Volksvertreterdeutsch Warum Politiker nicht auf Verbalschrott verzichten können

Wer hat das gesagt: "Wer Musikschulen schließt, schadet der Inneren Sicherheit"? Und wer das: "Angela Merkel ist die geduldige Jägerin der balzenden Auerhähne"? Politiker lieben gestelzte Sinnlosphrasen und misslungene Metaphern. Vom ihrem Wattesprech kann man fürs Leben lernen.

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Hamburg - Kennen Sie Rainer Brüderle? Den Namen haben Sie schon mal gehört, können ihn aber gerade nicht einordnen? Keine Sorge, das dürfte den meisten Menschen so gehen. Rainer Brüderle ist eine Art Untoter der deutschen Politik. Er ist immer irgendwie dagewesen, war aber nie richtig wichtig. Seit gefühlten 150 Jahren ist er der Wirtschaftsexperte und stellvertretende Parteivorsitzende der FDP. In den Wochen vor der Bundestagswahl 2005, als alle dachten, jetzt werde Rot-Grün unter Gerhard Schröder abgewählt und durch Schwarz-Gelb unter Angela Merkel ersetzt, dachte auch Rainer Brüderle, er könnte vielleicht mitregieren.

Kanzlerin Merkel: "Ich kann über nichts sprechen, worüber noch nicht gesprochen worden ist"
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Kanzlerin Merkel: "Ich kann über nichts sprechen, worüber noch nicht gesprochen worden ist"

Dass Angela Merkel dann zwar Kanzlerin wurde, aber ohne die FDP, hat ihn ordentlich verdrossen und so schoss er sich schnell auf die vermeintliche Untätigkeit der Großen Koalition ein. "Im Wahlkampf hat Angela Merkel die Maggie Thatcher gespielt. Jetzt spielt sie die Frau Holle, die überall weiße Flocken auf die Problemfelder streut", nörgelte er im Dezember 2005.

Ganz offensichtlich hält Rainer Brüderle Frau Holle für ein schlechtes Vorbild. Das ist einigermaßen irritierend, denn Frau Holle ist eine nette ältere Dame, die zwei Schwestern zum Aufschütteln der Federn anstellt: Die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Die Fleißige belohnt Frau Holle mit einem Goldregen, über die Faule schüttet sie Pech. Moral: Leistung muss sich lohnen. Was nichts anderes ist als die Essenz sämtlicher liberaler Parteiprogramme. Frau Holle würde also FDP wählen – aber ironischerweise war das Herrn Brüderle wohl nicht ganz klar.

Politiker lieben es: Viel reden, nichts sagen

Wie konnte das passieren? Hat Brüderle das Märchen von Frau Holle nicht genau gelesen? Oder seine eigenen Parteiprogramme? Kann schon sein. Der wahre Grund aber ist die Art, wie Politiker mit Sprache umgehen. Stundenlang sitzen sie in langweiligen Gremiensitzungen über Texten in drögem Bürokratendeutsch. Und dann, plötzlich, müssen sie raus, das Ganze erklären. Im Bundestag, vor der Öffentlichkeit, vor den Kameras. Jetzt müssen sie schlagartig witzig sein, sympathisch und ach ja, am wichtigsten: volksnah.

Die Menschen wollen knackige, klare Botschaften, und das Fernsehen will nichts über zehn Sekunden. Im verzweifelten Bemühen um das plastischste Zitat, das anschaulichste Bild, verrutschen dann schnell mal die Bezüge, werden Metaphern schief und Vergleiche bizarr.

FDP-Urgestein Brüderle ist bei weitem nicht der Einzige, dem die Sprachbilder entgleiten wie glitschige Fische. Gerne greifen unsere Spitzenpolitiker in die rhetorische Trickkiste, um Freund, Feind und Wähler hinters Licht zu führen: Mit vorgetäuschtem Expertenwissen, absichtlicher Vagheit und einer fatalen Liebe zu substantivierten Verben. Der homo politicus liebt den Wattesprech: Viel reden, nichts sagen.

Vor lauter buntem Worthülsenfeuerwerk gerät er dann selbst gerne mal in sprachliche Untiefen, fällt herein auf trügerische Vereinfachungen und sperrigen Bürokratenjargon. Am komischsten wird es, wenn man sich ausmalt, was passieren würde, nähmen wir die Politikersätze tatsächlich ernst und dächten sie konsequent weiter.

"Wer Musikschulen schließt, schadet der inneren Sicherheit"

Was meinte etwa Otto Schily, der damalige Bundesinnenminister, als er Ende 2004 sagte: "Wer Musikschulen schließt, schadet der inneren Sicherheit"? Was wollte uns Angela Merkel sagen, als sie während der Koalitionsgespräche nach der Wahl 2005 meinte: "Ich kann über nichts sprechen, worüber noch nicht gesprochen worden ist"? Und waren wir nicht alle sehr erleichtert, als das saarländische Umweltministerium 2006 in einer Presseerklärung ein für allemal festhielt, dass "der Charakter des Waldes und sein Erscheinungsbild in erster Linie durch die Bäume bestimmt werden"?

Einige Spitzenpolitiker schlagen besonders gern über die sprachlichen Stränge. FDP-Chef Guido Westerwelle etwa, der mit einer interessanten Definition von Freundschaft aufwartet ("Wolfgang Gerhardt ist mein liberaler Parteifreund, mit dem war ich nicht nur Bier trinken, sondern auch schon Ski fahren") oder Wirtschaftsminister Michael Glos, der den Kampf um die Unionskanzlerkandidatur so schön wie verwirrend beschrieb: "Angela Merkel ist die geduldige Jägerin der balzenden Auerhähne." Die Welt ist wieder ein Stück komplizierter geworden, seit auch Michael Glos Metaphern verwendet.

Doch auch wer nur sporadisch in "Tagesschau" oder "heute" auftritt, kann die Finger nicht vom Verbalschrott lassen. Manche sprachlichen Kunst- und Fehlgriffe sind für die Darsteller im Polit-Theater derart verführerisch, dass sie aus dem Alltag der Berliner Republik nicht mehr wegzudenken sind. Zum Beispiel:

  • Das schiefe Bild: Wer Kompliziertes verständlich machen und dabei locker rüberkommen will, greift zu einem Sprachbild. Als Politiker zu einem möglichst populären. Doch die gewagten Konstruktionen aus gewähltem Bild und eigener Aussage lassen den Zuhörer oft ratlos zurück. Wie bei diesem Satz von Bundesbildungsministerin Annette Schavan: "Wer den Zeitgeist heiratet, wird schnell Witwe."
  • Wattesprech: Um es sich möglichst mit niemandem zu verderben, trotzdem aber ins Fernsehen zu kommen, verwenden Politiker Sprache gerne als Nebelwerfer, wie Ex-Finanzminister Hans Eichel, der im Frühjahr 2004 über ein Steuermodell sagte: "Wir haben eine enorme Entlastung oben in vielen Fällen, und wir haben tendenziell eine Belastung unten." Heißt: Die Reichen zahlen weniger, die Armen mehr. Aber das klingt doch irgendwie ziemlich hässlich.
  • Hinkende Vergleiche: Gerne aus den Bereichen Sport (Achtung, Volksnähe!) oder Naturwissenschaft (wirkt objektiv und unbestechlich). Beispiel: "Dies ist eine Aufgabe, die mindestens die Quadratur des Kreises, wenn nicht die Kugelmachung des Würfels bedeutet." (Angela Merkel während der Verhandlungen über die Große Koalition Ende 2005).
  • Die Fährte des Amtsschimmels: Substantivierungen, Bandwurmsätze, gestelzte Formulierungen – auf die hässlichen Attribute bürokratischer Sprache verzichten Politiker selten. Oft, um Herrschaftswissen und Pseudokompetenz zu signalisieren, häufig aber auch unbewusst, wie Kurt Beck, als er im Mai 2007 das neue Grundsatzprogramm der SPD vorstellte: "Ich erhoffe mir eine deutliche Verlebendigung der inhaltlichen Diskussion." Wer Sätze von sich gibt, so lebendig wie ein Dorf im Hunsrück um 23 Uhr, muss sich nicht wundern, wenn er weggeputscht wird.

Dabei waren die vergangenen Jahre durchaus spannend, politisch betrachtet: Rot-Grün unter Schröder, der Aufstieg Angela Merkels von der belächelten Ossi-Frau zur machtbewussten Kanzlerin, der irrlichternde Edmund Stoiber, die Querelen in der großen Koalition.



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