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22. Februar 2007, 17:04 Uhr

Von der Leyens Kinder-Pläne

Gebärmaschinen-Schelte provoziert Protest - Politiker empört über Bischof

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Der Angriff des Augsburger Bischofs Mixa gegen CDU-Familienministerin von der Leyen löst in Union und SPD Empörung aus. Die Äußerungen seien "erschreckend" und "absurd" - ein Abgeordneter fordert den Rücktritt des Geistlichen.

Berlin - Familienministerin von der Leyen zieht Angriffe von Konservativen auf sich. Erst griff der Brandenburger Innenminister und frühere CDU-Parteichef Jörg Schönbohm das Familienbild der Ministerin an: "Millionen von Männern wird damit unrecht getan". Nun meldet sich der Traditionsflügel der katholischen Kirche zu Wort. Der Augsburger Bischof Walter Mixa verurteilt die Pläne der Ministerin und schimpft, durch mehr Krippen- und Kitaplätze rekrutiere man "junge Frauen als Arbeitskräftereserve für die Industrie". Mixa setzte noch einen drauf: Ein Staat, der eine Kinderbetreuung außerhalb der Familie fördert, degradiere die Frau zur "Gebärmaschine".

Bischof Mixa: "Frauen werden zu Gebärmaschinen degradiert"
DDP

Bischof Mixa: "Frauen werden zu Gebärmaschinen degradiert"

Diese Zitate lösen nun breiten Protest aus - unter den SPIEGEL-ONLINE-Lesern und auch in den Parteien.

Unionspolitiker, darunter Mütter und Väter, sind empört über die Attacke des Geistlichen. "Ich kann mir darüber nur die Augen reiben", erklärt die CDU-Bundestagsabgeordnete Ursula Heinen (42) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Inzwischen dürfte doch auch dem Letzten klar sein: Viele Frauen und Männer in Deutschland entscheiden sich wegen des schlechten Betreuungsangebots gegen Kinder", sagt die Vorsitzende der Frauengruppe in der Unionsfraktion im Bundestag. "Männer, die das nicht verstanden haben, leben in einer anderen Welt", ist sich die Rheinländerin sicher.

"Ohne Kinderfrau hätte ich ein Riesenproblem"

Nicht nur als Politikerin, sondern auch als Mutter stehe sie hinter den Plänen Ursula von der Leyens: Vor knapp einem Jahr ist Heinens Tochter zur Welt gekommen. Die Politikerin und ihr Mann sind berufstätig. Wenn beide Elternteile arbeiten, kümmert sich eine Kinderfrau und ein Au-Pair-Mädchen um die Kleine.

"Wenn ich mir das aber nicht leisten könnte, hätte ich ein Riesenproblem", sagt Heinen. "Ich müsste meinen Beruf aufgeben - oder hätte mich vielleicht von vornherein gegen ein Kind entschieden." Das sei Realität in Deutschland, "und unsere Partei kann die Wirklichkeit nicht verleugnen".

Ihre Parteikollegin Dorothee Bär (28) hält Bischof Mixas Wortwahl für "erschreckend und nicht angemessen". Auch wenn sie "Bischof Mixa persönlich sehr schätze", wünscht sich die CSU-Bundestagsabgeordnete in der Diskussion "deutlich mehr Sachlichkeit". Auch wenn der Bischof keine Kinder habe, so sei er doch schließlich selbst in einer Familie aufgewachsen. Insofern müsse er in dieser Frage mehr Sensibilität an den Tag legen: "Es kann einfach nicht darum gehen, die Positionen gegeneinander auszuspielen", so Bär zu SPIEGEL ONLINE.

Aufwachsen im Vier-Generationen-Haus

Für die Politikerin selbst stellt sich die Krippenfrage nicht: Sie und ihre sechs Monate alte Tochter leben gemeinsam mit den Großeltern in einem Landhaus in Unterfranken. "Ich selbst bin in einem Vier-Generationen-Haushalt groß geworden", erzählt Bär, "mein Kind wächst nun ähnlich auf".

Zusätzlich kümmert sich eine Tagesmutter um das Kind. "Aber wenn ich dieses Privileg nicht hätte, müsste ich mir natürlich einen Krippenplatz suchen". Die Pläne der Familienminsterin seien keine "Zwangsbetreuung", sondern sicherten lediglich die Wahlfreiheit.

Auch das CDU-Präsidiumsmitglied Friedbert Pflüger wendet sich scharf gegen die Äußerungen des Augsburger Bischofs. "So sehr ich Bischoff Mixa schätze, so absurd sind seine Äußerungen zu Ursula von der Leyen", so Pflüger zu SPIEGEL ONLINE.

Die Bundesfamilienministerin leiste hervorragende Arbeit, verteidigte er seine CDU-Parteikollegin gegen die Anwürfe des Bischofs . "Es geht niemanden in der Union um die Herabwürdigung und Entmutigung von Hausfrauen und Müttern, sondern vielmehr um echte Wahlfreiheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und das Kindeswohl", so Pflüger weiter.

SPD-Abgeordneter fordert Rücktritt des Bischofs

Nach den Erfahrungen vieler Menschen würden Kinder in frühkindlichen Kintertagesstätten dem Elternhaus nicht entfremdet, so Pflüger. "Das gemeinsame Spielen, Singen mit Gleichaltrigen ist eine wichtige Ergänzung zur Zuwendung durch das Elternhaus", erklärte Pflüger, der auch Vorsitzender der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus ist. Gerade für Familien mit Einzelkindern und mit Migrantenhintergrund sei das Angebot mit Krippenplätzen eine wichtige Ergänzung.

Pflüger, selbst Vater eines Sohnes und einer Tochter, hatte zusammen mit seiner Frau sein erstgeborenes Kind mit 13 Monaten in die Kindertagesstätte gegeben.

CSU-Fraktionschef Joachim Herrmann warf Mixa "Schwarzweiß-Malerei" vor. "Es wäre unfair und falsch, berufstätigen Müttern die Sorge um ihre Kinder und die Erziehungsleistung abzusprechen", betonte er. Auch gehe es überhaupt nicht darum, "dass Kinder auf den Staat abgeschoben werden sollen".

Rückendeckung bekommt Ursula von der Leyen auch von den Sozialdemokraten: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Schmidt rief Bischof Mixa zum Rücktritt auf. Schmidt warf dem Bischof vor, mit seinen Äußerungen junge Mütter zu verunglimpfen, die nach der Geburt wieder in den Beruf zurück strebten. Mixas Haltung sei von "familienpolitischer Rückständigkeit und einer frauenfeindlichen Grundhaltung» geprägt", so Schmidt am Donnerstag zu SPIEGEL ONLINE.

Schmidt hält die Äußerungen des Bischoffs auch für das Ansehen der Kirche schädlich. "Angesichts einer solchen Haltung ist es kein Wunder, wenn der katholischen Kirche die Mitglieder davonlaufen", sagt Schmidt.

In einem Leserbrief an SPIEGEL ONLINE entrüstet sich auch die Theologin und Autorin Uta Ranke-Heinemann, selbst Mutter zweier Söhne: Bischof Mixa sei "wohl der Allerletzte, auf dessen Rat die Frauen hören". Der Bischof weigere sich "wegen seines pseudotheologischen Hirngespinstes vom Zölibat hartnäckig, zu heiraten und Kinder zu zeugen", so Ranke-Heinemann weiter. Vielmehr wären es die katholischen Bischöfe selbst, "von denen sich Frauen sich zu Gebärmaschinen degradiert fühlen, nach dem katholischen Motto: Kinder, Küche, Kirche".

Zentralkomitee der Katholiken gegen Bischof Mixa

Wenige Stunden nach dem Angriff des Bischofs auf die Familienministerin hagelt es weitere Kritik von allen Seiten. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Hans Joachim Meyer sagte: "Ich kann den Zorn des Bischofs nicht nachvollziehen". Wenn sich Frauen für ein Kind entschieden, sei dies ein Gewinn für sie selbst und für das Land, so Meyer.

Grünen-Chefin Claudia Roth warf dem Bischof vor, einen "Kreuzzug" gegen ein besseres Angebot bei Kinderbetreuungseinrichtungen zu führen. Offensichtlich könne er die Lebensrealität der Menschen, "für die er eigentlich Glaubenshirte sein soll", nicht einschätzen, sagte Roth der Zeitung "Augsburger Allgemeine".

SPD-Chef Beck kritisiert von der Leyen

Aber auch die Bundesfamilienministerin muss Kritik einstecken: SPD-Chef Kurt Beck kreidete ihr in der Debatte um ein verpflichtendes kostenfreies Vorschuljahr eine "erschreckende Ahnungslosigkeit" an. Es könne nicht sein, "dass Frau von der Leyen wie das Christkind durch die Lande zieht, aber nichts im Beutel hat". SPD-Generalsekretär Hubertus Heil forderte erneut konkrete Finanzierungsvorschläge für eine bessere Betreuung von Kindern.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte heute erneut die Pläne zum Ausbau der Krippenplätze vehement verteidigt. Es handele sich um einen Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Frauen. Schon auf dem politischen Aschermittwoch in Demmin am Mittwochabend hatte sich von der Leyen Rückendeckung gegeben. Heute erklärte sie auf einem internationalen entwicklungspolitischen Kongress in Berlin: "Freiheit der Wahl setzt die Möglichkeit der Wahl voraus".

mit ddp/ap

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