Volksfest an der Siegessäule 200.000 Fans pilgern zur Obama-Andacht

2003 protestierten an der Siegessäule massenweise Demonstranten gegen den Irak-Krieg und US-Präsident Bush. Jetzt feierten dort mehr als 200.000 Menschen seinen möglichen Nachfolger - bei Barack Obamas Auftritt herrschte Stimmung wie bei einem Polit-Picknick.

Von , und


Berlin - Barack Obama erscheint genau in dem Moment hinter der Siegessäule, als das Monument die Sonne verdeckt. Mit wenigen behänden Schritten ist er am Rednerpult, wo ihn der Jubel von mehr als 200.000 Menschen umtost. "Thank you, thank you" bedankt sich Obama immer wieder, hebt die Hand. Winkt in die Mitte, nach vorne, nach rechts. Überall sind Zuschauer, und überall sind Kameras. Die wichtigen Kabel-Newssender in den USA übertragen die Rede live - Berlin ist Ort, Amerika Ziel seiner Worte.

Dies sei nicht die Rede eines Wahlkämpfers, betont der US-Senator zu Beginn seiner Rede, "sondern die eines Bürgers".

Eines US-Bürgers, eines Weltbürgers, wohlgemerkt.

Fast hat es den Eindruck, als wolle er seine Zuhörer in Berlin nicht zu viel umschmeicheln, als fürchte er den zu lauten Applaus. Viel nötiger hat Obama den aus der Heimat.

Und dennoch brandet immer wieder Jubel auf rund um die Siegessäule. "Yeah" - das schreit ein kleiner blonder Junge mehrmals, der auf den Schultern seiner Mutter sitzt. Andere rufen "Ja" oder "Oui", es ist ein internationales Publikum.

Ein leises Geräusch war es, ein Knirschen und Schlappen von Schuhen auf trockenem Asphalt und Stein, das bis zum frühen Abend aus dem Tiergarten zu hören war. Die Schaulustigen, viele ziemlich jung, waren über die Straße des 17. Juni Richtung Siegessäule gezogen. Ein Murmeln lag über der Menge, die dahinschlenderte - ohne Plakate, ohne Transparente, wie auf einem großen Picknickausflug.

Ganz anders als 2003, kurz nach dem Beginn des Irak-Kriegs.

Damals zogen im trüben Winter ebenfalls Zehntausende über dieselbe Straße. Es war ein Wald von Plakaten und Transparenten. Es war keine gute Zeit für Amerika, vor allem nicht für ihren Präsidenten George W. Bush.

Die an diesem Abend hierher kommen, setzen auf den Wechsel. Auf Barack Obama, den designierten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. Transparente gegen die US-Politik sind kaum auszumachen. Mancher hat dafür US-Fahnen mitgebracht, wie ein älteres Ehepaar aus Österreich mit Enkelkind. Tapfer hält eine Stallwache der "Sozialistischen Alternative" an der Yitzak-Rabin-Straße ihr Transparent den Massen entgegen. "Statt Aufstockung Truppen raus aus Afghanistan", heißt es da in Anspielung auf die jüngst vom Bundeskabinett beschlossene zusätzliche Entsendung von 1000 Bundeswehr-Soldaten.

Dicht an dicht stehen die Menschen, um halb sieben stockt die Menge - einen halben Kilometer vor der Siegessäule geht es kaum mehr voran. Die Stimmung ist friedlich, entspannt: "Es passiert selten, dass so viele für einen Mann auf die Straße gehen, der vielleicht eines Tages die Welt beherrscht", sagt Simone Pierini, 39, aus Italien. Chantal Meloni, 33, von der Humboldt-Universität, sagt: "Man fühlt sich wie auf einem Rockkonzert".

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit steht vorne an der Goldelse, er hatte den Senator schon am Nachmittag getroffen, ihm das Gästebuch ins Hotel Adlon gebracht. Nun haben sich auch Wowereits Büroleiterin und sein Redenschreiber unter die Massen gemischt. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil im hellen Sommer-Sakko und einige SPD-Freunde sind ebenfalls gekommen. Vielleicht gibt es noch etwas zu lernen für sie.

Obamas Rede ist knapp gehalten - und doch umfassend: Er erinnert an die alliierte Luftbrücke von Berlin 1948, das Ausharren der Berliner während der sowjetischen Blockade, den Satz von Ernst Reuter ("Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt"), den Fall der Mauer, die auch von den Gefahren des Terrorismus handelt. Obama erntet den meisten Applaus, als er das Einreißen der Mauern zwischen Christen, Moslems und Juden verlangt, als er vom "gegenseitigen Lernen", vom "gegenseitigen Vertrauen" zwischen Europa und den USA spricht.

Als Obama seine letzten Sätze an diesem Abend spricht, sieht es aus, als wolle die Sonne noch einmal besonders hell leuchten.

"Ein wunderbarer Mann", sagt Peter de Leeuw. Obama habe klar gesprochen, findet der Holländer - "und er hat die Herzen der Menschen angesprochen." Lino-João Fernandes, wie Obama hat der Angolaner seine Wurzeln in Afrika, ist ebenfalls angetan: "Wir sind natürlich stolz auf ihn, weil Obama ein Vorbild ist." Der Deutsch-Ghanaer Steven Dei fühlt sich vor allem von Obamas Hautfarbe angezogen - und er ist nicht enttäuscht worden: "Ich glaube an ihn".

Auch nach der Rede sucht Obama den Kontakt zu den Massen. Er kommt die paar Stufen zum Absperrgitter hinunter, wo sich die Fans drängen. Es ist das Bad in der Menge, das die Schaulustigen den ganzen Tag über vermisst haben. Denn bis auf ein kurzes Winken hier und da hatte sich Obama beinahe unsichtbar gemacht, lieber den Hintereingang des Hotels Adlon benutzt, statt durchs Hauptportal zu marschieren.

Jetzt aber schüttelt er Dutzende Hände, lacht dieses breite Obama-Lachen. Seine Fans strahlen zurück, geradezu verzückt sehen einige aus, als sie den Senator berühren. Diese fast schon religiöse Verehrung für einen vermeintlichen Heilsbringer - auch in Berlin ist sie nun zu spüren.

Aus den hinteren Reihen drängen weitere Anhänger nach vorn, strecken ihre Hände nach Obama aus, halten ihre Digitalkameras und Fotohandy in die Höhe. Der Kandidat nimmt sich Zeit, läuft die gesamte Front des Publikumsbereiches ab, bevor er sich wieder zurückzieht. Dann ist die Show ist vorbei. Auf der anderen Seite der Siegessäule steigt Obama wieder in seinen weißen SUV, es geht zurück ins Hotel. Durch den Hintereingang.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.