Volksparteien Warum auch die Union in der Krise steckt
Es ist ja richtig: Die Sozialdemokraten befinden sich in einem erbarmungswürdigen Zustand. Nichts ist im Jahr 2009 so gelaufen, wie das im ursprünglichen "Fahrplan" für einen erfolgreichen Wahlkampf verzeichnet war.
Der Auftakt in Hessen im Januar ging mit Aplomb daneben. Die eigene Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten schmiedete das altbürgerliche Lager aus Union und FDP erstmals fest zusammen. Und über den Ausgang der Europawahlen braucht man hier nicht mehr zu reden.
Und dennoch: Verwunderlich ist, dass kaum jemand darauf achtet, wie sehr die Christliche Union der Frau Merkel zerbröselt - auf höherem Ausgangsniveau als die SPD zwar, aber in ihrer Dynamik eher noch kräftiger als die Partei von Müntefering.
Bei den Europawahlen der letzten Dekade, also zwischen 1999 und 2009, büßten CDU/CSU 10,8 Prozentpunkte ein, die Sozialdemokraten "nur" 9,9 Prozentpunkte. Und gerade in ihren klassischen süddeutschen Hochburgen fielen die Verluste der als christlich firmierenden Parteien besonders drastisch aus: In Bayern waren es allein zwischen 2004 und 2009 9,3 Prozentpunkte, im Saarland und in Baden-Württemberg immerhin 8,7 Prozentpunkte. Der CDU jedenfalls gelang es am 7. Juni 2009 in keinem Bundesland mehr, auf Werte über 40 Prozent zu kommen.
In zwei der drei Bundesländer, in denen am 30. August Landtagswahlen stattfinden werden, führte die Europawahl arithmetisch zu rot-rot-grünen Mehrheiten, im Saarland und in Thüringen. Das müsste die CDU gewiss beunruhigen.
Beunruhigen müsste sie auch, dass in jenen Bundesländern, in denen am letzten Sonntag die Wahlbeteiligung an der Europawahl besonders hoch lag, da zeitgleich Kommunalwahlen stattfanden, die Verluste der Christlichen Union überproportional hoch ausfielen. Insofern dürfte auch die Bundestagswahl, mit einer ungleich höheren Wählerpartizipation als zuletzt auf Europaebene, in der Tat noch nicht gelaufen sein. Ganz und gar Zweckpropaganda betreiben Müntefering und Steinmeier also nicht.
Doch das ist es nicht allein. Die Europawahlen haben ein weiteres Mal deutlich gemacht, dass die CDU gerade in den erwerbsaktiven Jahrgängen der Republik als Volkspartei nicht mehr zu charakterisieren ist. Bei den Wählern, die unter 60 Jahre alt sind, erreicht die Union nicht einmal mehr ein Drittel der Voten.
Die jungen Frauen haben sich - trotz Ursula von der Leyen - noch ein Stück weiter von der Merkel-Partei abgewandt. Nur 25 Prozent der 18-24 Jährigen Wählerinnen gaben ihr am letzten Sonntag die Stimme, was ungefähr den Werten für die Grünen entspricht. Nimmt man den Indikator "Bildung", dann kommt die Union auf früher vertraute Spitzenwerte - von 46 Prozent - inzwischen allein bei den formal "niedrig Gebildeten". Bei den Bundesbürgern mit Abitur und Studium schafft die Union dagegen nur mit Ach und Krach soeben noch die 30-Prozent-Grenze.
Das Bildungsbürgertum bleibt die Problemgruppe für die sich bürgerlich nennende CDU - keine besonders gute Basis für die vielzitierte Wissensgesellschaft der Zukunft. Personen in der Ausbildung neigen nur in geringen Teilen zur Union; nicht einmal ein Viertel der Wähler dieser Kategorie hat ihr zuletzt in den Wahlkabinen das Vertrauen geschenkt.
Bemerkenswert ist, dass die Union in eine ähnliche Zangenbewegung geraten ist wie früher schon die Sozialdemokraten. Denn mit nahezu 10 Prozentpunkten am stärksten verloren CDU und CSU bei der Europawahl, wie im übrigen schon bei den Bundestagswahlen 2005, in der Gruppe der Arbeiter/Arbeitslosen auf der einen und im Lager der Selbständigen auf der anderen Seite. Eben das macht die politische Schlussfolgerung für die CDU-Führung so schwierig, macht den Kurs der Partei so inkonsistent. Denn solche Wahlergebnisse sind weder ein Signal für einen verstärkten Herz-Jesus-Sozialkatholizismus, noch für ein streng marktwirtschaftliches Ordnungsmodell à la Friedrich Merz.
Kurzum: Es sieht zweifellos düster aus für die SPD. Aber ganz so strahlend sind die Zukunftsaussichten für die CDU auch nicht. Im Gegenteil.