Volkszorn in Mittenwald Schädel-Schänder? Holzköpfe!

"Vollidioten", "Holzköpfe", "die gehören eingesperrt": Das Alpen-Städtchen Mittenwald ist in heller Aufregung über die Totenschändung in Afghanistan. Einige der Gebirgsjäger kamen von dort. Der Touristenort geht eilig auf Distanz - manche giften, in Wahrheit seien die Ossis schuld.

Von , Mittenwald


Mittenwald –"Die g'hören eing'sperrt, dass ihnen die Rippen krachen!" Es brodelt in Hermann Salminger, einem eigentlich gemütlichen Oberbayern im Trachtenjanker. Salminger ist im elften Jahr Bürgermeister von Mittenwald, Kreis Garmisch-Partenkirchen, nur einen Steinwurf von Österreich entfernt. Seit Mittwoch spricht ganz Deutschland von dem 8500-Einwohner-Idyll nur noch im Zusammenhang mit den "Mittenwalder Totenschändern". Jenen Gebirgsjägern der Bundeswehr also, die sich beim Einsatz in Afghanistan posierend mit einem Schädelknochen ablichten ließen.

Edelweiß-Kaserne in Mittenwald: "Des ist koa Spaß"
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Edelweiß-Kaserne in Mittenwald: "Des ist koa Spaß"

Bundeswehr und Staatsanwalt ermitteln gegen sechs verdächtige Soldaten, mindestens zwei von ihnen sollen in Mittenwald stationiert gewesen sein, Mitglieder des Gebirgsjägerbataillons 233. Bürgermeister Salminger kommt gerade aus der Kaserne im Norden der Stadt, um acht Uhr in der Früh hatte er einen Termin beim Kommandeur. "Der hat mir versichert, dass jetzt gnadenlos hart durchgegriffen wird, der Militärstaatsanwalt ist schon da", sagt der 67-jährige Salminger und zieht die Stirn über der Brille in Falten. "Vollidioten" und "Holzköpfe" seien die Leichenschänder, "die machen uns alles kaputt, den Ort und die Gebirgsjäger".

"Fragen Sie doch mal in Chemnitz, Leipzig, Rostock nach"

Mittenwald und seine Soldaten - eine enge Verbindung. Die Stadt ist einer der wichtigsten Bundeswehrstandorte der Republik, von Beginn an. Heute sind hier rund 1400 Gebirgsjäger stationiert. Die Armee ist der größte Arbeitgeber der Stadt, knapp 200 zivile Beschäftigte arbeiten in der Kaserne. Man kennt sich, man schätzt sich. Fredi Huber aus dem Fotogeschäft am Mittenwalder Fritz-Pröls-Platz: "Die Soldaten sind super drauf, das sind fleißige, ordentliche Burschen." Natürlich, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass auch mal ein schwarzes Schaf darunter sei. Aber man dürfe "das jetzt nicht zu sehr aufbauschen".

Nicht übertreiben, nicht aufbauschen, im Grunde habe die Sache mit Mittenwald ja gar nichts zu tun, sagen einige - doch die Stadt ist in Aufregung. Im Zeitungsladen von Steffi Speer am Obermarkt ist die Heimatzeitung seit Stunden ausverkauft: "Um halb acht hab' ich aufgeschlossen, eine gute Stunde später war das 'Garmisch-Partenkirchner Tagblatt' weg", erinnert sie sich. Furchtbar sei der Vorfall, sagt Steffi Speer und fügt entschlossen hinzu: "Von unseren Mittenwalder Soldaten war das keiner, sicher nicht."

Andere werden da deutlicher. Dafür wollen sie aber auch ihren Namen nicht veröffentlicht sehen. Man müsse bedenken, "80 Prozent der hier stationierten Soldaten kommen aus Ostdeutschland, nur eine Minderheit sind echte Mittenwalder". Noch deutlicher: "Fragen Sie doch mal in Chemnitz, Leipzig oder Rostock nach, ob die nicht vielleicht für unsere Probleme verantwortlich sind."

Mittenwald, das "Mördernest"

Der Osten ist schuld, aber Mittenwald bezieht die Prügel? Zumindest Letzteres stimmt: Im städtischen Touristenbüro rief schon eine Frau aus Norddeutschland an, die die Stadt als "Mördernest" beschimpfte. Die einstige Touristenhochburg hat es eh nicht leicht, seit Jahren sind die Besucherzahlen stark rückläufig. "Und jetzt so was", sagt Bürgermeister Salminger. Er glaube zwar nicht wirklich, dass jetzt noch weniger Touristen kommen ("die Leut san net so bleed"), doch "Mittenwald ist in Mitleidenschaft gezogen".

Viel schlimmer aber treffe der Vorfall die deutschen Soldaten: "Uns geht's hier nur an den Ruf. Da unten in Afghanistan geht es ums Leben", sagt Salminger und sorgt sich um die Sicherheit all jener, die er seit Beginn seiner Amtszeit auf dem Mittenwalder Dekan-Karl-Platz immer wieder in den Kriegseinsatz verabschieden musste. Salminger war 1960 selbst als Gefreiter und "Mulitreiber" bei den Gebirgsjägern in seiner Heimatstadt stationiert, er hat die Sicherheitslage am Hindukusch selbst analysiert: "Der Taliban ist gnadenlos, unsere Soldaten da unten sind jetzt gefährdet."

Es ist ein besonderer Tag im bayerischen Oberland. Es ist Fön, die Sonne brennt vom Himmel, als wäre Sommer, das Thermometer zeigt 23 Grad im Schatten. In T-Shirts und Sporthosen verlassen einige Soldaten die Edelweiß-Kaserne am Nordrand der Stadt, eine Runde Joggen durch den Wald.

Nachrichtensperre im Bundeswehr-Idyll

Nein, sie haben keine Zeit, und sagen wollen sie schon gar nichts: "Sie wissen doch, wie es läuft." Es herrscht Nachrichtensperre im Bundeswehr-Idyll. Seit sechs Uhr lauern zwei Übertragungswagen der TV-Stationen auf Informationen. Drinnen ermittelt der Militärstaatsanwalt, doch nichts dringt nach draußen.

Die Bundeswehr ist auf der Hut. Denn Mittenwald ist unter militärischen Gesichtspunkten nicht nur aktuell in den Schlagzeilen, sondern alle Jahre wieder. Seit 1952 treffen sich an Pfingsten alljährlich die deutschen Gebirgsjägerveteranen aus Hitlers Wehrmacht auf dem Hohen Brendten bei Mittenwald. Das Treffen ist höchst umstritten, den Veteranen wird die Beteiligung an Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs vorgeworfen: Auf der griechischen Insel Kephallonia sollen sie 1943 über 4000 gefangene italienische Soldaten erschossen haben. Außerdem soll die Elitetruppe die Deportation der griechischen Juden unterstützt haben. Seit Jahren kommen deshalb auch jedes Jahr Hunderte Demonstranten nach Mittenwald.

Zwar stehen die Mittenwalder treu zu ihren Gebirgsjägern - doch wissen sie durchaus um die Schwierigkeiten im Tourismus, die mit den Pfingsttreffen einhergehen. Jedes Jahr zu Beginn der Saison ist die Ruhe gestört, die Stadt negativ in den Schlagzeilen. Bürgermeister Salminger befürchtet jetzt fürs kommende Jahr verstärkte Proteste: Der Vorfall in Afghanistan sei "Wasser auf die Mühlen" der Kritiker, es sei doch in diesem Jahr "schon an der Grenze gewesen".

Mittenwald und die Schlagzeilen. Im Jahr 2006 war das Städtchen tatsächlich überaus präsent. Als im Juni der verrückte Bär Bruno gejagt wurde, machte der Ausreißer tagelang in der Umgebung von Mittenwald Station - und vertilgte das ein oder andere Schaf der Bauernschaft.

Im Endeffekt, da ist sich Fredi Huber aus dem Fotogeschäft sicher, "war die Sache mit Bruno doch ein Spaß". Doch die Leichenschänder jetzt, "des is' koa Spaß".



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