Vize-Regierungssprecher Steg Wie Merkels Medienstar Steinmeier ins Kanzleramt flüstern soll

Noch gilt er als Vertrauter von Angela Merkel - doch nun soll Thomas Steg ihrem Herausforderer ins Kanzleramt verhelfen: Der stellvertretende Regierungssprecher wird als Chef-Kommunikator ins Lager von SPD-Spitzenkandidat Steinmeier wechseln. Eine brisante Personalie.

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Berlin - "Ah, noch hier", sagt der Sprecher des Bundesverteidigungsministerium, als Thomas Steg an diesem Morgen hinter ihm vorübergeht und sich in die Mitte des Podiums setzt. Noch ist das in der Bundespressekonferenz sein Platz als stellvertretender Regierungssprecher. Aber wie es aussieht, nicht mehr lange. Denn Steg wird in den kommenden Tagen als Chef-Kommunikator ins Lager von SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier wechseln.

Vize-Regierungssprecher Steg, Vize-Kanzler Steinmeier: Der Merkel-Vertraute soll es für die SPD richten
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Vize-Regierungssprecher Steg, Vize-Kanzler Steinmeier: Der Merkel-Vertraute soll es für die SPD richten

Auch von einigen Journalisten muss sich Thomas Steg im Verlauf der all-montäglichen Regierungspressekonferenz deshalb noch einige Frotzeleien anhören. Das klingt dann unter anderem so: "Wie sieht denn das die Kanzlerin beim Thema Atomausstieg - wenn Sie das überhaupt noch sagen können?" Steg lächelt das souverän weg.

Steg, 49, hat in seiner langen Karriere als Sprecher schon einiges weggelächelt.

Gute Sprecher können das, sie verlieren nie ihre Contenance. Und dass Steg einer der besten Sprecher dieser Republik ist, steht außer Frage. Unter den Hauptstadt-Journalisten genießt der promovierte Sozialwissenschaftler einen exzellenten Ruf. "Das war und ist ein glänzender Kollege, der Vertrauen sowohl bei den Journalisten als auch bei denjenigen genießt, für die er gearbeitet hat", sagt beispielsweise Ulrich Deppendorf, Leiter des ARD-Hauptstadtbüros. Selbst einstige Gegenspieler von Steg rühmen ihn, so wie Michael Spreng, 2002 oberster Kommunikator von Unions-Kandidat Edmund Stoiber. "Er ist einer der besten seiner Zunft", sagt Spreng über den SPD-Mann, "fast unübertroffen" nennt er dessen Fähigkeit, Politik zu vermitteln. "Steinmeier kann von Steg nur profitieren", sagt Spreng.

Auch die CDU-Kanzlerin Angela Merkel lernte ihren Vize-Sprecher so sehr schätzen, dass sie ihn jetzt nur sehr widerwillig hergeben will - obwohl Steg lange Jahre für ihren Vorgänger Gerhard Schröder arbeitete, seit 2002 ebenfalls als stellvertretender Regierungssprecher. Manche sagen, sie hätte ihn sogar Ulrich Wilhelm vorgezogen, Chef des Bundespresseamts und CSU-Mann.

Merkel weiß: Ihr Herausforderer Steinmeier wird mit Steg gefährlicher.

Schon vor einigen Tagen erfuhr die Kanzlerin, dass ihr Vize-Sprecher die Seiten wechseln will. "Verständnisvoll und angemessen wohltuend" habe Merkel darauf reagiert, sagt Steg, als er in der Regierungspressekonferenz schließlich direkt auf seine Zukunft angesprochen wird. Und dass noch einige "dienst- und arbeitsrechtliche Details" zu klären seien, wozu weiterhin "intensive Gespräche" geführt würden.

Abgesehen von der Frage, auf welcher Basis Steg für seinen neuen Chef arbeiten wird, ist wohl vor allem eines zu klären: Wer wird sein Nachfolger im Bundespresseamt? Zu hören ist, dass Merkel zwei Personalvorschläge der SPD vorliegen hat, denen sie bisher nicht zustimmen will: Einmal Rainer Lingenthal, aktueller Sprecher von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee, zuvor unter anderem für SPD-Innenminister Otto Schily zuständig. Der andere ist Jens Plötner, Sprecher von Steinmeier im Außenministerium.

So schafft es Merkel, den Abgang Stegs, den sie nicht verhindern kann, wenigstens zu verzögern. Denn wie bei Ministerposten muss auch die Stelle eines Vize-Regierungssprechers "im gegenseitigen Einvernehmen" der beiden Koalitionsparteien erfolgen.

Die SPD und ihr Spitzenkandidat wiederum können den neuen Wunder-Vermittler kaum erwarten. In der Telefonschaltung des SPD-Präsidiums am Montagmorgen wurde der Zugang bereits vermeldet, für Mitte Juli. "Es gab dazu keine Diskussion", sagt ein Teilnehmer.

Noch vor gut einem Jahr hätte man Steg wohl nicht einmal mehr in die Nähe des Willy-Brandt-Hauses gelassen. Denn damals hatte sich in der SPD der Eindruck verfestigt, Steg sei wegen seiner vorzüglichen Arbeit für Merkel ein Überläufer. Am meisten erhitzte man sich an einer Kommunikationspanne vor dem Besuch des Dalai Lama: Steg hatte vergangenen Mai angekündigt, SPD-Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul würde sich mit dem Chef der Exil-Tibeter treffen - obwohl Vize-Kanzler Steinmeier gegen jegliche offizielle Zusammenkunft mit dem Dalai Lama war. Steinmeier soll damals richtig sauer auf Steg gewesen sein.

Aber im Moment kann der SPD-Kanzlerkandidat eben wirklich jede Hilfe gebrauchen.

Zwar ist aus SPD-Kreisen zu hören, dass der Deal schon seit längerem geplant war, obwohl Steinmeier mit Ulrich Deupmann einen Top-Berater um sich hat und zuletzt sein PR-Team weiter verstärkt wurde. Aber in der heißen Phase des Wahlkampfes brauche man einen absoluten Sprecher-Profi wie Steg, der nicht die Nerven verliere und den Kandidaten optimal vermittle. Nur: Hätte man eine solche Person - alleine beim Blick auf die ohnehin schwachen SPD- und sinkenden Steinmeier-Werte - nicht schon längst gebraucht?

Trotz aller Fähigkeiten Stegs - PR-Profi Spreng schließt nicht aus, "dass es für Steinmeier vielleicht doch schon zu spät ist". Zu spät? Steg sagt: "Ich habe mir abgewöhnt, zu langfristig zu denken." Und lächelt.

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