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18. Februar 2006, 18:11 Uhr

Vogelgrippe

Hunderte Vögel verendet, Bundeswehr schickt Experten

Die Bundeswehr hat einen Vorabtrupp nach Rügen entsandt, um die Einsatzmöglichkeiten von ABC-Abwehrkräften zu erkunden. Inzwischen wird das Ausmaß der Geflügelseuche immer größer: Bei einem Hubschrauberflug entdecken ZDF-Reporter Hunderte tote Tiere.

Berlin - Das vier- bis fünfköpfige Erkundungsteam gehört dem ABC-Abwehr- Bataillon 805 im brandenburgischen Prenzlau an. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin sagte, am Sonntag werde nach einem Lagebericht entschieden, in welchem Umfang die Bundeswehr zum Einsatz komme. Die ABC-Kräfte der Bundeswehr seien unter anderem auf die Dekontamination und die Desinfektion von Fahrzeugen und Personal spezialisiert.

Helfer bergen einen toten Schwan: Hunderte Vögel verendet
AP

Helfer bergen einen toten Schwan: Hunderte Vögel verendet

Rügens Landrätin Kerstin Kassner (Linkspartei.PDS) erklärte, das Verteidigungsministerium habe sie informiert, dass es auf Grund des Amtshilfeersuchens des Landes Einsatzkräfte nach Rügen schicken werde. "Wir haben die Hilfe angenommen", sagte sie.

Nach Angaben des ZDF entdeckten Reporter bei einem Hubschrauberrundflug Hunderte tote Vögel an der Südspitze der Halbinsel Bug, zwischen Rügen und der Halbinsel Ummanz sowie einige hundert Meter entfernt von der Insel Riems, dem Sitz des Bundesforschungsinstitutes für Tiergesundheit.

Das Auftreten der Medien auf Rügen wird unterdessen zunehmend zu einem Problem. Bundesagrarminister Horst Seehofer (CSU) sagte, Hubschrauberflüge über die Insel Rügen sollten in Zukunft unterbleiben. Der Präsident der Bundesforschungsinstitutes auf Riems, Thomas Mettenleiter, habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die Überflüge Vögel aufscheuchen und vertreiben könnten. Infizierte Vögel könnten so das Virus in Regionen bringen, die bislang noch frei von Vogelgrippe sind.

Auf Kritik war bei Mettenleiter zuvor bereits die Praxis mancher lokalen Behörden gestoßen, die Medienvertretern dabei geholfen hatten, unmittelbar nach den Aufnahmen von toten und mutmaßlich infizierten Schwänen in Ställe zu gelangen und so möglicherweise der Verbreitung der Vogelgrippe Vorschub leisteten.

Zahl infizierter Vögel steigt

Derweil werden immer neue Fälle von Vogelgrippe auf Rügen gemeldet. Bei weiteren 28 Vögeln sei von Experten der auch für den Menschen gefährliche Virus H5N1 festgestellt worden, teilte der Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, heute in Schwerin mit. Die Zahl der Vogelgrippe-Fälle auf Rügen stieg damit von 13 auf 41. "Wir haben es mit einer ernsten, ja sehr ernsten Situation zu tun", sagte Backhaus.

Seehofer sagte, wegen der neuen Vogelgrippe-Fälle an unterschiedlichen Fundorten auf Rügen sei die gesamte Insel zur Schutz- und Beobachtungszone erklärt worden. Betroffen sind nach Angaben einer Sprecherin des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit unterschiedliche Wildvogelarten - neben Höcker- und Singschwänen auch Gänse, Möwen und Enten.

Besonders betroffen mache ihn, dass der Fundort der infizierten Vögel nicht auf den Bereich der Wittower Fähre beschränkt sei, sagte Backhaus. Dort waren die ersten zwei infizierten Schwäne gefunden worden.

Seehofer und Backhaus hatten in den vergangenen Tagen das Krisenmanagement des Landkreises kritisiert. So hatten sie bemängelt, die Absperrungen der Fundorte seien nicht schnell und konsequent genug durchgesetzt worden und das Aufsammeln der toten Tiere habe zu lange gedauert. Seehofer forderte erneut, die Fundorte abzuriegeln. Es sei jetzt entscheidend, ein Übergreifen der Seuche auf Geflügelbestände zu vermeiden, für die seit Freitag in ganz Deutschland eine Stallpflicht gilt. Landrätin Kassner räumte Fehler ein. Der Landkreis sei von der Seuche überrascht worden. Anfangs hätten nicht genügend Schutzanzüge und zur Bergung der Tiere ausgebildete Menschen zur Verfügung gestanden. Der Landkreis habe die Lage aber jetzt im Griff. Seehofer bekräftigte, wegen der Pannen sei aus seiner Sicht eine Diskussion über die Verteilung der Zuständigkeiten zur Seuchenbekämpfung notwendig. Momentan gehe es aber zuerst darum, die Bevölkerung zu schützen.

Laut "Bild am Sonntag" hatte Seehofer seinen Ministerkollegen Jung um Amtshilfe durch Seuchenspezialisten der Bundeswehr gebeten. Verteidigungsminister Jung sagte dem Blatt: "Ich stelle auf Anfrage natürlich auch weitere Spezialkräfte für die Bekämpfung der Vogelgrippe zur Verfügung." Für die Bundeswehr stehe der Schutz der Bevölkerung an oberster Stelle. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt forderte eine Zusammenkunft ihrer Länderkollegen, um über den Stand der Bevorratung mit antiviralen Medikamenten wie etwa Tamiflu zu beraten.

sev/reuters/ap/dpa

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