Vorstellung bei der Linken Schwan findet Lafontaine immer noch demagogisch

Gesine Schwan zu Besuch bei der Linksfraktion: bei jener Partei also, mit deren Chef die SPD-Präsidentschaftskandidatin gar nicht gut kann. Das sagte sie ihm auch offen ins Gesicht. Trotzdem erhielt sie Beifall. Ob sie aber im Mai aber auch ein paar Stimmen erhält, blieb offen.

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Berlin - Ziemlich frostig, diese Vorrede. Bodo Ramelow steht vor dem Fraktionssaal der Linken im Bundestag, die Hände auf dem Pult, ernstes Gesicht. Seit er in Thüringen echte Chancen hat, Regierungschef zu werden, wirkt er mitunter besonders präsidial. Doch was er jetzt über Gesine Schwan sagt, die SPD-Präsidentschaftskandidatin, die gleich zu Besuch bei seiner Fraktion sein wird, ist wahrlich nicht besonders freundlich.

Schwan: "Nicht um den heißen Brei rumgeredet"
DPA

Schwan: "Nicht um den heißen Brei rumgeredet"

Beim letzten Mal habe er Frau Schwan gewählt, sagt er: "Diesmal wird sie meine Stimme nicht bekommen." Chancen gegen den Amtsinhaber habe sie ja ohnehin nicht: "Ich glaube, dass nach dem 1. Wahlgang schon alles klar sein wird." Die SPD habe ja auch gar kein Interesse daran, mit der Linkspartei zu kooperieren.

Kurz darauf schwebt sie in den Fraktionssaal ein, ganz in schwarz gekleidet, bleibt eine gute Stunde und danach klingt alles schon ganz anders. "Offen und ehrlich" sei das Gespräch gewesen, sagt Linke-Fraktionschef Gregor Gysi anschließend anerkennend. Die Unterhaltung habe eine "ganze Reihe von Fragen" gestreift - von der Finanzkrise, über Volksentscheide, die Europapolitik bis hin zur Stellung der Frau. "Sie ist eine sehr eigenständige Persönlichkeit, das spricht für sie", urteilt Gysi. Das habe er auch daran gemerkt, dass sie "den Fragestellern nicht immer den Gefallen getan hat, das zu sagen, was sie hören wollen". Von Beifall ist später unter Teilnehmern die Rede.

Sie muss gut gewesen sein bei ihrem Vorstellungsgespräch. Nicht so außerirdisch gut, dass die Linke jetzt ihren eigenen Kandidaten, den Schauspieler Peter Sodann, einfach fallen lassen würde. Aber zumindest ist man sich jetzt ein Stückchen näher gekommen.

Das wird auch Ziel von Gesine Schwan gewesen sein, denn wenn sie hinter verschlossenen Türen offenen Streit gesucht hätte, hätte sie ihre Hoffnung auf den Einzug ins Schloss Bellevue endgültig beerdigen können.

Und diese Hoffnung ist ja ohnehin winzig. In der Bundesversammlung am 23. Mai haben Union und FDP die meisten der insgesamt 1224 Stimmen. Nicht die absolute Mehrheit, die in den ersten beiden Wahlgängen für eine Wiederwahl Horst Köhlers erforderlich ist - aber im dritten Wahlgang reicht auch die relative Mehrheit. Es steht zu erwarten, dass die Linke spätestens in diesem Wahlgang ihren Kandidaten zurückzieht und geschlossen für Schwan stimmt.

Selbst das würde noch nicht reichen: Die SPD-Kandidatin bräuchte zudem mindestens noch die zehn Stimmen der bayerischen Freien Wähler, die eigentlich vorhaben, für Köhler stimmen zu wollen. Mal angenommen, sie würden sich anders entscheiden - dann hätte Schwan 611 Stimmen. Aber 613 sind nötig, um Köhler zu schlagen. Es gibt noch zwei fraktionslose Mitglieder der Bundesversammlung, doch die dürften sich gegenseitig neutralisieren: Der ehemalige CDU-Rechtsaußen Henry Nitzsche sowie Gert Winkelmeier aus der Linken-Fraktion.

Aber Zahlenspiele waren noch nie die Sache von Gesine Schwan. Insgeheim hofft sie, dass bei der geheimen Abstimmung manche aus dem "bürgerlichen" Lager es mit der Fraktionsdisziplin nicht so ernst nehmen und klammheimlich für sie stimmen. Deshalb tourt sie durch die Republik, stattet freien Wählern einen Besuch ab - und spricht mit der Linken in Berlin.

Es gab ja auch einigen Gesprächsbedarf. Im Mai 2008 hatte sie den Chef der Linkspartei, Oskar Lafontaine, scharf angegriffen. Er sei ein "Demagoge" hatte sie damals in einem SPIEGEL-Interview gesagt. Daraufhin stand für die Linkspartei fest: Gesine Schwan wird nicht gewählt. Niemals.

Ob denn Lafontaine heute auch dabei gewesen wäre, will ein Journalistenkollege nach dem Besuch von Schwan wissen. "Na hörense ma, der hat die Sitzung geleitet", poltert Gysi. Und natürlich habe das Wort "Demagoge" eine Rolle gespielt. Aber nur insofern, als dass "jemand erklärt hat, dass er dadurch nicht zu beleidigen ist, und jemand anderes erklärt hat, dass es so auch gar nicht gemeint war".

Grafik: Zusammensetzung der Bundesversammlung
SPIEGEL ONLINE

Grafik: Zusammensetzung der Bundesversammlung

Eine Entschuldigung also? Keineswegs, sagt Gesine Schwan, sie habe überhaupt nichts zurück genommen. "Es ist alles so geblieben wie vor einem Jahr." Sie habe nicht "um den heißen Brei rumgeredet". Lafontaine sei kein Demagoge - "sondern er verhält sich wie einer." Schade, dass Lafontaine nicht neben ihr am Mikrofon steht. Er hatte sich kommentarlos verdrückt.

Die einzig wirklich interessante Frage - nämlich ob die Linke Schwan im Mai wenigstens im dritten Wahlgang wählen wird - lässt Gysi offen. Er sagt nur, Schwans Antworten habe der Partei die Entscheidung für die Wahl erleichtert. In welche Richtung, verrät er nicht: "Aber Sie wissen ja auch, wie sich eine Bundespräsidentenwahl oder die Wahl einer Bundespräsidentin gestaltet, dass es da verschiedene Wahlgänge gibt."

Bodo Ramelow war da vor Beginn des Besuchs direkter. Nur nicht in Anwesenheit von Frau Schwan. Er nahm an dem Gespräch mit ihr gar nicht erst teil.



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