle notwendigen Vorbereitungen getroffen", um den Gästen "ein zügiges und serviceorientiertes Visumverfahren" zu ermöglichen. Aber man müsse eben auch garantieren, dass die WM "nicht als Vorwand für Visa-Missbrauch" genutzt werde – hieran haben alle ein gemeinsames Interesse. Wichtig sei, dass die Auslandsvertretungen nicht daran zweifelten, dass Reisewillige in ihr Heimat Land auch wieder zurückreisten. Nur wegen der WM könne man nicht großzügiger sein, so der Sprecher.

13 deutsche Auslandsvertretungen bereiten sich speziell auf die WM vor, außer denen in den Teilnehmerländern auch die Botschaften in London und Bern, bei denen besonders viele Anträge von Drittstaatlern erwartet werden. Das Auswärtige Amt hat in diese Stationen Personal abgeordnet. In manchen gibt es Urlaubssperren. Und manche haben neue Visa-Schalter eingerichtet - oder gleich Container vor ihren Gebäuden aufgestellt, damit die Fans nicht im Freien warten müssen. Besonders groß ist der Andrang in der ukrainischen Hauptstadt Kiew - und in Quito.

Dort stehen die Fans schon früh am Morgen im Erdgeschoss des Edificio Citiplaza Schlange. "Normalerweise haben wir am Tag 20 Kunden", sagt Visastellen-Leiterin Andrea Koch zu SPIEGEL ONLINE. Im Moment seien es 150. Die werden in Zehner-Gruppen in den zwölften Stock gelassen. Normalerweise gibt es hier Visa nur vormittags von halb neun bis halb zwölf und nur, wenn man vorher einen Termin gemacht hat.

Zahl der Mitarbeiter verdoppelt

Wegen des Fan-Andrangs sei ein Mitarbeiter für sechs Wochen aus Berlin gekommen, eine Ecuadorianerin arbeite am Visaschalter. Damit hat sich die Zahl verdoppelt. Normalerweise arbeiteten sie hier zu zweit, sagt Koch.

Wer früh kommt, müsse nicht lange warten - "aber Südamerikaner kommen meistens auf den letzten Drücker", sagt Koch. "Und dann kann es schon mal drei bis vier Stunden dauern." Immerhin gehe die Bearbeitung schnell. Wer den weiten Weg von außerhalb Quitos kommt, bekomme sein Visum schon um 15 Uhr, wer aus Quito kommt in der folgenden Woche.

Die Stimmung unter den wartenden Fans sei gut, sagt Koch. "Die sind von anderen Botschaften viel längere Wartezeiten gewohnt." Nur eines mache den Fans Sorge – dass sich ihre Nationalmannschaft fürs Achtelfinale qualifiziert und sie keine Karten haben.

Hohe Hürden

Charlie hat andere Sorgen. "Die Anforderungen für ein Visum sind zu hoch. Viele konnten nicht fahren." Die ecuadorianischen Visa-Antragsteller müssen mindestens 3.000 US-Dollar auf ihrem Konto haben, sie müssen Flug- und Hoteltickets vorlegen, sie müssen bis zu 30.000 Euro krankenversichert sein.

Aber das größte Hindernis auf dem Weg von Ecuador nach Deutschland sind die Tickets. Nur wer ein Ticket hat, kann als WM-Tourist nach Deutschland. Im Beamtendeutsch des Auswärtigen Amts heißt das: Die Tickets können "als ein Mittel zur Glaubhaftmachung des Reisezwecks" berücksichtigt werden. Aber in Ecuador werden WM-Tickets nur im Paket verkauft: Drei Tickets für die Vorrundenspiele plus Deutschland-Tour. Kostenpunkt 7.500 Euro, ein dreifaches ecuadorianisches Durchschnitts-Jahreseinkommen und zu viel für einen ecuadorianischen Studenten, sagt Charlie - "also habe ich keine Tickets bekommen".

Aber Charlie durfte trotzdem nach Deutschland - seine Schwester ist mit einem Deutschen verheiratet, wohnt in Berlin und hat ihm einen Einladungsbrief geschrieben. Also wird er die Spiele irgendwo in Berlin gucken, bei seiner Schwester oder auf Großbild-Leinwänden. Für Charlie ist das die zweitbeste Lösung - aber immer noch eine sehr gute: "Wenn Ecuador spielt, werde ich vor Glück weinen."



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