Vogelgrippe Seehofer will Bundeswehr-Einsatz auf Rügen

Die Bundeswehr soll die überforderten Mecklenburger Behörden im Kampf gegen die Vogelgrippe unterstützen. Verbraucherschutzminister Seehofer zeigte sich empört über das schlechte Krisenmanagement. Eine Gefahr könnte auch von Journalisten ausgehen, die verseuchte Zonen betraten.


Berlin - Vergangenen Donnerstag erst hatte Till Backhaus, Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, in der Aussprache des Bundestags Hohn und Spott über die Art und Weise der Seuchenbekämpfung auf Rügen über sich ergehen lassen müssen. Vor allem FDP-Chef Guido Westerwelle lästerte: Weil es die Kreisverwaltung der Insel nicht fertig gebracht habe, die Schwanenkadaver zumindest aus dem Schwenkbereich der TV-Kameras zu entfernen, habe der Agrarminister einen "Führungsstab" gebildet.

Minister Seehofer auf Rügen: Scharfe Worte für mangelhaftes Krisenmanagement
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Minister Seehofer auf Rügen: Scharfe Worte für mangelhaftes Krisenmanagement

Gegen solche Attacken hatte sich der SPD-Politiker im Parlament noch tapfer gewehrt, doch schon am selben Abend musste Backhaus einräumen, dass die Behörden vor Ort bei der Bekämpfung der ersten Vogelgrippe-Fälle versagt hatten. Der Landkreis hätte den Katastrophenalarm auslösen müssen, klagte der Minister. Seit Freitag nun wird die Bekämpfung der Vogelgrippe nicht mehr von Rügen, sondern von Schwerin aus gelenkt - doch offenbar mit nur mäßigem Erfolg.

Denn was bereits am Donnerstag nicht nur von Westerwelle, sondern auch von anderen Abgeordneten im Bundestag kritisiert worden war - das Bürger und Journalisten auch weiterhin in die Zonen gelangen konnten, in denen die mit dem Virus verseuchten Vögel aufgefunden worden waren, - das scheint sich zwei Tage später noch nicht grundlegend geändert zu haben.

Davon konnte sich auch Bundeslandwirtschafts- und Verbraucherschutzminister Horst Seehofer heute bei einer Stippvisite überzeugen. Der CSU-Politiker reagierte denn auch verärgert, was er mit eigenen Augen auf Rügen sah und kritisierte die lokalen Behörden scharf. Obgleich das Gebiet um Wittow, wo die mit dem hochansteckenden H5N1-Virus verseuchten toten Tiere gefunden worden waren, als Sperrzone ausgewiesen sei, könnten nach wie vor Personen und Autoverkehr ungehindert passieren.

"Die vordringlichste Aufgabe besteht jetzt darin, die Vogelgrippe der Wildvögel nicht auf Nutztierbestände überspringen zu lassen", forderte Seehofer. Deshalb müsse Menschen, die sich an den Fundorten aufgehalten hätten, der Zutritt zu Geflügelbetrieben verboten werden. Besucher des Fundortes müssten sich zudem die Schuhsohlen an desinfizierenden Matten abstreifen; es genüge nicht, dass Autos über die Matten rollten, aber deren Insassen nicht desinfiziert würden.

Spezialisten der Bundeswehr

Seehofer verlangte die totale Absperrung der betroffenen Gebiete. Nach einem Bericht der "Bild am Sonntag" hat Seehofer unterdessen die Hilfe der Bundeswehr verlangt. Seuchenspezialisten der Truppe sollen demnach vor Ort den Behörden helfen. Die Bundeswehr verfüge über rund 30 solcher Spezialisten, die eigens für Hygiene und Seuchenbekämpfung eingestellt wurden, schreibt das Blatt. Im Katastrophenfall könnte auch die Sanitätstruppe der Bundeswehr sowie die ABC-Abwehr-Einheiten helfen. Die ABC-Einheiten verfügten über die Fähigkeit zum Aufspüren von Erregern sowie zur Entseuchung von Schutzanzügen und Fahrzeugen.

Ein Einsatz der Bundeswehr in einem solchen Fall ist grundrechtlich abgesichert. Nach Artikel 35 der Verfassung kann ein Land vom Bund Soldaten in Fällen von Naturkatastrophen und besonders schweren Unglücksfällen anfordern. Verteidigungsminister Franz-Josef Jung ist dazu bereit. Laut "Bild am Sonntag" erklärte er: "Ich stelle auf Anfrage natürlich auch weitere Spezialkräfte für die Bekämpfung der Vogelgrippe zur Verfügung." Für die Bundeswehr stehe der Schutz der Bevölkerung an oberster Stelle, so der CDU-Politiker.

Beim Besuch Seehofers vor Ort wurde auch von Medienvertretern heftige Kritik an der örtlichen Landrätin Kerstin Kassner (Linke.PDS) geübt. Sie lehnt das Ausrufen des Katastrophenfalls weiterhin ab. Viel zu spät seien die verendeten Schwäne geborgen worden, wetterten Pressevertreter. Sicherheitsmaßnahmen rund um den Seuchenherd habe es lange Zeit nicht gegeben und seien auch jetzt noch kaum wahrzunehmen.

Eine weitere Sorge: Möglicherweise haben Medienvertreter den Erreger weiter verbreitet. Mitte der Woche hatten sich mehrere Kamerateams und Fotografen gleich nach den Aufnahmen der toten Schwäne Zutritt zu den eingestallten Gänsen umliegender Landwirte verschafft. So erklärte denn auch der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, Thomas Mettenleiter:
"Das größte Risiko geht aber derzeit von Journalisten aus, die in die Ställe gehen".

Auch in ihrer Öffentlichkeitspolitik stehen die Behörden in Mecklenburg-Vorpommern in der Kritik. Pressetermine seien teilweise sogar behördlich genehmigt gewesen, das sei unverantwortlich, sagt Mettenleiter. "Die Kadaver könnten gigantische Virenlasten in sich tragen." Allein über Kleidung, Schuhwerk oder Technikausrüstung könnten die Viren kinderleicht in die Ställe übertragen werden. Die Einsatzkräfte seien sogar aufgefordert worden, die Säcke mit den verpackten Tierkadavern für einen Kameraschwenk nochmals zu öffnen, empört sich Mettenleiter. Mit den gleichen Kameras seien kurz darauf die tierärztlichen Kontrollen in den Ställen gedreht worden, wie Fernsehbilder belegten.

Bislang sind auf der Insel 13 Fälle nachgewiesen worden. Bundesweit könnte die Zahl in den kommenden Tagen weiter steigen, zumal immer neue verendete Tiere nunmehr untersucht werden. Rund 650 tote Vögel - vor allem von der Insel Rügen - müssten untersucht werden, erklärte Mettenleiter. Noch einmal verwies er eindringlich auf die hohe Infektionsgefahr. In Hühneranlagen würde der H5N1-Virus zu explosionsartigen Ausbrüchen führen. Um die Fälle schnell abzuklären, leiste man den Landeslaboren so weit als möglich Hilfe.

sev/ap/reuters/ddp



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