Kommentar zu Türkei-Armenien Ein Völkermord ist ein Völkermord ist ein Völkermord

Im Streit mit der Türkei um den Genozid an den Armeniern sollte Deutschland eine klare Haltung zeigen - dabei jedoch Belehrungen dringend vermeiden.

Gedenken an den Völkermord: Die Sache beim Namen nennen
AFP

Gedenken an den Völkermord: Die Sache beim Namen nennen

Ein Kommentar von


Mit Völkermorden kennen sich die Deutschen bekanntlich aus. In diesem Jahr jährt sich zum 70. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Feiern dazu werden uns daran erinnern, mit welch grausiger Professionalität Millionen Deutsche Europa in ein Schlachthaus verwandelt haben.

Grundsätzlich gilt deshalb immer und für alle Zeit: Deutsche Politiker sollten sehr vorsichtig sein, wenn sie anderen Ländern erklären wollen, wie die bitte schön ihre Geschichte aufarbeiten sollten.

Das einmal vorweg gesagt. Wie ist es jetzt mit der Türkei? Das Osmanische Reich hat vor 100 Jahren einen grausigen Völkermord an den Armeniern verübt, wohl mehr als eine Million Menschen kamen dabei ums Leben. Bis heute ist die Türkei nicht bereit, dies anzuerkennen, sich mit dieser Geschichte wirklich ehrlich auseinanderzusetzen. Es gibt ein bisschen Bedauern, aber das war es auch schon.

Herumdrucksen hilft nicht weiter

Nun steht der Jahrestag an - und längst machen viele Druck: Die US-Politiker, Frankreich oder auch der Papst fordern von der Türkei eine offene Debatte ein. Das ist gut so. Deutschland hat sich in der Sache offiziell stets zurückgehalten, von Völkermord wurde von Seiten der Bundesregierung nie gesprochen, aus vielen Gründen: wegen der eigenen Geschichte, wegen realpolitischer Vorsicht und so weiter.

Ein Völkermord ist ein Völkermord ist ein Völkermord. Auch Deutschland wird nicht länger darum herum kommen, die Sache beim Namen zu nennen. Die Debatte, die in Berlin begonnen hat, muss geführt werden. Es geht darum, dass Regierung, Parlament und Präsident für die Werte eintreten, für die Deutschland heute steht: Menschrechte, Freiheit, Aussöhnung zwischen den Völkern. Ein Herumdrucksen bei der Aufarbeitung von Geschichte hilft da nicht weiter.

Deshalb gehört zu diesem Gedenktag auch die Erinnerung an deutsche Verantwortung. Das Osmanische Reich war zur Zeit des Völkermords mit Deutschland verbündet, und viele deutsche Stellen hatten von dem Genozid Kenntnis, ohne etwas dagegen zu unternehmen.

Natürlich würde eine Veränderung der deutschen Position viele Türken und ihren stolzen Präsidenten Erdogan empören, zumal jetzt. In der Türkei ist Wahlkampf, im Sommer wird gewählt. Da wird noch viel nationalistisches Getöse zu hören sein. Aber das geht vorbei. Deutschland ist als Partner zu wichtig für die Türkei, als dass sie wegen dieser Sache den Bruch riskieren würde.

Wie immer in den internationalen Beziehungen macht am Ende der Ton die Musik. Es geht um Ehrlichkeit, der Gestus des Oberlehrers wäre für die deutsche Politik falsch. Und: Niemand sollte der Versuchung erliegen, die Betonung der Verbrechen anderer Nationen zu Relativierung von deutscher Schuld einzusetzen. Denn die deutschen Verbrechen lassen sich nicht relativieren.

Vote
Genozid beim Namen nennen?

Wütend reagiert die türkische Regierung, wenn im Ausland von einem türkischen Völkermord an den Armeniern gesprochen wird. Die Bundesregierung hat mit Rücksicht auf die deutsch-türkischen Beziehungen eine klare Stellungnahme bisher vermieden. Sollte sich das ändern?

Völkermord an den Armeniern
Worum geht es?

Millionen Armenier sind während des Ersten Weltkriegs aus dem Osmanischen Reich geflohen oder vertrieben worden. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in dem Vorläuferstaat der heutigen Türkei etwa 2,5 Millionen Armenier. Die osmanische Regierung sah in der christlichen Minderheit innere Feinde und zweifelte im Weltkrieg an deren Loyalität im Kampf gegen das christliche Russland.

Daher begann 1915 die systematische Vertreibung und Vernichtung der Armenier. Nach unterschiedlichen Schätzungen kamen bei den Deportationen 1915/16 zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Viele Armenier wurden gezwungen, zum Islam überzutreten.

Wie werden die Taten international bewertet?

Die Regierung im Südkaukasusstaat Armenien sieht in den Massakern einen "Genozid". Am 24. April gedenkt die Ex-Sowjetrepublik der Gräueltaten, die vor 100 Jahren begannen.

1987 stufte auch das Europaparlament die Tragödie als "Völkermord" ein und forderte die Regierung in Ankara auf, dies ebenfalls anzuerkennen. Zahlreiche Regierungen folgten. Am 12. April 2015 bezeichnete Papst Franziskus die Morde ebenfalls als Genozid.

Wie verhält sich die Türkei?
Die Türkei, wo nur noch eine armenische Minderheit lebt, bestreitet einen Völkermord vehement. Die fast hundert Jahre zurückliegenden "tragischen Ereignisse" seien etwas für Historiker, heißt es in der Türkei. Die Armenier hätten sich ihrerseits in einem Bürgerkrieg erhoben - und das Osmanische Reich habe nur reagiert. Die hohen Todeszahlen seien durch die Wirren des Krieges, Hunger und Witterung zu erklären, so eine verbreitete Darstellung.

insgesamt 91 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
slartibartfas42 16.04.2015
1. Ehrlichkeit ind Ehre
eine Staat kann nur dann über leben wenn er auch, zusammen mit der Bevölkerung, seine Vergangenheit auf arbeitet, ein zögern, der Ehre wegen, ein leugnen, führt immer zum untergang.
huggiii 16.04.2015
2. Titel
... es geht überhaupt nicht darum der Türkei Belehrungen zu erteilen, es geht darum, der Türkei - als Nachfolger des Osmanischen Reiches - klar zu sagen, dass man Verbrechen die per Definition als Genozid bezeichnet werden auch so zu benennen. Wenn Herr Erdogan sagt, dass die Aussage des EU Parlamentes hierzu in seinem einen Ohr hineingeht und genauso aus dem anderen Ohr herauskommt, so lässt das allerdings auch Rückschlüsse darauf zu was er zwischen seinen Ohren hat.
Heigoto 16.04.2015
3. Zustimmung
Dem Artikel kann man uneingeschränkt zustimmen: Völkermord muss beim Namen genannt werden, den Holocaust dürfen wir ja auch nicht verschweigen. Die Haltung der türkischen Regierung, insbesondere ihres Präsidenten Erdogan ist in ihrer Form nicht akzeptabel.
recepcik 16.04.2015
4. Es ist Völkermord
Wenn über 1,5 Millionen Menschen systematisch umgebracht werden dann muss man vom Völkermord reden. Man muss die Dinge beim Namen nennen und auch keine Rücksicht auf irgendwelche Lobbies nehmen. Gerade Deutschland hat gezeigt wie Geschichte aufgearbeitet wird und auch Wiedergutmachung geht.
Consanesco 16.04.2015
5. Ein paar Worte dazu...
Ein ausgewogener Kommentar. Mit einer Aufarbeitung des Völkermordes an den Armeniern würden Erdogan & Co. Anstand, Größe und Reife zeigen. Die Wahrheit darf speziell in einem so gewichtigen Fall nicht hinter Eigeninteressen - z.B. in Gestalt des Wahlkampfes - stehen. Warum aber wird gebetsmühlenartig bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hingewiesen, dass wir Deutschen uns aufgrund unserer Geschichte mit Kommentaren zurückhalten sollten? Weder meine Generation noch ich sind für die Fehler und Verbrechen der Vergangenheit verantwortlich. Vielleicht sollte man endlich zu einer Art Umgang damit finden, der selbige Vergangenheit nicht vergisst, ihr gedenkt und sie in Erinnerung ruft. Aber ohne dabei Menschen eine Art Hypothek aufzubürden, die selbst nicht Verursacher dieser Grausamkeiten gewesen sind. Jeder Tag ist ein neuer Beginn.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.