Bouffier im hessischen Wahlkampf "Ich labere nicht wie alle andern"

Eigentlich müsste die hessische CDU Alarm schlagen. Vier Wochen vor der Landtagswahl liegt sie in Umfragen zehn Prozentpunkte unter dem Ergebnis von 2013. Doch Ministerpräsident Bouffier setzt stur auf ein Weiter-so.

Volker Bouffier
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Volker Bouffier

Aus Oberaula berichtet


Im Bus herrscht kurzzeitig Verwirrung: Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier hat gerade eine Wahlkampfveranstaltung in Kassel beendet. Die Reise soll weitergehen. Der 66-Jährige hatte sich nur noch schnell einen Zigarillo angesteckt. Doch wo ist Bouffier nun?

"Ist der Ministerpräsident an Bord?", fragt eine CDU-Sprecherin etwas aufgeregt und schaut durch die Reihen. Niemand reagiert. Aus dem hinteren Bereich des Busses ist ein tiefes Grummeln zu hören. "Ah, zumindest höre ich ihn", sagt die Sprecherin erleichtert.

Wenn Volker Bouffier mit seiner sonoren Stimme im ruhigen Tempo die Wendungen der Politik erklärt, kann beim Zuhörer schnell eine beruhigende bis sedierende Wirkung einsetzen - wie bei einem Hörbuch, das manch einer als Einschlafhilfe nutzt.

Es ist auch der Ton des Wahlkampfs, den Bouffier vier Wochen vor der Wahl in Hessen setzen will. Seine Botschaft macht der Ministerpräsident bei jedem Stopp dieser zweitägigen Werbetour durch das Bundesland deutlich: Hier in Hessen ist die Welt noch in Ordnung. Und Berlin, wo die Große Koalition von einer Krise in die nächste taumelt, liegt weit weg.

Doch damit macht es sich Bouffier zu einfach. In den Umfragen ist die hessische Welt für die CDU alles andere als in Ordnung. Laut SPON-Wahltrend verlören die Konservativen im Vergleich zur Wahl vor fünf Jahren zehn Prozentpunkte, rutschten unter 30 Prozent. Andere Umfragen bestätigen diesen Trend. Ein Weiter-so mit dem grünen Koalitionspartner wäre derzeit rechnerisch nicht möglich.

"Ihr kennt mich"

Das weiß auch Bouffier, dennoch setzt er im Wahlkampf auf Bewährtes.

"Ihr kennt mich", sagt der CDU-Spitzenkandidat und schaut in die Gesichter des gut gefüllten Saals in der nordhessischen Gemeinde Oberaula. Kurz zuvor ist er zum Survivor-Song "Burning heart" durch die Stuhlreihen zum Podium geschritten. Gemeinsam mit seiner Frau, die ihn im Wahlkampf unterstützt. Der Song aus einem Rocky-Film erinnert unweigerlich an die Einlaufmusik eines Boxers vor dem Kampf. Die Zuschauer sind vor allem CDU-Sympathisanten. Ein dankbares Publikum, ein Heimspiel.

"Ihr kennt mich." Es ist eigentlich nur ein Nebensatz, ein kleines Fragment seiner Rede. Bouffier will damit seine Verlässlichkeit als Landesvater betonen, für Vertrauen werben. Nach dem Motto: Ich habe euch nie enttäuscht. Oder wie es Bouffier sagt: "Ich labere nicht wie alle anderen."

Doch der Satz ist vorbelastet.

CDU-Chefin Angela Merkel setzte ihn ein, nur mit etwas mehr Distanz. "Sie kennen mich." Was im Wahlkampf 2013 noch einigermaßen funktionierte, nutzte sich danach ab. Merkel verwendete 2017 zwar andere Slogans, doch die Linie blieb dieselbe. Vielfach wurde sie dafür kritisiert: Ideenlos, konzeptlos, visionslos, so lauteten die Vorwürfe. Die Weiter- so-Politik kostete die Partei bei der vorigen Bundestagswahl mehr als acht Prozentpunkte.

Kampf gegen das Moll

Merkel und Bouffier kennen sich gut. Seit 2010 ist der Hesse ihr Stellvertreter im Bundesvorstand. So lange ist er auch schon Ministerpräsident des Landes. In Gesprächen über die Kanzlerin sagt er "Angela" und betont besonders "e". Nun läuft er, ein Jahr nach dem verkorksten Wahlkampf der Kanzlerin Gefahr, die Fehler der CDU-Chefin zu wiederholen.

Merkel und Bouffier
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Merkel und Bouffier

Egal, ob in Oberaula, oder zuvor bei Wahlkampfterminen in Kassel oder Bad Zwesten: Nirgends zeichnet Bouffier eine Vision für die kommenden fünf Jahre im Land. Stattdessen fallen weitere Merkel-Sätze: "Hessen ist stark. Und das soll auch so bleiben." Applaus.

Keine Frage: Bouffier, der in Gießen aufwuchs, Jura studierte und als Politiker Karriere machte, beherrscht die Rolle des Landesvaters und Wahlkämpfers. Er kann auf Menschen zugehen, findet schnell ein Gesprächsthema. Häufig beginnt er mit einer kleinen Aufforderung: "Sie müssen mir mal einen Tipp geben", und schon ist man im Gespräch.

Es ist eine Fähigkeit, die er besser beherrscht als sein sozialdemokratischer Widersacher Thorsten Schäfer-Gümbel. Ein Schulterklopfer hier, ein Schulterklopfer da. Bouffier sucht die Nähe. Oder wie die Hessen sagen würden: "Nah bei die Leut'".

Volker Bouffier auf Wahlkampftour in Kassel
SPIEGEL ONLINE

Volker Bouffier auf Wahlkampftour in Kassel

Ganz abgesehen von einem gewissen Promifaktor, den er durch seine Jahre in der Landes- und Bundespolitik genießt. Menschen erkennen "Bouffi" auf der Straße. 1999 zog er als Innenminister ins Kabinett von Roland Koch ein und beerbte ihn elf Jahre später als Ministerpräsident.

Doch alle Bekanntheit und Verdienste nützen wenig, wenn die Ergebnisse am Wahlabend des 28. Oktober nicht stimmen - und danach sieht es derzeit eben aus.

"Wir zahlen für die Probleme der Union in Hessen einen Preis"

Der CDU-Spitzenkandidat sitzt in seinem Wahlkampfbus in der letzten Reihe, lässt sich einen Kaffee bringen, bricht sich ein Stück dunkle Schokolade ab. Noch sei genug Zeit, sagt er. Die Wähler würden sich erst langsam mit der Landtagswahl beschäftigen. Die Bürger sagten zwar, sie würden nach landespolitischen Aspekten wählen, doch häufig bringe dann doch die Berliner Politik zumindest einen gewissen Ausschlag bei der Wahlentscheidung. "Wir zahlen für die Probleme der Union in Hessen einen Preis."

Volker Bouffier mit seiner Frau Ursula
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Volker Bouffier mit seiner Frau Ursula

Erst die langwierige Regierungsbildung, die krisengeschüttelte SPD, die immer wieder mit dem Gedanken spiele, aus der Koalition auszuscheiden. Dann die Streitigkeiten zwischen Innenminister Horst Seehofer und Merkel in der Migrationsfrage, die Causa Maaßen und nun der abgewählte langjährige Fraktionschef Volker Kauder. "Ich kann jeden Bürger verstehen, der mich fragt, was ist da los bei euch in Berlin", sagt er. Von einer Vertrauenskrise der Kanzlerin will er aber nichts wissen.

Und davon abgesehen: Berlin sei eben Berlin und nicht Hessen. "Wir lösen die Dinge hier anders", sagt Bouffier. Kein Getwittere aus Sitzungen, keine Politiker, die "was werden wollen", und ständig vor die Kameras rennen, um politische Zwischenstände zu verkünden. So funktioniere es nicht.

Kuschel-Koalition

Tatsächlich hat sich das Bündnis aus CDU und Grünen durch die vergangenen fünf Jahre gekuschelt. Wo sich beide Parteien früher bis aufs Messer bekämpften, herrscht nun zumindest nach außen in vielen Dingen Einigkeit. Probleme werden intern geklärt. Einige sagen, die Grünen seien grau geworden. Geräuschloses Regieren, darauf setzt Bouffier. Im U-Boot-Jargon spricht man von Schleichfahrt. Die Opposition trieb das in den vergangenen Jahren zur Verzweiflung. Es gab schlicht kaum Angriffsfläche.

In Oberaula zählt der Ministerpräsident dann auch die Erfolge der vergangenen fünf Jahre auf. Er versucht, die Stimme etwas zu heben, um den Fakten mehr Nachdruck zu verleihen. Die Tonlage verändert sich kaum, wirkt nur etwas gepresster: niedrigste Arbeitslosigkeit seit Jahrzehnten, unter den Top drei der sichersten Bundesländer bei der Zahl der Straftaten, bei den Aufklärungsquoten bundesweit vorn mit dabei. Und und und. Bouffier klopft sich mit diesen Worten selbst fleißig auf die Schulter und fordert zu Optimismus auf: "Diese Republik erstickt im Moll." Applaus.

Volker Bouffier auf Wahlkampftour
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Volker Bouffier auf Wahlkampftour

Doch es bleibt das Problem: Bouffier würde zum aktuellen Zeitpunkt schlicht die Mehrheit fehlen. Dazu müsste schon ein dritter Partner her: "Es ist kein Geheimnis, dass ich im Bund immer ein Fürsprecher von einem Jamaika-Bündnis war." Doch die FDP scherte aus.

In Hessen zieren sich die Liberalen ebenfalls. Der FDP-Vorsitzende René Rock favorisiert einen Wechsel im Land. Zuletzt sah es so aus, als würde er lieber mit der SPD als mit der CDU koalieren. So tief sind die Wunden, als die CDU 2013 plötzlich die Grünen in die Regierung holte. Doch die SPD schwächelt in Hessen, liegt bei 23 Prozent. SPD und FDP müssten gemeinsam deutlich zulegen und versuchen, die Grünen von einer Koalition zu überzeugen. Doch die schielen eher Richtung Union. Eine vertrackte Situation. Also am Ende doch eine Große Koalition? "Zu Spekulationen äußere ich mich nicht", sagt Bouffier.

Der 66-Jährige hat aber noch ein Problem: die Bayernwahl. Sie findet zwei Wochen vor dem Votum in Hessen statt. Niemand weiß, wie sich ein desaströses CSU-Ergebnis und gleichzeitig ein AfD-Erfolg auf Hessen und die CDU auswirken könnte. Solche Trends könnten die Unentschlossenen ebenfalls motivieren, gegen die arrivierten Parteien zu stimmen.

Bouffier versucht es mit Humor, bringt mit Blick auf das Regierungschaos einen seiner flapsigen Sprüche: "Vor einem Jahr, als wir den Termin festgelegt haben, konnte ja keiner wissen, wie das Jahr wird."



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insgesamt 21 Beiträge
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freddygrant 30.09.2018
1. Er labert nicht!
Er hat schon genug gelabert. Seine Jovialität und gespielte Gelassenheit sei ihm gegönnt - dass er mit seinem bisherigen Gelabere keinen zu großen Schaden angestellt hat auch. Wer aber in Hessen politische Visionen und Perspektiven hat hat die letzte Legislatur gezeigt. Die personellen Alternativen in Hessen stehen bereit. Wobei da definitiv nicht die AFD gemeint ist!
Nubari 30.09.2018
2. Auch einer wie Bouffier
kann das Ausbluten der Volksparteien nicht aufhalten. Ein Ergebnis von 28% bis 30% ist im neuen Normal schon ganz respektabel. Mit mehr ist auch im zufriedenen Hessen nicht zu rechnen, wenn 15% Unzufriedene die AfD wählen. An Bouffiers Stelle würde ich schon jetzt auf die Liberalen zugehen, Kreide fressen und an einem Programm arbeiten, welches den Grünen gefällt, das ein, zwei Leckereien für die FDP bietet und die eigene Wählerschaft nicht noch mehr vergrätzt.
friedrich_eckard 30.09.2018
3.
Und in bewährter Manier wird die Möglichkeit einer Mitte-links-Koalition vorsichtshalber nicht erwähnt... obwohl eine entsprechende Mehrheit nach allen neueren Umfragen durchaus erreichbar erscheint und jedenfalls wahrscheinlicher ist als eine Ampelmehrheit, weil nämlich die Partei der Steuervermeider in besagten Umfragen immer mehr oder minder deutlich hinter der LINKEN liegt. Wie werden sich wohl die GRÜNEN verhalten, wenn sie, was ohne weiteres passieren kann, sich zwischen der Schwampel und der Mitte-links-Koalition entscheiden müssen? Die SPD wird ja wohl hoffentlich diesmal wenigstens eine von U-Booten freie Kandidat/inn/enliste zustandegebracht haben... man darf gespannt sein!
neanderspezi 30.09.2018
4.
Dieser Bouffier labert also nicht, das ist schon mal sehr wichtig. Aber was tut er sonst, wenn er nicht labert? Doch nicht etwas gescheit daherreden, das glaubt ihm doch niemand. Vielleicht haben die Hessen von dem Sound, den er gewöhnlich hervorbringt, einfach mal genug und wollen mal wieder andere Töne hören. Was hält eigentlich dieser Herr Bouffier von einem satten Moll aus der Opposition heraus, wär doch mal was anderes, er könnte sich vom Regieren erholen, was vom Publikum durchaus erwünscht wäre.
karlo1952 30.09.2018
5. Man kann es drehen und wenden
wie man will. Die Parteien müssen sich in Zukunft auf Bundes- und Landesebene auf 3er Bündnisse einstellen, ob sie wollen oder nicht.
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