Völkermord an Armeniern Türkischer Premier warnt vor "Sprache des Hasses"

Die Massaker an den Armeniern beschäftigen die Türken weiter. Nun hat sich Premier Davutoglu an das Ausland gewandt: Man dürfe die Ereignisse nicht auf einen Begriff reduzieren - und meint damit Völkermord.

Türkischer Ministerpräsident Davutoglu (Archivfoto): "Historische und menschliche Pflicht"
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Türkischer Ministerpräsident Davutoglu (Archivfoto): "Historische und menschliche Pflicht"

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Es ist ein Thema, das seit Tagen für Diskussionen in Deutschland und in der Türkei sorgt: Wie soll der Ermordung der Armenier vor 100 Jahren im Osmanischen Reich angemessen gedacht werden? Die Koalitionsfraktionen von Union und SPD rangen sich in dieser Woche zu einem Antrag durch, in dem in einem Satz das Wort "Völkermord" auftaucht, wenn auch in eher verklausulierter Form.

Der Begriff wird von der Bundesregierung bislang aus Rücksicht gegenüber der Regierung in Ankara vermieden. Am Freitag wird das Papier im Bundestag beraten, am Donnerstagabend werden bei einer Gedenkveranstaltung der Kirchen im Berliner Dom auch deutliche Worte von Bundespräsident Joachim Gauck erwartet.

Nun schaltet sich auch die türkische Botschaft in Deutschland ein - und versandte am Mittwochmorgen auf Deutsch eine zwei Seiten umfassende Erklärung des türkischen Ministerpräsidenten, Ahmet Davutoglu, die auch an SPIEGEL ONLINE ging.

Im Tenor ist das Dokument - gemessen an Reaktionen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan - zurückhaltend. Seitdem die islamisch-konservative AKP regiert, der Davutoglu und Erdogan angehören, kann der massenhafte Tod der Armeniern in der Türkei offener als noch in der Vergangenheit diskutiert werden. Allerdings lehnt auch die AKP-Führung die Bezeichnung "Völkermord" bislang strikt ab und fügt sich damit in die Tradition bisheriger türkischer Regierungen.

Die armenische Seite geht von bis zu 1,5 Millionen Menschen aus, die von 1915 an gezielt vom Osmanischen Reich vernichtet wurden. Die Türkei dagegen sieht im Tod von Hunderttausenden das Ergebnis von Hungersnöten und Kämpfen.

"Als Nachkomme von Völkern unterschiedlicher ethnischer und religiöser Zugehörigkeit, die unter den Bedingungen des Ersten Weltkrieges Leid erfahren hatten, gedenkt die Türkei der unschuldigen osmanischen Armenier, die ihr Leben ließen, mit Respekt", schreibt Davutoglu. Man spreche ihren Nachkommen das Mitgefühl aus. "Es ist eine historische und menschliche Pflicht der Türkei, für die Erinnerung der osmanischen Armenier und das armenische kulturelle Erbe einzutreten", heißt es dort weiter.

In seiner Erklärung geht der türkische Ministerpräsident indirekt auch auf die Debatte in Deutschland und in anderen westeuropäischen Ländern ein. "Die Ereignisse auf ein einziges Wort zu reduzieren und somit durch Verallgemeinerungen die Verantwortung nur dem türkischen Volk zuzuschreiben und dies sogar mit einer Sprache des Hasses zu verbinden, stellt jedoch sowohl in moralischer als auch in juristischer Hinsicht ein Problem dar", erklärte Davutoglu. Die Türkei appelliere daher "an alle dritten Parteien, eine Haltung einzunehmen, die auf einer fairen Perspektive des Gedenkens und einer gemeinsamen Zukunft in Frieden gründet, anstatt historische Wunden zu vertiefen".

US-Regierung Obamas vermeidet Völkermord-Begriff

Der türkische Ministerpräsident verteidigte sich auch indirekt gegen Vorwürfe, sein Land sei nicht wirklich an einer Aufarbeitung der Ereignisse vor 100 Jahren interessiert. "Die Türkei ermöglicht ein Umfeld, in dem alle Meinungen frei geäußert und offen diskutiert sowie jegliche Dokumente und Quellen erforscht werden können", so der Premier. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, "dass das gegenseitige Aufzwingen von Erinnerungen, die sich entgegenstehen, zu keinem Ergebnis führt".

Wie heikel das Thema ist, zeigte sich jetzt auch erneut in den USA. Zwar hatte sich Präsident Barack Obama, als er noch US-Senator in der Opposition war, für die Anerkennung des Massakers als "Genozid" ausgesprochen, davon aber nach seinem Einzug ins Weiße Haus abgelassen. Die Haltung behält seine Administration bei: Bei einer Diskussionsveranstaltung mit armenischstämmigen US-Bürgern am Dienstagabend im Weißen Haus in Washington verwendeten nun weder der Stabschef des Weißen Hauses, Denis McDonough, noch der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater Ben Rhodes den umstrittenen Begriff.


Zusammengefasst: Der türkische Ministerpräsident hat der armenischen Toten, die vor 100 Jahren im Osmanischen Reich umkamen, in einer Erklärung gedacht. Allerdings verwahrte er sich indirekt gegen den Gebrauch des Begriffs vom Völkermord. Die Ereignisse könnten nicht auf ein Wort reduziert werden, erklärte Ahmet Davutoglu.

Mit Material von dpa

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