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01. Juni 2016, 08:55 Uhr

Armenien-Resolution

Wütend gegen die Wahrheit

Ein Kommentar von

Der Bundestag will die Verbrechen an den Armeniern als Völkermord einstufen. Kritik kommt aus der Türkei und von Fans der Regierungspartei AKP in Deutschland - in einem unerträglichen Ton.

Wenn Hunderttausende Menschen systematisch vertrieben und umgebracht werden, wenn Mitglieder einer Bevölkerungsgruppe gezielt festgenommen und in Internierungslager gesteckt werden, wie will man das anders nennen als Völkermord? Eine Mehrheit von Historikern weltweit ist sich darüber einig, dass das, was in den Jahren ab 1915 in der Türkei geschah, ein Genozid an Armeniern und anderen christlichen Minderheiten war. Schätzungsweise bis zu 1,5 Millionen Menschen starben.

Die Türkei, Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches, sieht das anders. Das ist ihr gutes Recht. Sie verweist auf einige Historiker, die ihre Sicht stützen: nämlich, dass es bedauerlicherweise Gewalttaten gab - denn die lassen sich nun wirklich nicht leugnen -, dass aber Krieg herrschte, es auf armenischer Seite bei Weitem nicht so viele Opfer gab wie von der Mehrzahl der Geschichtsforscher behauptet, und dass führende Armenier Kollaborateure des feindlichen Russlands waren, Verräter und Spione.

Diese Sicht widerspricht zwar den mehrheitlich anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Türkei weigert sich aber trotzdem, ihre Position zu ändern. Doch anstatt die Diskussion zu suchen, die sachlich geführte Auseinandersetzung, werden alle, die das Wort Völkermord benutzen, mit Drohungen und Beschimpfungen traktiert. Wer von Völkermord rede, sei ein "Feind der Türkei", heißt es in den moderateren Beiträgen.

Ausgerechnet diejenigen, die aus verletztem Stolz, falsch verstandenem Patriotismus und ohne genau hinzuschauen behaupten, die Türkei führe keinen Krieg gegen Teile der kurdischen Bevölkerung, sondern bekämpfe lediglich die PKK (dabei legten türkische Sicherheitskräfte ganze Straßenzüge in mehreren Städten im Südosten des Landes in Schutt und Asche), die klagen, "Feinde der Türkei" würden Istanbul zurückerobern und die Türkei "spalten" wollen, ausgerechnet diejenigen also, die nicht einmal die Gegenwart sachlich zu beurteilen vermögen, maßen sich an, ein Ereignis bewerten zu können, das vor mehr als einem Jahrhundert stattfand? Indem sie Menschen anderer Meinung als "Armenierschweine" und "Speichellecker der Islamfeinde" beschimpfen und teilweise nicht einmal vor Morddrohungen zurückschrecken?

Es geht nicht darum, der heutigen Türkei eine Schuld zuzuschreiben. Die Bundestagsabgeordneten wollen eine deutsche Mitschuld an den damaligen Gräueltaten anerkennen. Das ist ein Zeichen von Größe, nicht von Schwäche. Denn tatsächlich hatten deutsche Politiker, Diplomaten und Offiziere die Deportationen damals billigend in Kauf genommen, sogar gutgeheißen, politisch abgesichert und damit mitverantwortet. Das Osmanische Reich war eben ein zu wichtiger Partner im Ersten Weltkrieg, als dass man sich gegen es hätte stellen wollen.

Wenn es für Deutschland eine Lehre aus den damaligen Ereignissen gibt, dann die, dass man bei Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen nicht schweigen darf, selbst wenn sie ein verbündeter Staat begeht. Die Kritik, man könnte auch ruhig der Opfer anderer Gräueltaten gedenken, ist durchaus berechtigt. Aber hier geht es auch um die "unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches", wie es in dem Resolutionsentwurf heißt, um deutsche Mitschuld. Hier ist Gedenken umso dringender geboten.

Die Bundesrepublik hätte schon im vergangenen Jahr, zum hundertsten Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern, eine Resolution verabschieden sollen. Das wurde in letzter Minute, aus Rücksichtnahme auf die Türkei, abgesagt.

Drohungen und Beschimpfungen dürfen die Abgeordneten nicht abhalten: Es ist an der Zeit, das Versäumte nachzuholen.

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