Volker Kauder über Religionsfreiheit "Wo Muslime die Mehrheit haben, hat es jede Religion sehr schwer"

Volker Kauder setzt sich seit Jahren für Religionsfreiheit ein. Hier spricht er über die Anschläge von Sri Lanka, das Verhältnis von Christen und Muslimen - und über seine Abwahl als Unionsfraktionschef.

Prophetenmoschee in Medina
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Prophetenmoschee in Medina

Ein Interview von


Zur Person
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    Der CDU-Politiker Volker Kauder, Jahrgang 1949, war von November 2005 bis September 2018 der am längsten amtierende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Zuvor war er Generalsekretär der CDU in Baden-Württemberg und der Bundes-CDU sowie zwischen 2002 und 2005 Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion. Kauder setzt sich seit langem für verfolgte Christen weltweit ein, dafür wurde er 2014 von Papst Franziskus mit dem päpstlichen Gregoriusorden ausgezeichnet.

SPIEGEL: Herr Kauder, Sie engagieren sich seit Jahren gegen die Verfolgung von Christen. Sind die Anschläge in Sri Lanka für Sie ein Beispiel dafür?

Kauder: Ich setze mich für Religionsfreiheit insgesamt ein. Aber wer das tut, stellt bald fest, dass vor allem Christen bedrängt und verfolgt werden. In Sri Lanka wurden gezielt christliche Kirchen angegriffen, das ist ein Alarmsignal für die Lebensumstände der Christen in Asien.

SPIEGEL: War Ihnen klar, dass das antichristliche Klima in Sri Lanka so stark ist?

Kauder: Ich habe anfangs schon gerätselt, was der Anlass der Anschläge war. In Sri Lanka war es für Christen nie leicht, aber auch nicht lebensgefährlich. Und der lange Bürgerkrieg resultierte primär aus einem ethnischen Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen.

SPIEGEL: Erst der Angriff auf eine Synagoge in Pittsburgh, dann auf zwei Moscheen in Neuseeland, jetzt Sri Lanka - sind das alles Schlachten in einem großen Konflikt?

Kauder: Ein Angriff in Sri Lanka ging offenkundig von einer Terrorzelle innerhalb einer Familie aus. Man wollte, angefeuert vom IS, Rache nehmen für den Überfall in Neuseeland. Ein Anschlag führte zum Gegenschlag ganz woanders. Das macht mir große Sorgen. Es zeigt, dass auch in Ländern, wo bislang keine Gewalt gegen Christen verübt wurde, eine Gefahr existiert.

SPIEGEL: Ist die Gefahr für Christen größer je nachdem, welche Religion in einem Staat dominiert?

Kauder: Jede Religionsgemeinschaft hat es da sehr schwer, wo Muslime die Mehrheit haben oder der Islam Staatsreligion ist. Das muss man einfach aussprechen. Der Islam verbietet die Konversion in eine andere Religion, deshalb interpretieren viele islamische Staaten schon die öffentliche Präsenz von Christen als Missionsversuch. Die Uno-Menschenrechtskonvention hält ausdrücklich fest, dass jeder Mensch seine Religion frei und öffentlich leben und seinen Glauben wechseln darf. Beides geht in islamischen Ländern gar nicht oder nur mit erheblichen Einschränkungen.

SPIEGEL: Welche Rolle spielen die Regierungen bei dieser Unterdrückung?

Kauder: Das ist ein wunder Punkt. Manche Regierungen schützen Christen bewusst nicht, erlassen wie etwa Pakistan harte Blasphemiegesetze, um sich mit ihren Religionsführern gut zu stellen. Andere Regierungen sind zu schwach, um religiöse Terrorgruppen zu bremsen, wie Nigeria im Umgang mit Boko Haram. Auch ist nicht jede religiöse Verfolgung religiös motiviert - oft geht es um schnöde Konflikte, um Grund und Boden. Christen sind oft sesshafte Bauern, Muslime eher Hirtengruppen, die Weideflächen brauchen. Da geht der Streit nur vordergründig um Jesus oder Mohammed.

SPIEGEL: Klingt nicht so, als könnten deutsche Politiker dagegen viel ausrichten.

Kauder: Die erfolgreichste Strategie ist, öffentlich darüber zu reden, vor Ort und in Uno-Gremien wie dem Menschenrechtsrat. Leider ist das Interesse da oft begrenzt. Und jedes Mal, wenn wir über verfolgte Christen reden, erklären uns die Muslime, wir Deutsche seien islamophob. Die Diskussion muss man führen und aushalten.

SPIEGEL: Auch hier wachsen die Spannungen zwischen Muslimen und Christen.

Volker Kauder am Rednerpult im Bundestag: "Fortschritt klappt nur mit den Frauen"
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Volker Kauder am Rednerpult im Bundestag: "Fortschritt klappt nur mit den Frauen"

Kauder: Es gibt wachsende Rivalitäten zwischen muslimischen, christlichen und nicht religiösen Lebenswelten bei uns. Dazu sage ich klipp und klar: Wir sind das Land der Religionsfreiheit. Im Dreißigjährigen Krieg wurde fast ein Drittel der Bevölkerung ausgerottet, im Verhältnis sind das mehr Menschen als im Zweiten Weltkrieg. Wir verlangen deshalb, dass alle Gläubigen einander respektieren. Daran müssen Muslime wie Christen arbeiten.

SPIEGEL: Sind Islam und Christentum für Sie hierzulande gleichberechtigt?

Kauder: Auf jeden Fall können Muslime Moscheen bauen und frei ihren Glauben ausüben. Im Gegensatz zu Juden müssen sie nicht fürchten, wegen ihres Glaubens körperlich attackiert zu werden.

SPIEGEL: Frauen mit Kopftuch werden leider schon tätlich angegriffen.

Kauder: Fest steht: Wenn wir bei uns die Religionsfreiheit nicht schützen, muss ich es im Rest der Welt gar nicht versuchen. Der Schutz beginnt für mich damit, nicht verächtlich über andere Religionen zu reden.

SPIEGEL: Spricht nicht Verachtung aus dem Satz: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland"? Den sagten Sie auch schon.

Kauder: Wenn etwas dazugehört, dann ist es wertbestimmend, inhaltlich prägend. Aber wir sind geprägt durch die christlich-jüdische Tradition. In weiten Teilen Europas hat der Islam nie eine Rolle gespielt. Ich habe auch immer betont, dass die Muslime, die hier leben, zu Deutschland gehören. Ihnen jeden Tag zu sagen, was für eine grässliche Religion sie haben, ist völlig deplatziert. Die sagen doch nicht: Okay, dann werde ich Christ.

SPIEGEL: Es gibt Versuche, einen europäischen Islam herauszubilden. Müsste die Politik das nicht mehr unterstützen?

Kauder: Der Großscheich der Azhar-Universität in Kairo, eine der wichtigsten geistlichen Führungsfiguren der Sunniten, sagte mir, es sei wenig hilfreich, wenn aus der christlichen Welt Reformvorschläge für den Islam kommen.

SPIEGEL: In Deutschland kommen die Vorstöße von Muslimen.

Kauder: Großscheich Ahmed el-Tayeb aus Kairo sagte zu mir: "Sie sehen ja, was die Aufklärung angerichtet hat. Da steht der Einzelne über der Religion." Genau hier liegt der Kern der Diskussion. Bei uns stehen Recht und Gesetz und damit die individuelle Menschenwürde über der Religion.

SPIEGEL: Halten Sie den Islam nicht für reformierbar oder europäisierbar?

Kauder: Ich glaube, diese Entwicklung muss aus sich herauskommen, die Politik kann das nur behutsam begleiten. Wir müssen an Hochschulen Lehrstühle für Islam fördern und verstärkt Imame hier ausbilden. Und wir müssen mehr mit muslimischen Frauen ins Gespräch kommen. Meine ganze Lebenserfahrung ist, dass Fortschritt nur mit den Frauen klappt.

SPIEGEL: Blicken wir bitte noch auf Ihr politisches Leben, das sich seit vorigem Herbst radikal verändert hat.

Kauder: Ich glaube, es war der 25. September 2018.

SPIEGEL: Sie wurden als Unionsfraktionschef abgewählt. Kam das überraschend?

Kauder: Ich habe schon gewusst, auch aufgrund des Bundestagswahlergebnisses, dass es schwierig würde. Aber damit habe ich nicht gerechnet.

SPIEGEL: Waren Sie enttäuscht von Ihren Fraktionskollegen?

Kauder: Im ersten Augenblick war ich enttäuscht. Aber ich bin ja so lange dabei und habe immer wieder erlebt, dass alles nur auf Zeit ist. Deswegen konnte ich mich mit der Situation schnell arrangieren. Da hat mir mein Glaube auch sehr geholfen.

SPIEGEL: "Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand", hat Margot Käßmann mal gesagt.

Kauder und sein Nachfolger an der Fraktionsspitze, Ralph Brinkhaus
imago/ Jens Jeske

Kauder und sein Nachfolger an der Fraktionsspitze, Ralph Brinkhaus

Kauder: Der Satz kommt von Dag Hammarskjöld, dem früheren Uno-Generalsekretär. Er sprach über "das Unerhörte, in Gottes Hand zu sein". Das ist der Punkt. Deswegen lebe ich völlig zufrieden und habe nicht vor, die Restlaufzeit meines Lebens - ich werde dieses Jahr 70, da kann man von Restlaufzeit sprechen - zu grollen.

SPIEGEL: Trotzdem: Würden Sie rückblickend etwas anders machen?

Kauder: Ich glaube kaum, dass ein anderes persönliches Verhalten etwas hätte ändern können. Ich war 13 Jahre Fraktionsvorsitzender. In dieser Zeit ist unglaublich viel passiert. Da war die Griechenland-Rettung, wo mir 60 Kollegen bei der Abstimmung von der Fahne gegangen sind. Dann hatten wir die große Flüchtlingsdiskussion, die die Fraktion aufgewühlt hat. Kurz vor meiner Abwahl dann noch die unsägliche Maaßen-Geschichte ...

SPIEGEL: …Hans-Georg Maaßen, der damalige Verfassungsschutzpräsident.

Kauder: Da war das Ergebnis, dass man einen Menschen, der sich selbst ins Abseits gestellt hat, noch befördert hat. Das hat in der Fraktion natürlich alles zum Kochen gebracht.

SPIEGEL: Nach der Wahl wirkten auch manche Ihrer Kritiker fassungslos. Als hätte man Sie eher versehentlich abgewählt.

Kauder: Auch da gilt mein Satz: Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit hat ein Wahlergebnis produziert. Es mag Sie überraschen, aber ich wünsche mir, dass die Union in ihrer neuen Aufstellung in Partei und Fraktion Erfolg hat. Mich ärgert es, wenn ohne Blick auf das große Ganze persönliche Befindlichkeiten ausgelebt werden, nach dem Motto: "Was ist mir Unrecht geschehen!" Keiner von uns wäre ohne die Partei in wichtige politische Ämter gelangt. Ich habe allen Grund, dankbar zu sein und helfe mit, wo ich das mit meinen eingeschränkten Möglichkeiten noch kann.

SPIEGEL: Sie waren 13 Jahre straff durchgetaktet. Wie haben Sie sich an die Freizeit und die Mühen des Alltags gewöhnt?

Kauder: Ich habe stets nach dem Motto gelebt, der Tag wird kommen, wo du wieder ganz auf dich gestellt bist. So habe ich im Wahlkreis nie Dienstwagen und Fahrer genutzt. Gut, ich fahre auch gern Auto. Aber ich kenne Kollegen, die sich nach Jahren als Minister sehr schwergetan haben, selbst zu fahren. Das konnte mir nicht passieren, ich kann auch meine Flugtickets selbst auf dem Handy darstellen. Ich rate jedem, in bequemen Zeiten nicht zu vergessen, dass es auch anders kommen kann.

SPIEGEL: Wie ist es, politisch nicht mehr mitbestimmen zu dürfen?

Kauder: In der Fraktion rede ich noch mit, aber klar, es ist ein Einflussverlust. Manchmal denke ich, so ist es wohl, wenn Arbeitnehmer in den Vorruhestand gehen. Mir bleibt endlich Zeit für Dinge, die früher liegen geblieben sind: mein Buchprojekt "Das christliche Menschenbild als Kompass in einer säkularen Gesellschaft". Dann reise ich viel, bald nach Ägypten und in den Nordirak, schaue dort nach der Lage der koptischen Christen und Jesiden. Daheim gehe ich es auch ruhiger an, fahre auch mal ein paar Tage an den Bodensee, wo meine Frau herkommt. Meine Freunde haben immer geklagt, dass ich sie vernachlässige. Das stimmt. Das gehe ich jetzt an.

SPIEGEL: Ihre Frau sagt nicht: "Volker, bitte sitz' nicht so herum, geh' doch mal zum Supermarkt"?

Kauder: Nein, gar nicht. Meine Frau hat ihre Praxis in Stuttgart als analytische Psychotherapeutin, sie ist Vorsitzende des C.G.-Jung-Instituts, Präsidentin von "German Doctors", die Krankenhäuser in aller Welt mit Ärzten versorgen. Und sie betreut minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge, die traumatisiert sind. Meine Frau ist mehr unterwegs als ich, sodass keine Gefahr besteht, dass wir uns auf die Nerven gehen.

insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
tormos 28.04.2019
1. Leider wahr.
Wo er Recht hat, hat er Recht.
DiggaAlla 28.04.2019
2. Da tut jemand so
als wäre er religiös. Immer wieder spannend zu sehen, wie wir uns erst dann mit ländern auseinander setzen wenn wir uns einen profit davon versprechen. Wer wusste schon davor was oder wer sri lanka ist??? Wo war kauder als neuseeland passierte? Falscher fuffziger ist das. Ab zu anne will und dort mal ne runde klugsch...
Ein_denkender_Querulant 28.04.2019
3. Und?
Da ist der Herr Kauder aber wirklich sehr schlau. Ich kann auch einiges festellen: "Wo es die Todesstrafe gibt, ist es mit den Menschenrechten nicht weit her" Ja, Religionen wurden immer schon ausgenutzt, um Macht auszuüben, gerade die Christen können davon ein Lied singen. Wir kämpfen seit dem westphälischem Freiden gegen, wir hatte die Aufklärung, wir haben die universellen Menschenrechte definiert und und wir haben eine freiheitliche Gesellschaftsordnung. Darum haben wir auch eine Religionsfreiheit. Und hier darf jeder praktizieren, was er will, solange es im Rahmen des Grundgesetzes bleibt. Gut, die christlichen Arbeitgeber versuchen immer wieder, gegen das Grundgesetz zu verstoßen, aber auch sie werden Stück für Stück vom Verfassungsgericht eingeschränkt, denn Themen wie die Menschenwürde werden höher bewertet als die Religionsfreiheit. Jeder Muslime ist hier im Land willkommen, wenn er unsere Verfassung akzeptiert. Tut er das nicht, wie es auch die gesamte rechte Ecke tut, ist das zwar erst einmal ärgerlich, aber erst aus der Tat heraus wird es zu Verurteilungen kommen. Und nur weil irgendwo in der Welt Religionen unterdrückt werden, wollten wir einen Teufel tun, und uns diesem minimalen Standard anpassen. So denken zwar rechte Feinde der Menschlichkeit, aber die sind zum Glück in diesem Staate weit in der Minderheit. Ein Hoch auf unsere freiheitliche Gesellschaft!
kommentator24de 28.04.2019
4. Ääääh Moment mal ...
Herr Kauder, ich schätze Ihr Engagement sehr! Das will und muss ich vorausschicken. Aber an einem Punkt sind Sie auf dem Holzweg. Der Staat muss sich - bis auf den humanistisch-rechtlichen Schutz der Menschen - aus Religionsfragen heraus halten. Denn das ist nicht seine Aufgabe. So wie es in anderen Ländern islamische Parteien gibt, gibt es in Deutschland sogenannte christliche Parteien. Der Staat kassiert für christliche Glaubensinstitutionen Steuern ein - für andere nicht. Das ist schon eine Benachteiligung. In einigen Teilen Deutschlands müssen Kreuze in Behörden hängen. Das ist eine Diskriminierung anderer Religionen. Das muss aufhören. Nur so entsteht Frieden. Vor allem könnte sich dadurch nach und nach eine zeitgemäße Weltanschauung verbreiten. Nirgends auf der Welt hat sich bislang eine staatliche Vertretung einer Religion bewährt. Auch in Deutschland nicht. Religion und Glaube muss Privatsache sein. Also - gehen Sie doch einfach mit gutem Beispiel voran. Im eigenen Land.
donmartindelamancha 28.04.2019
5. Richtungsweisend
Ein Islam, der sich selbst als einzig wahre Instanz sieht, ist sowohl Einbahnstraße als auch Sackgasse. Umso wichtiger, dass wir beständig daran arbeiten, alle Richtungen offen zu halten und keine Intoleranz tolerieren.
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