Vor dem SPD-Parteitag Schröder versucht die Siegerpose

Durch die Holzmann-Rettung, Kohlgate und seinen Werbefeldzug in der eigenen Partei kehrt Gerhard Schröder zu alter Form zurück. Doch ob die fremdelnden Sozialdemokraten ihrem Kanzler deswegen beim Parteitag wieder zujubeln werden, ist fraglich.

Er tut es wieder. Er reißt die Arme hoch, als wollte er sie himmelwärts werfen. Er formt die Finger zum V-Zeichen, wie das die Sieger eben machen. Nur die Augen blitzen nicht so triumphierend wie damals am 27. September, als Gerhard Schröder die Wahl und damit die Kanzlerschaft gewann.

Zur Pose fand der Kanzler auf seiner Tingeltour durch die Niederungen der SPD zurück, zu der ihn Franz Müntefering animiert hatte. Das war ursprünglich ein Werbefeldzug zum Zwecke der Eroberung von Herz und Seele der Partei, eine Bußübung in sozialer Gerechtigkeit, die das Schröder/Blair-Papier, das den gemeinen Sozialdemokraten peinigt, vergessen machen und den Verlust Oskar Lafontaines, der offenbar Herz und Seele der SPD in einer Person war, relativieren sollte. Ach ja, und den Kaschmir-Kanzler und den Cohiba-Kanzler wollte Schröder natürlich auch tilgen.

Die Zigarren raucht der Kanzler noch, wie er gesteht, aber privatim. Und aus der Bußübung ist dank der Umstände der Holzmann-Rettung eine Eroberungskampagne fremdelnder Sozialdemokraten geworden. Der Parteitag war zu diesem Zeitpunkt schon gerettet. Die Delegierten in Berlin werden vermutlich nicht die „Gerhard, Gerhard“-Jubelrufe wiederholen, aber weit davon entfernt dürfte die Stimmung im „Estrel Convention Center“ nicht sein.

Die Gesetze der Mediendemokratie begünstigen den Kanzler, der dank seiner kommunikativen Begabung als Medienkanzler ins Amt kam. Das Drama um die Arbeitsplätze machte aus dem Genossen der Bosse den Genossen der Genossen. So schnell kann’s gehen, wenn dann noch das erzwungene Eingeständnis Helmut Kohls dazu kommt, dass dem Formelkram im Parteispendengesetz nicht die erforderliche Beachtung geschenkt wurde. Wie einer öffentlich dasteht, hängt eben auch davon ab, wie der andere dasteht. Die Wissenschaftler nennen das hochtrabend die Konstellationen- und Konfigurationen-Größe der Politik.

Die kann sich ebenso schnell wieder ändern. Die EU muss nur Einspruch gegen die Rettung Holzmanns durch die Regierung per Staatsintervention erheben, und schon ist der Glanz ab. Und der durch die Parteispendenaffären der achtziger Jahre gestählte gesunde Menschenverstand ruft in Erinnerung, dass sich damals die Praktiken der Parteien zur Umgehung der Gesetze kaum unterschieden haben. Sollte das heute anders sein? Oder gehen die Enthüllungen weiter?

Die Augenblicke, die ein Kanzler so schön findet, dass er sie anhalten möchte, haben leider nur allzu kurze Verweildauer. Und am Ende, wenn wieder gewählt wird, kommt es dann doch darauf an, dass Schröder gut dasteht, weil er die richtige Politik durchzusetzen vermochte.

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