Von Holzmann zu Opel Chefsache Firmenrettung

Der Staat als Helfer in der Not: Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier wetteifern um die Rolle des besten Krisenmanagers. 1999 war Kanzler Schröder in dieser Funktion aktiv. Er wollte das Bauunternehmen Holzmann retten - und half damit vor allem sich selbst.

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Berlin - Als Gerhard Schröder das Herz der kleinen Leute zurück eroberte, stand er in der Frankfurter Innenstadt und hatte gerade den Baukonzern Holzmann vor der Insolvenz bewahrt. Da war der Genosse der Bosse einfach nur "Gerhard, Gerhard". Die Belegschaft feierte den Kanzler, man schmetterte das Deutschlandlied und "So ein Tag, so wunderschön wie heute". Der Jubel war laut, aber die Freude hielt nicht lange.

Bundeskanzler Schröder vor der Holzmann-Zentrale 1999: "Gerhard, Gerhard"
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Bundeskanzler Schröder vor der Holzmann-Zentrale 1999: "Gerhard, Gerhard"

Dabei hatte Schröder im November 1999 instinktsicher gehandelt: Im Fall Holzmann wollte er die widerspenstigen Banken "in die Pflicht nehmen". Die Kreditinstitute waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bereit, das hochverschuldete Bauunternehmen Holzmann zu stützen. Doch Schröder wusste um die Verunsicherung der Bürger, sollte das traditionsreiche Bauunternehmen nicht saniert und die Arbeitsplätze gerettet werden.

Mit den Gläubigerbanken, darunter Deutsche Bank, Dresdner Bank, Commerzbank und Hypo Vereinsbank, schnürte der Kanzler ein millionenschweres Hilfspaket. Der Bund gewährte eine Bürgschaft über 100 Millionen Mark, die allerdings nie abgerufen wurde. Schröder sicherte publikumswirksam den größten Teil der 17.000 inländischen Arbeitsplätze und bewahrte die Philipp Holzmann AG vor der Pleite - vorerst.

"Genial-derbes Volkstheater"

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SP) konkurrierten am Montag um die Rolle des besten Krisenmanagers - wobei Merkel sich gekonnt inszenierte. Sie lud die Führung von Opel ins Kanzleramt ein, Steinmeier bat die Betriebsräte der Autobauer zum Krisengespräch. Sie werden dabei auch an Schröder gedacht haben - den "Autokanzler".

Der Altkanzler stilisierte sich stets medienwirksam zum volksnahen Retter in der Not, als der er sich schon als Ministerpräsident in Niedersachsen gezeigt hatte. Im Fall Holzmann verschaffte sein "genial-derbes Volkstheater", wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb, ihm wieder die nötige Unterstützung in Partei und Bevölkerung.

Denn in einem Jahr rot-grüner Regierungsarbeit, in der der Brioni- und Cohiba-Kanzler sich auch von seiner Partei entfernt hatte, waren seine Umfragewerte rapide gefallen. Doch nach der Hilfsaktion für Holzmann verließ er den SPD-Parteitag in Berlin wenige Wochen später als strahlender Sieger. Bei der Wahl der engeren Parteiführung erzielte er das beste Ergebnis.

"Einfliegen, Betrieb retten, ausfliegen"

Dabei konnte Schröder getrost zurückgreifen auf die Erfahrung von Helmut Kohl. Den Arbeitsstil von Kohl als Wirtschaftsberater beschrieben seine Mitarbeiter als "Einfliegen, Betrieb retten, ausfliegen". Das bedeute viel Hektik und wenig Langzeitwirkung, sagte einer seiner Untergebenen damals im SPIEGEL: "Nach einem halben Jahr stehen die gleichen Leute wieder auf der Matte und wollen Geld. Dann kommt der nächste Einsatz."

Auch bei Holzmann hielt der Erfolg nicht lange an. Schon drei Jahre nach Schröders Auftritt meldete der Konzern erneut Insolvenz an. Ein Jahr nach der Rettung sollte die Holzmann-Bilanz eigentlich ausgeglichen sein. Stattdessen verzeichnete das Unternehmen Verluste von 80 Millionen Euro, 2001 waren es schon 237 Millionen Euro.

Später kam heraus, dass die Hilfsaktion für Holzmann 1999 zudem auf falschen Annahmen beruhte. So hatten nicht ehemalige Vorstände die finanziellen Schwierigkeiten vertuscht, sondern die Verluste waren offenbar in der Amtszeit des damaligen Holzmann-Chefs Heinrich Binder entstanden, wie Wirtschaftsprüfer feststellten.

Viel blieb also nicht von den wärmenden Worten Kanzler Schröders, der der Holzmann-Belegschaft an dem kalten Novemberabend 1999 zurief, dass schließlich bald Weihnachten sei - er wolle dafür sorgen, dass die Arbeiter "etwas unter dem Weihnachtsbaum haben". Auch Angela Merkel will den Opel-Mitarbeitern sorgenfreie Feiertage bescheren. Am Montag kündigte sie an, dass eine Bürgschaft für Opel "bis Weihnachten" geprüft sein soll.



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